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Allgemeinmedizin 3. Juli 2012

Noch gesund, schon krank?

Erweiterter Begriff von Gesundheit und Krankheit.

Mit einem wissenschaftlichen Symposium über die Grenzen der Intensivmedizin wurde Anfang Juni das neue Zentrum für Ethik in der Medizin an der Kremser Donauuniversität offiziell eröffnet. Themen der zweitägigen Veranstaltung waren der Grenzbereich zwischen psychischem Gesund- und Kranksein und neue Konzepte für die Schnittstellen Medizin, Psychotherapie und Beratung.

 

Wie lässt sich Krankheitswertigkeit definieren, ab wann ist jemand arbeitsunfähig? Wer bestimmt über diese Grenze und wie funktioniert hier die interdisziplinäre Zusammenarbeit? Und: Wie weit reicht die Selbstverantwortung für die eigene psychische Gesundheit? Diesen brisanten Fragen widmete sich das Department für Psychotherapie und Biopsychosoziale Gesundheit der Donau-Universität Krems vom 1. bis 2. Juni im Rahmen der 9. Kremser Tage.

Der Gesundheitsbegriff

Gesundheit kann als subjektiv erlebte und bewertete sowie von außen wahrgenommene genuine Qualität der Lebensprozesse im Entwicklungsgeschehen des Körper-Seele-Geist-Subjekts (Leib-Subjekt) und seiner Lebenswelt definiert werden. Gesundheit ist demnach dadurch gekennzeichnet, dass der Mensch sich selbst ganzheitlich und differenziell in leiblich konkreter Verbundenheit mit dem Lebenszusammenhang wahrnimmt und im Wechselspiel von protektiven und Risikofaktoren entsprechend seiner Vitalität/Vulnerabilität Bewältigungspotenziale, Kompetenzen und Ressourcenlage, kritische Lebensereignisse bzw. Probleme zu handhaben und sich zu regulieren und zu erhalten vermag und schließlich, dass er auf dieser Grundlage seine körperlichen, seelischen, geistigen, sozialen und ökologischen Potentiale ko-kreativ und konstruktiv entfalten und gestalten kann und so ein Gefühl von Kohärenz, Sinnhaftigkeit, Integrität und Wohlbefinden entwickelt (Petzold, 2003; Leitner, 2010).

„Was heißt ‚gesund sein’ heute?“

„Mit den heutigen Anforderungen nach Gesundsein rücken wir in die Nähe von Vorstellungen über ein gelungenes, wenn nicht sogar glückliches Leben. Gesellschaftlich betrachtet, ist Gesundheit eine sozial ungleich verteilte biopsychosoziale Ressource, für die nicht nur das Gesundheitswesen zuständig ist. Denn wer über Gesundheit spricht, darf nicht über Armut, Arbeitslosigkeit und Bildungsferne schweigen. Zudem ist Gesundheit ein Wert, der oft sonntags gepredigt wird und schon montags kaum mehr zählt, weil wir uns – nicht selten freiwillig – krank arbeiten“, betonte Prof. DDr. Rolf Haubl von der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt/Main.

Eine Frage der interdisziplinären Zusammenarbeit

„Resilienzförderung in psychosozialen Krisen – eine Frage der interdisziplinären Zusammenarbeit“ eröterte Prof. Dr. Barbara Juen vom Institut für Psychologie der Universität Innsbruck. Anhand von Fallbeispielen aus der Angehörigenbetreuung erörterte sie die Notwendigkeit der interdisziplinären Zusammenarbeit im Feld der psychosozialen Unterstützung nach kritischen Ereignissen auf. „Resilienz als Fähigkeit, Krisen durch Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zu meistern und als Anlass für Entwicklungen zu nutzen, soll nach traumatischen Ereignissen gefördert werden. Dies ist nur durch den Beitrag der einzelnen im Feld tätigen Berufsgruppen sowie durch enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zu erreichen“, so Juen.

Verwirklichungschancen für ein gutes Leben

„Gesundheitsförderung rückt die Frage in den Mittelpunkt, welche Ressourcen wir Menschen als Subjekte brauchen, um ein gutes Leben führen zu können. Die Gewinnung von Selbst- und Sozialwirksamkeit ist dabei ein zentrales Kriterium“, unterstrich Prof. Dr. Heiner Keupp, Universität München. „Sowohl in der aktuellen Diskussion um „Verwirklichungschancen“ (capabilities im Sinne von Martha Nussbaum und Amartya Sen) als auch im salutogenetischen Konzept von Aaron Antonovsky geht es um die Bedingungen guten Lebens. Diese Impulse sollen zu einer wirksamen Strategie der Gesundheitsförderung zusammengeführt werden. Mehr Chancen für gesundes Aufwachsen lässt sich auf das Prinzip der Befähigungsgerechtigkeit verdichten“, so der Experte.

Zufriedenes Resümee

Der Leiter des Departments für Psychotherapie und Biopsychosoziale Gesundheit, Prof. Dr. Anton Leitner, MSc, zog in seinen Schlussworten ein zufriedenes Resümee über den interdisziplinären Gedankenaustausch und den verständnisvollen Umgang zwischen den verschiedenen Berufsgruppen im Gesundheitswesen. Die Evaluation zeigte, dass die Teilnehmer sowohl von den Vorträgen als auch Workshops profitierten.

 

Nähere Informationen unter www.donau-uni.ac.at/kremsertage

Quelle: 9. Kremser Tage, 1. bis 2. Juni 2012, Donau-Universität Krems

Von M. Strausz , Ärzte Woche 27/28/2012

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