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Sanitäter im Gespräch mit Flüchtlingen im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen. Die starke Überbelegung und die mangelhafte Reaktion seitens der Behörden haben zu einer humanitären Notlage geführt.
 
Allgemeinmedizin 31. August 2015

Das Leiden der Anderen

Kranke, traumatisierte Menschen werden von Bürokraten unter Druck gesetzt.

Ärzte ohne Grenzen deckt anhand von Einzelschicksalen die unwürdigen Zustände im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen auf. Ethisch brisant an diesem Bericht ist die bestätigte Weitergabe medizinischer Angaben über einzelne Personen an das Innenministerium. Die Konsequenz: Viele Flüchtlinge verstecken ihre Krankheiten, weil sie Repressalien befürchten.

Traiskirchen kann man nicht mehr schönreden. So wie der Bericht von „Amnesty International“ strotz auch jener der Hilfsorganisation von „Ärzte ohne Grenzen“ vor Grauslichkeiten. Deren Bedarfserhebung, „Assessment“ genannt, beruht auf zwei Besuchen, am 6. und am 19. August. Zitat aus dem Bericht an das Innenministerium: Die medizinische und psychosoziale Versorgung der Ankommenden ist derzeit völlig unzureichend und muss dringend ausgeweitet werden. Auch die Unterbringung und das Angebot an sanitären Anlagen kann als unmittelbar gesundheitsschädigend bezeichnend werden.

Bedenklich, was ein junger Mann mit einem schmerzhaften Zahnabszess dem Ärzte-Team schilderte. Er habe keinen Behandlungstermin erhalten und sei kollabiert. Private Helfer haben eine Behandlung außerhalb des Lagers organisiert. Bei diesem Ausgang habe der Patient verabsäumt, die Ausgangsformalitäten einzuhalten. Daraufhin wurde ihm zur Strafe vom Sicherheitspersonal an der Pforte für 48 Stunden der Zugang zum Lager verwehrt. Das Angebot von Ärzte ohne Grenzen sich für ihn an der Pforte zu verwenden, wird vom Betroffenen, der sich außerhalb des Zaunes des Lagers befand, in offensichtlicher Angst abgelehnt. Er befürchtete, er werde dann noch mehr bestraft.

Martin Burger, Ärzte Woche 36/2015

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