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Ernährung 10. Juli 2007

Die schädliche Wirkung von hoher Fruktosezufuhr

Die zunehmende Verwendung von Fruktose als Süßungsmittel wird verdächtigt, die Adipositas-Epidemie in den USA mit auszulösen. Dort wird Maissirup in großen Mengen in Softgetränke gemischt. In Mitteleuropa wird Fruktose vor allem als die Süße der Früchte angepriesen. Der Begriff suggeriert, dass sie gesünder als herkömmlicher Haushaltszucker ist. Jüngste Studien entlarven diese Ansicht jedoch als fatalen Irrtum.

 Saftglas
„Fruchtsüße“ verleiht Obstsäften zusätzliche Süße mit hohem Fruktoseanteil.

Foto: Buenos Dias/photos.com

Im reifen und süßen Obst ist in kleinen Mengen Fruktose enthalten. Wer sollte bezweifeln, dass „die Süße von Früchten“ dem Menschen bekömmlich ist? Zwar verursacht Fruktose Bauchgrimmen und Durchfall, wie Diabetiker wissen, denen Fruchtzucker früher als Diabetikerzucker empfohlen worden war. Aber den Blutzuckerspiegel lässt der Einfachzucker langsamer ansteigen als das Disaccharid aus Glukose und Fruktose, besser bekannt als Haushaltszucker.
Neue Studien zeichnen freilich ein düsteres Bild vom Fruchtzucker. Eine kürzlich bei der Jahrestagung der American Diabetes Association in Chicago präsentierte Studie von Prof. Dr. Kimber Stanhope von der University of California hat ergeben, dass der Konsum von fruktosehaltigen Getränken einen weitaus ungünstigeren Einfluss auf die Gesundheit hat als der von Getränken, die mit Glukose gesüßt sind. Die 23 Probanden, alle übergewichtig oder adipös (BMI 25 bis 35), erhielten während der Versuchsdauer eine balancierte Diät mit moderatem Fettgehalt (30 Prozent) und komplexen Kohlenhydraten (55 Prozent). Der Zucker in den Getränken deckte 25 Prozent des täglichen Kalorienbedarfs.
Nach zwei Wochen waren die Blutfettwerte der zehn Studienteilnehmer angestiegen, die fruktosehaltige Getränke konsumiert hatten. Bei den 13 Probanden, die ihren Durst mit glukosegesüßten Getränken gestillt hatten, waren die Blutfettwerte hingegen gesunken.

Macht Fruktose dick?

Auch bei den LDL-Werten (nüchtern) zeigte sich ein vergleichbares Bild. Die Washington Post schrieb am 23. Juni: „Fruktosegesüßte Getränke verursachen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Fettablagerungen in den Arterien, als glukosegesüßste Getränke“. Die Studienautoren selbst warnten auf der Grundlage ihrer Ergebnisse: „Personen, die ein hohes Risiko für ein Metabolisches Syndrom und Herz-Kreislauf-Krankheiten haben, sollten Getränke mit einem hohen Fruktose-Anteil meiden“.
Die aktuelle Studie ist aber nicht der erste Hinweis auf einen negativen Einfluss des Fruchtzuckers auf die Gesundheit. In den USA besteht der Verdacht, dass der in den Vereinigten Staaten um mehr als das Hundertfache steigende Konsum von Fruchtzucker für die „Adipositas-Epidemie“ am amerikanischen Kontinent zumindest mitverantwortlich sein könnte, schon länger. Dort ist es der in großen Mengen aus Mais produzierte High Fructose Corn Sirup (HFCS), der unter anderem in Softgetränke gemischt wird. HFCS ist 1,6 Mal süßer als Glukose und deckt in den Staaten etwa die Hälfte des zugeführten Zuckers ab. Eine 2001 im Lancet publizierte Studie zeigte, dass die tägliche Zufuhr von 1.150 Gramm HFCS-versetzten Süßgetränken bei Männern und Frauen nach drei Wochen zu einem signifikanten Anstieg des Körpergewichts führte. Bei dieser Untersuchung wurde zwar nicht zwischen glukose- und fruktosehaltigen Getränken unterschieden.
Epidemiologische Daten bestärken jedoch den Verdacht, dass es vor allem die Fruktose im HFCS ist, die für die fortschreitende Verfettung der Amerikaner verantwortlich sein könnte: Die Verwendung des süßen fruktosehaltigen Maissirups ist in der Nahrungsmittelindustrie zwischen 1960 und 2000 um mehr als das Hundertfache gestiegen. Und im selben Zeitraum zeigen auch die durchschnittlichen BMI-Werte einen vergleichbar steilen Anstieg.
Versuche an Ratten haben gezeigt, dass eine fruktosereiche Nahrung zur Leberverfettung führen könnte. Weil der Fruchtzucker im Darm rasch aufgenommen, jedoch vom Körper nicht gespeichert werden kann, wird das Monosaccharid bei der so genannten De-novo-Lipogenese in Fette umgewandelt. Glukose bewirkt hingegen nur eine geringe De-novo-Lipogenese.
Die Studienlage gibt viele Hinweise auf eine gesundheitsschädliche Wirkungen von erhöhter Fruktosezufuhr: Die Arterienverdickung könnte verstärkt und das Lipidprofil ungünstig beeinflusst werden, indem der Fruchtzucker die postprandialen Serumtriglyzeride ansteigen lässt. Außerdem könnte übermäßige Fruktosezufuhr die Gewichtszunahme verstärken, die Insulinsensitivität verringern, zum Metabolischen Syndrom führen und eine Hypertonie begünstigen. Brigitte Winklhofer-Roob, Professorin für Humanernährung und Ernährungsmedizin und Dozentin für Kinder- und Jugendheilkunde an der Karl-Franzens-Universität Graz: „Softdrinks und gesüßte Lebensmittel sollten generell, wenn überhaupt, nur in geringen Mengen konsumiert werden.“
In Mitteleuropa hat Maissirup zum Süßen von Getränken, Backwaren und MIlchprodukten wenig Bedeutung. „Die heimische Zuckerlobby steht dem entgegen“, teilt Prof. Dr. Emmerich Berghofer vom Department für Lebensmittelwissenschaften und -technologie an der Universität für Bodenkultur auf Anfrage mit. Nur eine einzige Fabrik in Europa erzeugt Fruktosesirup. Fruchtsüße ist aber ein Nebenprodukt in der Obst- und Gemüseverwertung und wird deshalb auch in der heimischen Nahrungsmittelindustrie verwendet. Der Ausdruck Fruchtsüße klingt weniger gefährlich als Zucker, der ja bekanntlich die Zähne löchrig macht. Die Werbung für die „natürliche Süße“ in Lebensmitteln, die glauben machen könnte, dass Fruchtsüße gesünder sei als der Haushaltszucker, ist jedenfalls unzulässig. Das ist seit einem Prozess, den der Verein für Konsumenteninformation im Jahr 2003 gegen einen Produzenten von Topfencreme angestrengt und gewonnen hatte, gewiss.

Inge Smolek, Ärzte Woche 27/2007

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