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Ethik 22. Februar 2016

Was passiert, wenn was passiert?

Studenten arbeiten im klinisch-praktischen Jahr unter ärztlicher Aufsicht und nur auf ärztliche Anweisung. Die Praxis sieht allerdings oft anders aus.

Im klinisch-praktischen Jahr (KPJ) führen Studenten bereits ärztliche Tätigkeiten durch, die schwere Folgen haben können. Die Unsicherheit, die mit der mangelnden Erfahrung einhergeht, führt in stressigen Situationen leicht zu Fehlentscheidungen. Aber wer haftet für die Folgen?

In Deutschland wurden immerhin schon zwei Medizinstudenten im klinisch-praktischen Jahr aufgrund von schweren Behandlungsfehlern verurteilt. Eine Frau lag nach falscher Medikamentengabe durch eine Studentin nach einer Schönheitsoperation im Wachkoma1, ein zehn Monate altes Kind starb, weil durch einen Studenten ein oral zu verabreichendes Antibiotikum intravenös gegeben wurde2. Im ersten Fall war die Medizinstudentin im Nachtdienst alleine gewesen, im zweiten Fall war ein ganz alltäglicher Kommunikationsfehler und ein Flüchtigkeitsfehler aufgetreten – und für die orale Gabe eine Spritze verwendet, deren Konus auch auf das Infusionssystem passte.

In beiden Fällen wäre erfahrenen Ärzten sofort ein Fehler aufgefallen und in beiden Fällen wurden nicht nur die Studenten, sondern auch die jeweiligen Kliniken verurteilt. Dennoch wird den Jungmedizinern wohl nicht nur die rechtliche, sondern auch die persönliche Schuld noch lange begleiten.

Theoretisch dürften solche Fälle freilich nicht passieren. Schließlich arbeiten Studenten im klinisch-praktischen Jahr unter ärztlicher Aufsicht und nur auf ärztliche Anweisung. Die Praxis sieht – wie jeder weiß – anders aus. Was also tun?

Versicherungssumme nicht immer ausreichend

Grundsätzlich ist jeder Student einer österreichischen Universität durch die Hochschülerschaft (ÖH) automatisch haftpflichtversichert. Die Höchstversicherungssumme von einer Million Euro ist allerdings – vor allem bei bleibenden Schäden – nicht immer ausreichend. Zudem ist die Frage, ob die Versicherung zahlt. Sie steigt etwa bei „grober Fahrlässigkeit“ aus. Wie beim Autofahren entbindet die Haftpflicht eben keineswegs von der Sorgfaltspflicht.

Versichert sind auch der niedergelassene Arzt oder das Krankenhaus bei bzw. in dem der Jungmediziner arbeitet. Zudem bieten verschiedene Versicherungshäuser auch spezielle Haftpflichtversicherungen für Turnusärzte an, die auch von Studenten im klinisch-praktischen Jahr in Anspruch genommen werden können.

Das Hauptproblem ist die Balance zwischen dem Wunsch und den Anforderungen, selbstständig zu handeln, und Tätigkeiten, die einfach noch nicht beherrscht werden. Die Grenze muss jeder einzelne Jungmediziner für sich selbst bestimmen. Gerade der Fall der Schönheitsoperation zeigt aber deutlich, dass „Nein-Sagen“ sehr lohnenswert sein kann. Natürlich hätte die Nacht, in der die Studentin mit der Patientin alleine war, ereignislos verlaufen können. Das Risiko eines Problems ist aber bei einer frisch Operierten doch relativ hoch – und seien es nur „normale“ postoperative Beschwerden, deren falsche Behandlung im vorliegenden Fall zu schweren Auswirkungen führten.

Linkhinweise zu Urteilsverkündungen:

1 Landgericht Mainz, Urteil vom 09.04.2014, Az.: 2 U 266/11, z. B. bit.ly/1PQqDib

2 Landgericht Bielefeld, 011 Ns-16 Js 279/11-11/13, bit.ly/1opFycJ

Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 8/2016

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