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Kinder- und Jugendheilkunde 13. Februar 2008

Kleine Genussmenschen

Natürlich könnten weniger Fett und Zucker den Weg zu einer gesunden Ernährung weisen. Doch Kinder lassen sich beim Essen nicht von Appellen beeindrucken. Nur eine Esserziehung, die auch die Sinne anspricht, kann auf den mündigen Umgang mit den Verlockungen der Überflussgesellschaft vorbereiten.

Bereits im Jahr 2000 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO Adipositas zum am schnellsten wachsenden Gesundheitsrisiko in den Industrienationen erklärt. Besonders betroffen: Kinder und Jugendliche. Für Österreich liegen aktuelle Zahlen der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde vor: Rund 28 Prozent der sechs- bis 18-jährigen Jungen sind übergewichtig und rund 25 Prozent der gleichaltrigen Mädchen – Tendenz stark steigend. Freilich geschieht dies mit verheerenden medizinischen, ökonomischen und psychologischen Folgen: Erst einmal wird mit zunehmender Dauer und Ausprägung der Adipositas die Behandlung immer schwieriger. Übergewichtige Kinder nehmen meist weiter zu und bleiben mit hoher Wahrscheinlichkeit übergewichtig. Chronisches Übergewicht in der Kindheit und Jugend muss – unabhängig von seinem Fortbestehen – als eigenständiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankun­gen, viele chronische Krankheiten und einige Krebsarten gelten, die bereits in jüngeren Jahren auftreten. Immer wieder verweisen Experten auf die immensen Kosten, welche die Adipositas für das Gesundheitssystem verursacht. Knapp fünf Prozent aller Gesundheitsausgaben werden für die Behandlung der Adipositas und ihrer Folgen aufgewendet (in Österreich laut Schätzungen 1,1 Milliarden Euro). Übergewichtige Kinder und Jugendliche leiden häufig unter sozialer Ausgrenzung. Bei fast drei Viertel der Betroffenen leidet das Selbstwertgefühl so darunter, dass sich kein stabiles, positives Körperbild entwickeln kann.

Orientierungslos im Überfluss

Leider kann man sich heute nicht des Eindrucks erwehren, dass trotz der Tragweite des Problems weniger nach einer Lösung denn nach Schuldigen gesucht wird. Im Fadenkreuz: Lebensmittelproduzenten und Gastronomen – allen voran die Quick-Service-Anbieter.
Anklage und „Bestrafung“ greifen jedoch aus ernährungswissenschaftlicher wie soziologischer Sicht zu kurz. Der Kampf gegen das chronische Übergewicht kann nicht allein auf (gesundheits-)politischer Ebene gewonnen werden. Die Schlacht muss dort geschlagen werden, wo sie tagtäglich stattfindet – in jedem Einzelnen. Denn es sind nicht die Verlockungen des Schlaraffenlandes, sondern das Unvermögen, richtig mit ihnen umzugehen, die Kinder dicker werden lassen. Was Kindern nämlich fehlt, ist ein Leitfaden für den Umgang mit dem Überangebot. Und wo es keine Essregeln gibt, sind sie in gefährlicher Weise sich selbst und äußeren Reizen ausgesetzt. Den Eltern ist kaum ein Vorwurf zu machen: Sie sind vielfach mit der Esserziehung überfordert. Die Ursachen dafür sind vielfältig. So vollzog sich eine Zäsur im Nahrungsmittelangebot, die so schnell kam, dass weder Körper noch Kultur auf sie vorbereitet waren. Von Jahrtausenden des Mangels geprägt, fehlen Strategien für den Umgang mit dem Zuviel. Alte Kulturtechniken, tradierte Tischsitten, ritualisierte Mahlzeitenrhythmen – sie alle taugten nicht mehr als Orientierungshilfen. Mehr noch: Sie erwiesen sich angesichts wirtschaftlicher, sozialer und gesellschaftlicher Veränderungen als kontraproduktiv und lösten sich auf. Allen voran der familiäre Mittagstisch, einst Inbegriff der gutbürgerlichen Gesellschaft, war er doch mit der Flexibilisierung der Arbeitszeiten und der Auflösung der Geschlechterrollen kaum vereinbar.

Neue Orientierungsmuster

Seither sind Eltern auf der Suche nach neuen Regeln. Sie wälzen sich durch Ernährungsratgeber, löchern Kinderärzte mit Fragen und schielen neidisch auf des Nachbarsjungen Appetit. Nur um sich am Ende eines zu fragen: „Is(s)t mein Kind eigentlich richtig?“ Doch das ist die falsche Frage. Sie müsste lauten: „Is(s)t mein Kind noch richtig?“ Denn die Kleinen starten mit den denkbar besten Voraussetzungen in ihr Leben als Esser: Sie essen nur dann, wenn sie Hunger haben. Und sie wissen, was ihnen schmeckt und gut tut, denn sie sind kleine Ernährungsexperten. Babys besitzen etwas, was Biochemiker vor Neid erblassen lässt: einen natürlichen Instinkt für Nährstoffe und Kalorien. Ein Phänomen, das die amerikanische Ärztin Clara Davis schon in den 1920er-Jahren in einem mittlerweile legendären Experiment bewiesen hat. Sie ließ drei Kinder zwischen sechs und neun Monaten mehrmals täglich aus frisch angerichteter Speisen wählen. Es gab unter anderem Obst, Gemüse, Fisch, Eier und Getreide, Innereien, Gemüse, Fleisch – und zwar grob zerkleinert, nicht gewürzt, roh oder in Dampf gegart. Der Verzehr wurde protokolliert und die Nährstoffe berechnet: Die Kinder suchten sich genau das aus, was ihr kleiner Körper brauchte und gut verwerten konnte, denn sie entwickelten sich prächtig.

Training für das Schlaraffenland

Doch ein guter Start garantiert noch kein siegreiches Rennen. Es kommt eben auch auf den Trainer an, ob man es erfolgreich bis zur Ziellinie schafft. Die Trainer sind in diesem Fall die Eltern, und der Trainingsplan heißt Genusserziehung. Ein gutes Training kennzeichnet nicht nur die ideale Auswahl der Lebensmittel und ihre gesunde Zubereitung. Mit rationalen Ernährungsempfehlungen, die die Sinne nicht ansprechen, kommt man bei Kindern nicht weit. Dass sie im Alter einmal an Osteoporose leiden könnten, wenn sie zu wenig Milchprodukte zu sich nehmen, interessiert sie herzlich wenig. Solche Appelle sind nicht nur wirkungslos, sondern auch kontraproduktiv. Für Kinder ist Gesundheit Normalität und per se keine Verlockung, etwas Bestimmtes zu essen. Das Einzige, was Kinder lernen, wenn sie „zu ihrem Wohl“ mit Spinat und Co. traktiert werden, ist, dass Gesundheit mit Druck, Verzicht und schlechtem Geschmack verbunden ist.

Genusserziehung

Besser ist es daher, beim ,Training‘ auf die Vermittlung von Genussfähigkeit zu setzen. Wer die Ernährung seiner Kinder umstellen will, muss zuerst das Denken und Fühlen, also ihr Verhältnis zum Essen verändern. Ein medizinisch wünschenswertes Essverhalten ist nur dann erreichbar, wenn man nicht nur über Risikofaktoren Bescheid weiß, sondern dieses Wissen Bestandteil eines Lebensstils der genussvollen Gefühlslagen ist. Ein gesundes Essverhalten wird demnach nicht durch Askese oder genussfeindliche Vorschriften gefördert, sondern durch die Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen und Emotionen. Und: mit dem bewussten Genießen.
Dass die Aufforderung zum Genuss-bejahenden Hedonismus kein Luxus ist, sondern Voraussetzung für eine gesunde Ernährung, zeigen Studien: Wer genießt, isst nicht nur bewusster und damit gesünder. Er verwertet die aufgenommenen Nährstoffe auch viel besser. In einer empirischen Untersuchung bekamen Versuchspersonen eine Mahlzeit aus Hamburgern, Bohnen und Kartoffelpüree serviert. Die eine Hälfte der Probanden erhielt das Menü appetitlich angerichtet, der anderen Hälfte wurde es als eingestampfter Brei serviert. Die Konsumenten des Breis nahmen 70 Prozent weniger Eisen aus der Mahlzeit auf als die Vergleichsgruppe.
Zudem stärkt Genießen das Selbstbewusstsein, hebt die persönlichen Antriebs- und Leistungsniveaus an, fördert die Entspannung und den Stressabbau und wirkt depressiven Befindlichkeiten entgegen. Genussfähigkeit steht in einer ausgeprägten wechselseitigen Beziehung zum Gesundheitsverhalten: Genießer treiben öfter Sport, vermeiden Auslöser psychosomatischer Beschwerden, sind seltener einsam und ergreifen häufiger Maßnahmen zur Gesundheitsprophylaxe. „Genussunfähige haben im Vergleich zu Genussfähigen ein deutliches Defizit an Wissen und Vorstellungsvermögen hinsichtlich der Küchenvielfalt“, berichtet eine Studie der EFH Freiburg. Im Folgenden wird beleuchtet, wie Eltern pädagogisch auf das Zuviel reagieren und einen genussvollen „Trainingsplan“ aufstellen können:

