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Ernährung 7. Mai 2008

Auslöser der Nahrungsmittelkrise

Während in New York City die Restaurantgäste die Kalorien ihrer Mahlzeit zählen müssen, um der drohenden Fettleibigkeitsepidemie zu Leibe zu rücken, zählen die Menschen von Neu Delhi die Reiskörner. Der Grund dafür sind die im letzten Jahr rasant gestiegenen Lebensmittelpreise. Menschen, die sich ihr täglich Brot nicht mehr leisten können, protestieren jetzt weltweit.

Ein im Wissenschaftsmagazin The Lancet publizierte aktueller Artikel thematisiert die derzeitige Krise der weltweiten Nahrungsmittelpreise und versucht mögliche Maßnahmen aufzuzeigen, um gegen das humanitäre Desaster vorzugehen.
Die Krise gefährdet die Stabilität vieler Entwicklungsländer. Der Anstieg der Getreidekosten um 130 Prozent und der Reiskosten um 120 Prozent im letzten Jahr führte Millionen Menschen in die Hungersnot und weitere 100 Millionen in die Armut. Somit konnte einer der acht Millennium-Entwicklungsziele, nämlich die Zahl der an Hunger und Armut leidenden Menschen bis 2015 um die Hälfte zu reduzieren, nicht einmal ansatzweise umgesetzt werden.

Viele Faktoren ausschlaggebend

Epidemiologen schätzen, dass die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 auf drei Milliarden ansteigen wird. Diese Menschen benötigen auch mehr Nahrungsmittel, insbesondere Fleisch, das wiederum zur folgenden Problematik führt: Je größer die Nachfrage nach Fleisch, desto größer ist die Getreideverfütterung an Zuchttieren. Schließlich werden neun Kilogramm Weizen benötigt, um ein Kilogramm Fleisch zu erzeugen.
Weitere Gründe für die kritische Ernährungssituation sind die durch Umweltkatastrophen verursachten Ernteausfälle. Auch die US-Immobilienkrise hat dazu geführt, dass Investoren versuchen, von der starken Nachfrage nach Agrarprodukten zu profitieren. Oft werden dadurch die Preise noch mehr in die Höhe getrieben. Einer der wichtigen Ursachen sind aber die subventionierten Überschussprodukte, die von wohlhabenden Nationen auf den Märkten der Entwicklungsländer zu Billigpreisen entsorgt werden und damit die Lebensgrundlage der lokalen Farmer in diesen Ländern zerstören.

USA fördern Produktion von Biotreibstoffen

Auf immer mehr Feldern wächst statt Nahrung Rohmaterial für Treibstoff. Viele Industrienationen versuchen durch die Förderung von Biotreibstoff die Abhängigkeit vom Erdöl zu minimieren. Dabei wurden z. B. in den USA massive Ethanol-Subventionen beschlossen, die dazu führten, dass Millionen von Hektar amerikanischer Kornfelder zum Biotreibstoff-Boom beitrugen. Amerikanische Autos verbrennen derzeit so viel Getreide, dass der Importbedarf von 82 Ländern mit Nahrungsproblemen gedeckt wäre. Dank der europäischen Gegenbewegung überdenkt die Europäische Union ihre Position, die einen Anteil von zehn Prozent Biotreibstoff bis zum Jahr 2020 vorsieht. Auch der UN-Generalsekretär erwägt einen Weltkrisengipfel zum Thema abzuhalten.
Nahrung ist ein komplexes politisches Thema, und schnelle Lösungen sind nicht ausreichend. Ohne einen Langzeitplan wird jede Maßnahme nur ein vorläufiges Wundpflaster darstellen. Die internationale Gemeinschaft ist gefordert, zusammenzuarbeiten, um faire und tragfähige Lösungen zu finden.

Quelle: Editorial. Finding longterm solutions to the world food crisis. Lancet 2008; 371: 1389

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