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Allgemeinmedizin 30. Juni 2005

Probleme mit der medizinischen Ethik - "Kultivierter Umgang mit dem Begrenzten"

Wo steht die Medizin heute? Was war und was wird sein? Welche neuen Hoffnungen tun sich auf und welche Gefahren drohen? Am Beginn eines neuen Jahres pflegt Prof. DDr. E. G. Huber, Präsident des Österreichischen Grünen Kreuzes für Vorsorgemedizin, jeweils Mediziner-Kollegen einzuladen, um einmal innezuhalten und abseits des alltäglichen - und das heißt nur allzu zu oft: hektischen - Getriebes eine Art Bestandsaufnahme vorzunehmen. In diesem Jahr hatte das Symposium den Titel "Probleme der medizinischen Ethik gestern - heute - morgen" und fand in Salzburg statt. Den Festvortrag hielt Prof. Dr. Helmut Renöckl, Institut für konkrete Ethik und ethische Bildung, Linz. 

Erfreuliche Leistungen mit Folgeproblemen

Renöckls Thema: "Christliche Ethik und medizinische Herausforderung heute", und für seine aktuelle Standortbestimmung warf der Theologe zunächst einen Blick zurück in die letzten Jahre.
1870 starben bei uns Frauen im Durchschnitt mit 33 Jahren und Männer mit 43 Jahren - heute werden sie gut doppelt so alt. 1954 fand die erste Nierenverpflanzung statt - heute kann bereits Hirngewebe verpflanzt werden.
"Innerhalb kurzer Zeit hat die Medizin große Fortschritte gemacht. Ihre Leistungsfähigkeit ist erfreulich, sie schafft aber auch Folgeprobleme". So steuerten wir heute etwa auf eine tendenziell überalterte Gesellschaft zu, auf eine Situation also, mit der die Menschheit noch keine Erfahrung hat. 
Auf den Geburtsstationen werden Frühchen mit gar nur 350 g durchgebracht, allerdings um den Preis, dass es auch die Zahl der Behinderten zunimmt. Was soll die Medizin können? Wo liegen ihre Grenzen? 

Der Patient und das Spezialisten-Kollektiv

Eine Frage, die die Mediziner nicht allein beantworten können. Die Gesellschaft muss entscheiden, was sie möchte. 
Die Hochleistungsmedizin hat nach Ansicht von Renöckl auch entscheidend das traditionelle Arzt-Patient-Verhältnis verändert. Konnte der Leidende sich früher der emphatischen Zuwendung des behandelnden Arztes sicher sein, so hat er es heute vielmehr mit einem Kollektiv von Spezialisten zu tun, die ihre Diagnosen zudem nicht auf Intuition und Menschenkenntnis bauen, sondern auf die apparativen Untersuchungen. Die therapeutischen Interventionen sind heute viel genauer und effektiver, doch der Patient fühlt sich oft nur einsam und ausgeliefert. 

Der vorneuzeitliche Arzt verstand sich noch als Helfer, Begleiter und Tröster der Kranken, er vertraute allein auf natürliche Heilkräfte, größere Eingriffe waren ihm nicht erlaubt, galten gar als Hybris. Im Verständnis der Menschen war der Tod naturgegeben und gottgewollt, insoferne nahmen sie ihn auch als natürliches Schicksal hin. Die Menschen starben früher, aber wahrscheinlich auch friedlicher und ruhiger.

Mit der Hinwendung zur Naturwissenschaft im 19. Jahrhundert und damit zu Spezialisierung und Quantifizierung hat die Medizin nach Renöckls Ansicht entscheidende Qualitäten verloren: "Das Nicht-Quantifizierbare, Unverzweckhafte, Freie, Schöne, Geschenkhafte findet zu wenig Raum und Aufmerksamkeit."

Nun könne die Geschichte aber nicht um 200 Jahre zurückgedreht werden, auch wolle keiner auf die Errungenschaften der modernen Medizin verzichten. Und ohnehin sei nicht die Technik das Hauptproblem, es käme vielmehr auf einen humanen Umgang mit ihr an.
So täte es beispielsweise Not, in unserer Zeit, da geradewegs fast alles machbar scheine und jede Krankheit besiegbar, wieder zwischen beseitigbaren und unbeseitigbaren Leid zu unterscheiden. Ja, die dem Leid genauso innewohnende Qualität nicht zu vergessen.
"Das Krankenbett führt ja oft auch zu einer Entschleunigung. Der Patient kommt zur Ruhe, auch zu sich selbst." Heil bedeute in diesem Fall, dass er wohl nicht von seiner Krankheit befreit werde, aber zu einem inneren Frieden finde. 

Die WHO-Definition von Gesundheit, die unter anderem von "vollkommen körperlicher, geistiger und sozialem Wohlbefinden" spricht, sei einerseits verdienstvoll, da sie viel in der Sozialgesetzgebung bewirkt habe, andererseits fordere sie nichts weniger als "den perfekten Menschen, den es aber tatsächlich nicht gibt." So blockiere sie die Fähigkeit des Patienten, unvermeidliche Belastungen und Leiden auszuhalten.

Wenzel Müller, Ärzte Woche

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