1: mit Genuss­pause starten
Genussfähigkeit ist lehr- und lernbar – indem man im Alltag hedonistische Nischen pflegt, in denen positive Gefühle in Bezug auf das Essen gedeihen können. Ein Beispiel: Statt das eben an der Supermarktkasse erstandene Eis auf dem Weg zum Auto zu verschlingen und sich hinterher über klebrige Finger und ein bekleckertes Shirt zu beklagen, kann man sich auch gemeinsam mit dem Kind auf eine Parkbank setzen und beim Schlecken ganz bewusst wahrnehmen, wie das Erdbeeraroma die Nase kitzelt und die gefrorenen Partikel auf der Zunge zergehen. Genuss braucht eben Zeit, und die sollte man sich ab und an nehmen. Sicher können sich nur wenige Familien den Luxus leisten, jeden Tag ein sorgfältig zubereitetes Mahl gemeinsam zu genießen. Aber es lassen sich sicher Tage finden, an denen es möglich ist. Für die Zwischenzeit können auch schnelle Convenience-Produkte ansprechend serviert und genossen werden. Ein Salat veredelt die Tiefkühlpizza zu einem kleinen Dinner.

2: guter Trainingspartner sein
Kinder entwickeln ihr individuelles Essverhalten in der Familie. Das Tischmotto sollte daher sein: nicht abstrakt von Ernährung reden, sondern Genuss konkret vorleben. Denn Eltern steuern nicht nur das Lebensmittelangebot, sie sind auch ein Vorbild. Studien zeigen: Kinder sind ihren Eltern in punkto Vorlieben und Abneigungen sehr ähnlich.

3: präferenzen prägen
Das Geschmacksrepertoire von Kindern entwickelt sich in den ersten sechs bis sieben Lebensjahren. In der ersten Lebensphase überwiegt die innere, die biologische Orientierung. In dieser Zeit werden die meisten persönlichen Esserfahrungen gesammelt, die ein Leben lang anhalten. Kinder essen das gern, was sie häufig essen. Ernährungspsychologen nennen das „erfahrungsbedingte Gewohnheitsbildung“. Vertrautheit erzeugt Gefallen. Pizza und Pommes werden also deshalb gerne gegessen, weil es sie überall gibt und weil Eltern sie kaufen – erleichtert darüber, dass das Kind wenigstens irgendwas isst. Lehnt der Nachwuchs dagegen Salat und Co ab, tendieren frustrierte Mütter und Väter dazu, dies in der Folge zu vermeiden und servieren diese Gerichte nicht mehr. Sie vergessen dabei, dass es nicht reicht, Kindern eine Speise nur einmal anzubieten. Studien zeigen, dass Kinder Lebensmittel zwischen acht und zehn Mal testen, bis sie sich eine Meinung darüber gebildet haben.

4: Training: Spaß, nicht Zwang
Wer Kinder zwingt, bestimmte Lebensmittel zu essen, andere zu meiden, hat das Rennen bereits verloren. Zwang zerstört die Freude am Essen und untergräbt die kindliche Kompetenz. Ein Erwachsener kann ahnen, was dem Kind schmeckt und wann es genug hat. Wirklich spüren kann das aber nur das Kind selbst. Die Aufgabe der Eltern ist es, mit dem Kind zu trainieren, sich nur so viel zu nehmen, wie es essen kann. Nicht der leer gegessene Teller, sondern das innere Gefühl sollte als Zeichen der Sättigung betrachtet werden.

