zur Navigation zum Inhalt
 
Ernährung 5. März 2008

Das liebe Gröstl im Visier

Internationale und nationale Initiativen fördern sie, Experten predigen sie und auch die kleinen und großen Esser sind willig, in den scheinbar sauren Apfel zu beißen – die nachhaltige Ernährung ist buchstäblich in aller Munde, doch ihre individuelle Umsetzung scheint schwer verdaulich. Das Buch Ernährungsalltag im Wandel bietet einen Überblick über Ernährungspraktiken in Österreich und wurde kürzlich mit dem Förderpreis Ernährungskultur 2007 ausgezeichnet.

Ein Großteil der Österreicher ernährt sich falsch. „Wir essen zu viel, zu süß, zu fett, zu salzig, zu viel Fleisch, zu wenig Fisch, zu wenig Ballaststoffe. Wir trinken zu viel Alkohol und zu wenig Wasser“, fasst Dr. Sigrid Holzmann, Institut für Pharmakologie und Toxikologie, Universität Graz, die Esssünden zusammen. Die negativen Folgen des Nahrungswohlstandes sind spürbar: „Die Zunahme ernährungsmitbedingter Krankheiten und deren Folgekosten stellen ein wachsendes gesellschaftliches Problem dar“, erklärt Dr. Walpurga Weiss, Ernährungswissenschaftlerin und Koautorin des vorliegenden Buches. Eine unausgewogene und energiereiche Ernährungsweise in Kombination mit Bewegungsmangel wird für die heutigen Geißeln der Menschheit, wie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2 und Übergewicht, mit verantwortlich gemacht. Gesundheitliche Probleme wie Lebensmittelallergien werden auch auf Umweltverschmutzungen und belastete Lebensmittel zurückgeführt. Des weiteren sind in der Nahrungskette neue Gefahren wie der Vogelgrippe-Virus H5N1 oder BSE aufgetreten. Daher propagiert die WHO seit Mitte der 1980er Jahre eine Neuorientierung der Gesundheitssysteme, hin zu einer nachhaltigen Gesundheit, die auch Programme für nachhaltige Ernährungskonzepte erfordert.

Was bedeutet Nachhaltigkeit in der Medizin?

Unter dem Begriff Nachhaltigkeit versteht man, dass die gegenwärtige Generation ihre Bedürfnisse befriedigt, ohne die Fähigkeit der zukünftigen Generation zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können. Prof. Dr. Peter Paulus, Leiter des Instituts für Psychologie und Prof. Dr. Ute Stoltenberg, Institut für Umweltkommunikation, beide Universität Lüneburg, erklären in ihrem Buch „Agenda 21 und Universität – auch eine Frage der Gesundheit?“ den Zusammenhang von Nachhaltigkeit und Gesundheit: „Gesundheit ist auf eine nachhaltige Entwicklung, die ökologisch, ökonomisch und sozial verträgliche Lebensbedingungen und den Respekt von kulturellen Charakteren anstrebt, angewiesen.“ Umgekehrt könne das gesellschaftliche Ziel der Nachhaltigkeit nicht ohne die Erfahrung individuellen Wohlbefindens und die Erkenntnis von Zusammenhängen zwischen diesem und ökologischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Fragen dauerhaft erreicht werden.
Nachhaltigkeit erfordert somit, Probleme von mehreren Seiten zu betrachten und, was die Medizin anlangt, einen erweiterten Begriff von Gesundheit. Das biomedizinische Modell der Humanmedizin kann diesem Anspruch kaum gerecht werden, da meist weder die soziale noch die ökologische Umwelt in Diagnose oder Therapie einbezogen werden. Weiterführende Ansätze wie das „Bio-öko-psycho-soziale Modell“ fordern, dass das Ursache-Wirkungsprinzip der Schulmedizin um eine salutogenetische (nach dem Medizinsoziologen Aaron Antonovsky), gesundheitsförderliche Sichtweise ergänzt werden sollte. Dieses Modell würde auch dem prominenten Stellenwert von Gesundheit in unserer Gesellschaft entsprechen, welche sich zunehmend in eine Gesundheitsgesellschaft entwickelt.
Während früher stärker religiöse Vorstellungen im Vordergrund standen, wird heute dem funktionierenden und ästhetischen Körper eine zentrale Bedeutung zugewiesen, postulierte der Medizinhistoriker und -theoretiker Prof. Dr. Dr. Heinrich Schipperges. Weiss ergänzt: „Mit dem steigenden Gesundheitsbewusstsein und Wissen über Risikofaktoren wird Gesundheit immer weniger als Schicksal, sondern als ‚machbar‘ aufgefasst.“

Gefahrenquellen des Ego-Gesundheitstrips

Mit diesen Entwicklungen gehe die Gefahr einer zu starken Individualisierung der Gesundheitsverantwortung einher, schreibt Weiss. Es sei eine zunehmende Moralisierung von Gesundheitsfragen mit entsprechendem sozialen Druck wahrnehmbar, die in eine Ideologisierung von Gesundheit münde: „Es wird suggeriert, dass es ein eindeutig richtiges und falsches gesundheitsbezogenes Handeln gäbe. Menschen, die falsch handeln, werden oftmals als ‚schlechte‘ Menschen mit vermeintlich mangelnder Disziplin und Kontrolle stigmatisiert“, so Weiss. Das betrifft vor allem auch die Ernährung.

In der Theorie gewinnt das Obst, in der Praxis die Stelze

Nationale und europäische Ernährungsberichte zeigen einen Trend in Richtung steigendes Ernährungsbewusstsein, der sich im Obst- und Gemüseverbrauch widerspiegelt. Dem Wiener Gesundheitsbericht 2004 zufolge ist für 56 Prozent der Befragten eine gesunde und ausgewogene Kost persönlich wichtig, weitere 41 Prozent schätzen sie persönlich als eher wichtig ein. Personen mit höherer Bildung messen gesunder Ernährung dabei deutlich mehr Bedeutung zu als weniger gebildete Personen.
In der Praxis ernährt sich die österreichische Bevölkerung aber noch immer zu fett und sehr traditionsbewusst. Empfehlungen von Experten sind zwar großteils in das Alltagswissen eingedrungen und Expertenwissen ist leichter zugänglich geworden, dennoch habe die Aufklärung kaum auf das eingewirkt, was die Österreicher täglich zu sich nehmen, schreibt Weiss: „Im Gegensatz zu ihrer Einstellung geben nur mehr rund 37 Prozent der Befragten an, sich im Alltag auch gesundheitsbewusst zu ernähren.“ Und immerhin 6/7 der übergewichtigen Frauen und fast 9/10 der übergewichtigen Männer unternehmen nichts gegen ihre Gewichtsprobleme in Hinblick auf eine Umstellung ihrer Ernährungsgewohnheiten.

Emanuel Munkhambwa, Ärzte Woche 11/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben