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© Paul Rodriguez / picture alliance
© Beatrice Felder, Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil
 

Unaushaltbar

Ein Tetraplegiker beschreibt den Moment der Erlösung.

Peter Lude schildert in seinem neuen Buch „Querschnittlähmung“, wie er mit seiner Verletzung zu leben gelernt hat. Erst im Zustand totaler Erschöpfung, konnte er befreit aufatmen.

„Eine Querschnittlähmung ist in erster Linie eine Überraschung, eine Verblüffung.“ Das sagt Dr. Peter Lude. Vergleichbar sei das, was ihm am 12. Juli 1984 bei einem Köpfler ins etwas mehr als knietiefe Wasser am Strand von Viareggio in der Toskana widerfuhr, mit einer Gleisunterbrechung: Die nächsten Zeilen sind eine authentische Wiedergabe dessen was in Ludes Kopf vorging: Beim Eintauchen – Zack! – wurde der Fluss des Sprungs plötzlich gestoppt. „Was ist geschehen? Wo bin ich? Ja – ich bin ins Wasser gesprungen.“ Denken konnte ich noch.

Während ein Teil seines Bewusstseins noch nicht verstehen wollte, wieso er sich nicht mit den Armen und Knien vom Sand abstoßen, umdrehen und wieder Atem schöpfen konnte, nahm ein anderer Teil bereits wahr, wie seine Extremitäten leblos im Wasser baumelten. So steht es auch in seinem neuen Buch „Querschnittlähmung – Schritte der Bewältigung. – Die Kraft der Psyche“: Der eine Schienenstrang (Körper) erfährt eine abrupte Unterbrechung, der andere Schienenstrang (Psyche) läuft ungebrochen weiter.

Weltweit werden pro Jahr 250.000 akute Rückenmarksverletzungen verzeichnet. In Österreich gibt es jedes Jahr 400 neue Patienten. Öffentlich diskutiert werden spektakuläre Sportunfälle. Die Hauptursache sind aber alltägliche Ereignisse wie Verkehrsunfälle (50 %), Stürze (24 %), nur 9 Prozent verletzen sich beim Sport. Lude gehört zur Gruppe der Tetraplegiker (Lähmung aller vier Gliedmaßen sowie Einschränkung der Atmung, Anm.).

Die folgende Passage aus Ludes Buch sollte man sich zu Gemüte führen, um die Lage – im doppelten Wortsinn – zu verstehen, in der sich der damals junge Schweizer befand: Ich nahm wahr, wie sich eine Menschentraube um uns bildete. Spürte den stechenden Schmerz im Nacken noch heftiger, als mich Anders (ein Zeuge des Unfalls, Anm.) sachte im heißen Sand auf den Rücken drehte. Und doch war es, als ob der Schmerz mich nicht störe. Ich blickte in die Sonne. Sie blendete mich nicht. So, wie mir auch das Salzwasser nicht in den Augen gebrannt hatte, als ich unter Wasser die Augen aufriss. Alles um mich herum nahm ich genau wahr, ich sah meinen gelähmten Körper leicht gekrümmt auf dem Boden liegen – so vor einer Stunde etwas weiter hinten am Strand beim Sonnenbad. Aber jetzt war mein Körper unempfänglich für jeglichen Bewegungsimpuls. Wäre es nicht mein Blick gewesen, der mir versicherte, dass ich auf mein rechtes Bein schielte, ich hätte geglaubt, ein fremdes Bein zu sehen. Noch schlimmer war die Leblosigkeit der Arme.

Der Unfallhergang wurde nie geklärt. Lude weiß nicht, ob der Sandboden schuld war, ob ihm eine Welle das Genick gebrochen oder ob vielleicht seine starke Halsmuskulatur ihren Teil beigetragen hat, indem sie die Beweglichkeit der Wirbelsäule beim Eintauchen kurzfristig blockierte. Keine Beule, kein Bluterguss, keine Schürfwunde gaben Aufschluss. Doch die Ungewissheit war beileibe nicht die einzige Qual von Ludes ersten Stunden in einem italienischen Spital. Zur Entlastung des verletzten Halsmarks wurde der Kopf unzimperlich in einem Metallgestell festgeschraubt. Zu den Schmerzen im Genick kamen der Druck im Kopf, die Unbeweglichkeit, die Hitze.

31,5 Jahre danach. Peter Lude sitzt im Rollstuhl in seinem Büro in der Schweiz und gibt der Ärzte Woche ein Interview.

Wie haben Sie diese ersten Stunden und die erste Nacht nach der Operation im Querschnittzen-trum Basel erlebt?

Lude: Innerlich versucht der Organismus alles zu mobilisieren. Dabei handelt es sich auch um starke, natürliche psychische Überlebensreaktionen. Wer sich verschluckt, der hustet und wir nicht spontan depressiv. Lebensbedrohliche Verletzungen bewirken immer lebenszuwendende Reaktionen. Der Körper fühlt sich unangenehm an. Es kribbelt im Inneren wie Ameisenlaufen. Da spielen sich von außen nicht sichtbare Prozesse ab, man ist hellwach und lebendig, will die Beine bewegen. Ohne Schmerz- und Schlafmittel war das fast nicht auszuhalten, die Schmerzen wurden immer schlimmer. Man liegt auf einem Kissen, hat aber mit der Zeit den Eindruck, der Kopf liege auf einem Stein. Sich keinen Millimeter bewegen zu können, scheint unaushaltbar.

Gab es irgendetwas, das Ihnen Halt gegeben hat?

Lude: Die Schmerzen. Dadurch behielt ich den Bezug zu mir selber. Das waren Empfindungen, die noch irgendwie vertraut waren. Ich weiß nicht mehr, nach wie vielen Stunden ich in den Zustand der totalen Erschöpfung fiel, da es mir egal war, ob ich sterben würde, obwohl ich nicht sterben wollte. Mir wurde klar, nur mit dem Willen geht es nicht. Meine Atmung war während dieser Zeit stark eingeschränkt, ich fühlte mich wie in einer Ritterrüstung gefangen und, wie gesagt, sehr erschöpft. Aber plötzlich konnte ich einen Atemzug lang frei atmen, ich kann nicht sagen, wie das zustande gekommen ist, aber für vielleicht zwei Sekunden wurde diese Schwere ganz leicht.

Vielleicht, weil Sie nichts mehr wollten, weil Ihnen, auf gut österreichisch, alles wurst war?

Lude:Die Linearität war weg, wenn ich A will, kommt B raus. Stunden später war ich wieder in einer Phase, in der mir alles egal war, und da ging es auf einmal wieder, dieses leichte Einatmen, und diesmal sogar etwas länger, vielleicht fünf Sekunden. Da wusste ich, ich habe mich nicht getäuscht. Und ich habe bemerkt, dass das ein Weg sein könnte, wie ich mit mir künftig umgehen wollte. Auch Fußgänger fühlen sich nicht nur wohl.

Wie bitte? Das müssen Sie erklären. Wie konnten Sie an Ihrem qualvollen Zustand etwas Angenehmes entdecken?

Lude: Der Anfang war qualvoll, nach etwa vier Tagen hatte ich aber bereits erste Erfahrungen mit diesem befreienden Gefühl gemacht. Äußerlich blieb alles unverändert. Das sind ganz unscheinbare, innerliche Zustände, die schreien einen nicht an, das ist wie ein Hauch von angenehm. Daran konnte ich mich orientieren. Der Organismus schafft das auf seine Weise. Ich habe es nach Wochen gewissermaßen zu meinem Hobby gemacht, geradeaus zu liegen. Das war so bequem, es hätte mich gestört, mich bewegen zu müssen. Die kleinste Bewegung hätte meine absolute Ruhe gestört. Man hat mir übrigens schon gesagt, ich sei komisch, als ich keine Schmerzmedikamente einnahm. Mir fehle eine gesunde Depression. Außenstehende denken sich, dass das nicht sein kann, dass der nicht einknickt.

Als Sportler war ich es gewohnt, dass wenn ich gut trainiere, ich mein Ziel erreiche. Mit dieser Hop-Mentalität schaffe ich aber die Wandlung nicht, die sich nach meinem Unfall vollzogen hat. Es ist ein von außen betrachtet unscheinbarer Kampf. Die Erfahrungen aus dem Sport, nicht aufzugeben, die ist hilfreich. Es handelt sich um eine innere qualitative Veränderung, die durch Einschränkung möglich wird: Sportler wie Musiker entwickeln ihre Meisterschaft innerhalb der Begrenzung, denken Sie an eine Violine, eine Klaviatur, an einen Saltoabgang vom Barren.

Sie folgen einer Art Ideallinie?

Lude: Mein Körper hat sich mehr als 30 Jahre nicht aktiv bewegt, ich habe nur wenig funktionierende Muskulatur, sitze viel, aber der Körper macht das mit. Beobachten Sie einen Formel-1-Fahrer während des Rennens, der kann sich in seinem Cockpit kaum bewegen, ist stark eingeschränkt, aber hoch aktiv, hellwach und innerlich lebendig..

Sie haben von Außenstehenden gesprochen, wie können Fachpersonen oder Angehörige helfen?

Lude: Das Fachpersonal soll die inneren Prozesse nicht stören, sondern verstehen, fördern und sie nicht behandeln oder gar mit Medikamenten wegbehandeln. Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass Angehörige im Schnitt diejenigen Reaktionen zeigen, die man von frisch Querschnittgelähmten erwarten würde: hohe Stressreaktionen, wenig puffernde Mobilisierung psychischer Ressourcen. Die Botschaft „Querschnittlähmung“ ist für die Angehörigen genauso ein Schock. Sie müssen damit fertig werden, ohne diese innere Mobilisierung der natürlichen starken psychischen und körperlichen Überlebensmechanismen. Insofern ist es geradezu ein Handicap, nicht querschnittgelähmt zu sein. Ich würde so weit gehen zu sagen, dass Sie unter diesem Aspekt gesehen härter getroffen sind als der Mensch mit Querschnittlähmung.

Gibt es empirische Befunde und wissenschaftliche Nachweise für Ihre  Thesen?

Lude: Gewiss. Wir haben alle Thesen empirisch geprüft. Die Ergebnisse sind wissenschaftlich belegt Dafür wurde mir der Ludwig Guttmann-Preis der DMGP (Deutschsprachige Medizinische Gesellschaft für Paraplegie) verliehen, einmal im Jahr 2004, ein zweites Mal 2011 für eine weitere Längsschnittstudie.

Noch einmal: Die Herausforderung besteht darin, ausgehend von den natürlichen starken psychischen Überlebensreaktionen in eine langfristige Bewältigung überzugehen. Dafür steht im Buch die Metapher des „Airbag-Effekts“. Es geht auch darum, vom innerlich Passiven zum innerlich Aktiven zu werden. Dabei spielen auch die Qualität der Beziehungen und die dadurch vermittelten Werte eine entscheidende Rolle.

Zur Person

Dr. Peter Lude

Peter Lude ist Fachpsychologe für Psychotherapie FSP mit eigener Praxis und als Dozent für Rehabilitationspsychologie an der ZHAW (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) tätig in nationalen und internationalen Forschungsprojekten zur Bewältigung von Querschnittlähmung. Er ist gesund und benötigt keine Medikamente.

Ältere Titel (Auswahl): „Warum das Leben weitergeht auch im Alter und mit Behinderung“ (Petri 2014, 256 S., Hardcover 39 €, ISBN 978-3-03784-045-0); „Klinische Psychologie bei Querschnittlähmung“ (mit P. Strubreither, M. Neikes, D. Stirnimann, J. Eisenhuth, B. Schulz., Springer 2015, 865 S., Hardcover 69,99 €, ISBN ISBN 978-3-7091-1600-5).

Martin Burger, Ärzte Woche 9/2016

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