5: Keine Belohnung/Bestrafung
Essen nicht als Belohnung oder Bestrafung einzusetzen, ist für die meisten Eltern ein No-Na. Dennoch zeigt sich, dass gerade diese Regel in der Praxis eine besondere Herausforderung ist. Denn manchmal wollen Kinder einfach (fast) nichts essen. Und dann neigen Eltern vielfach dazu, den Nachwuchs zum Aufessen zu motivieren, sprich: mit Essen fürs Essen zu belohnen. Doch dadurch lernen Kinder nur, dass sie für ihr Verhalten, die Essensverweigerung, mit Süßigkeiten belohnt werden.

6: Verhandlungssache
Statt Kinder mit Aussagen wie „Oh, das schmeckt aber gut“ zu locken, etwas Spezielles zu probieren, lohnt es sich, sie von Anfang an zu ermuntern, sich auf ihre eigenen Geschmackserlebnisse und -eindrücke zu verlassen. Ein Kind, das sich hier ernst genommen fühlt, wird eher dazu neigen, einem bestimmten Gericht eine zweite Chance zu geben. Wer beim Essen dagegen kritisiert wird, wird sich verschließen und jeden Tag auf Pommes mit Ketchup bestehen.
Wenn ein Kind sich entschieden hat, nur Spaghetti mit Tomatensauce zu essen, hat es die Verantwortung für seine Ernährung bereits übernommen. Eltern könnten sie ihm nur durch Gewalt entziehen. Besser: mit dem Kind verhandeln. Vielleicht mag es ja doch einmal eine andere Sauce ausprobieren.

7: Sinnlich werden
Gerade für Kinder spielt das Sinn-Erlebnis eine große Rolle. Mit ihnen nähern sie sich der Welt. Mit Händen, Augen, Ohren, Mund und Nase „ertasten“ sie Lebensmittel, ihre Konsistenz und Temperatur, ihren Duft und ihre Form. Kinder mit auf den Wochenmarkt zu nehmen oder aktiv in das Kochgeschehen einzubinden, schult ihre Sinne und ihr Verständnis für Lebensmittel als Genussmittel.

8: Heikelsein als Hilfe
Kinder haben besonders feine Geschmacksknospen. Daher ist es nicht überraschend, dass sie manchen Geschmacksnuancen nichts abgewinnen können. Kinder sind außerdem visuell orientiert, mit einem ausgeprägten Sinn für Form und Farben. Nicht zu unterschätzen ist daher die Kraft der Optik in Bezug auf das, was auf dem Teller liegt. Viele Kinder weigern sich, bis zur Unkenntlichkeit Zerdrücktes zu probieren. Ihr Essen soll dem von Mama gleichen. Hilfreich kann daher sein, das Fleisch von den Beilagen streng getrennt zu servieren.

9: Appetitlosigkeit kommt vor
Der Appetit von Kindern schwankt von Zeit zu Zeit. Das ist ganz natürlich, es gibt einfach Phasen, in denen der Organismus viel Energie zum Wachsen braucht und dann wieder nicht. Leider neigen Eltern dazu, ihre Aufmerksamkeit auf Portionsgrößen zu fokussieren. Und das rächt sich. Denn Kinder reagieren darauf unterschiedlich: Entweder sie beugen sich den Wünschen der Erwachsenen und essen auf, um Mama und Papa glücklich zu machen. Was nicht selten zu Übergewicht führt. Oder aber sie kooperieren im umgekehrten Sinne und verweigern bei Tisch das Essen, um außerhalb der Mahlzeiten ihren Hunger mit hochkalorischen Snacks zu stillen – mit schlechtem Gewissen und ohne Genuss.
Man ist leicht versucht zu glauben, ein gesundes Essverhalten, das Übergewicht und ernährungsbedingten Krankheiten vorbeugt, ließe sich einfach planen und im Alltag umsetzen. Dabei verlieren Eltern oft das Wichtigste aus dem Auge: So früh wie möglich jene Wurzeln zu legen, die dem Kind den ganz individuellen Umgang mit den Verlockungen der Lebensmittelindustrie ermöglichen und das Rüstzeug geben, für sich eine gute Wahl zu treffen. n

Mag. Hanni Rützler ist Ernährungswissenschaftlerin und Psychologin; www.futurefoodstudio.at.
Der Originalartikel erschien in voller Länge in pädiatrie &
pädologie 06/07 (SpringerWienNewYork).

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