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Etwa 80.000 Patienten wurden weltweit Elektroden für eine THS implantiert, die meisten Erfahrungen gibt es bei Morbus Parkinson.
 
Neurologie 17. April 2012

Stromstöße im Gehirn

Hirnstimulation kann den Charakter von Patienten verändern.

Parkinson, Demenz und Zwangsstörungen: Die tiefe Hirnstimulation findet immer mehr Anwendung. Doch was bislang unbemerkt blieb – die Stromstöße können bei Patienten den Charakter verändern.

 

Klassische Therapien bei Morbus Parkinson sind Medikamente und Physiotherapie. Zunehmend etabliert sich aber auch hier die tiefe Hirnstimulation (THS). „Wenn die Wirksamkeit von L-Dopa im Verlauf der Behandlung nachlässt, entwickelt sich häufig eine ,on-off‘-Symptomatik mit Hypo- und Dyskinesien“, sagte Prof. Dr. Lars Timmermann von der Uni Köln bei der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie in Köln.

Therapierefraktäre Patienten, bei denen hypokinetische Phasen mit „freezing“ und anderen Gangstörungen im Vordergrund stehen und Patienten mit ausgeprägtem Tremor als Hauptsymptom profitierten oft von der THS. Es besserten sich die Beweglichkeit und Lebensqualität oft deutlich, auch dann, wenn Medikamente nicht mehr wirkten.

Etwa 80.000 Patienten wurden weltweit Elektroden für eine THS implantiert, die meisten Erfahrungen gibt es bei M. Parkinson. Vor allem Fluktuationen und Dyskinesien bei fortgeschrittener Erkrankung lassen sich durch Stimulation des Nucleus subthalamicus (STN) auch langfristig gut kontrollieren.

Außerhalb der Neurologie wird die THS bei therapierefraktären Patienten mit psychiatrischen Störungen angewandt wie schwerer Depression oder Zwangskrankheiten.

Patienten sind kommunikativer

Die meisten der mit den implantierten Elektroden angesteuerten Hirnareale sind multifunktional: Die Nervenfasern sind nicht nur in Verbindung mit benachbarten Strukturen, sondern projizieren auch in entferntere Areale, die Stimmung und Verhalten modulieren.

„Es mehren sich Berichte, dass die tiefe Hirnstimulation Identitätsveränderungen bei Patienten hervorrufen kann“, betonte Prof. Dr. Christiane Woopen vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin des Universitätsklinikums Köln, Stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrats. Woopen untersucht in Kooperation mit den Neurologen des Kölner Klinikums die Frage der Identitätsänderung durch THS. Für 30 Patienten liegen Ergebnisse über einen Zeitraum von mindestens zwölf Monate nach Operation vor.

Auch die Angehörigen wurden befragt. Danach gab jeder dritte Patient und jeder zweite Angehörige an, Charaktereigenschaften hätten sich durch die Therapie verändert: Zum Beispiel seien die Patienten selbstsicherer geworden, könnten mehr Freude empfinden, seien humorvoller, kommunikativer oder motivierter geworden.

Aber auch erhöhte Aggressivität, , Impulsivität, gesteigertes Risikoverhalten oder Gleichgültigkeit wurden bemerkt. Auf jede zweite Partnerschaft wirkte sich die THS aus: Meist hatte sie sich verschlechtert, ergaben die Befragungen.

Für Woopen und die behandelnden Ärzte bedeutet dies: Patienten sollten vor Behandlung immer gemeinsam mit Angehörigen über mögliche Veränderungen der Identität aufgeklärt werden.

Sowohl die Kranken als auch die Angehörigen benötigen während der THS eine psychosoziale Begleitung. Die Stimulationsparameter sollten nicht nur motorische Funktionen bessern, sondern auch kognitive, emotionale und soziale Fähigkeiten erhalten oder wiederherstellen.

„Eine THS mit STN-Stimulation ist offenbar bei Parkinsonpatienten häufiger mit Veränderungen der Identität und des Verhaltens assoziiert als zum Beispiel eine Thalamus- oder Pallidumstimulation“, so Timmermann. „Vor allem bei Parkinsonpatienten mit erhöhten Risiken erwägen wir darum, die Elektroden eher im Globus pallidus zu implantieren.“

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