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Kinder- und Jugendheilkunde 9. Oktober 2007

Ein Löffel für Papa, ein Löffel für Mama …

Westliche Mütter sind „stillfauler“ denn je und greifen daher auf die Beikost aus dem Glas zurück. Europäische Experten sehen diese Entwicklung aber skeptisch und prüfen die Zufütterung mit Babykost in einer zweijährigen Studie.

 Baby mit Löffel
Beikost sollte neben der Muttermilch nur eine Notlösung sein.

Foto: Buenos Dias/photos.com

Babys werden immer häufiger mit industriell gefertigter Nahrung und Gläschenkost ernährt. Obwohl die meisten geburtshilflichen Krankenhäuser das Stillen massiv bewerben und sich viele Krankenhäuser „stillfreundlich“ bezeichnen, wird trotzdem immer seltener die Brust gereicht. Es häufen sich jedoch die Hinweise, dass die so genannte Beikost Rückstände beinhaltet, die an kindliche intranukleäre Hormonrezeptoren andocken und die Gesundheit des Babys schädigen könnten. Und das, obwohl die Babykost als die am strengsten kontrollierte Kost gilt. Eine groß angelegte, europaweite Studie soll nun Klarheit bringen und gegebenenfalls den Menüplan der kleinen Lieblinge verändern.
Die Nährstoffzusammensetzung der Muttermilch ist für jede Entwicklungsphase des Säuglings die am besten geeignete. Sie bietet qualitativ hochwertige Proteine, Kohlenhydrate und Fettsäuren und enthält zudem Antikörper der Mutter, die das noch unreife Immunsys­tem des Babys unterstützen. Daneben gilt das Stillen natürlich auch als beste Förderung der Mutter-Kind-Bindung. Es hält demnach nicht nur eine optimale Nahrungszufuhr aufrecht, sondern befriedigt auch den kindlichen Wunsch nach Nähe und Geborgenheit.

Deutliche Vorteile

„Die Vorteile des Stillens sind unbestreitbar“, bestätigt Prof. Dr. Karl Zwiauer, Vorstand der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde des Landesklinikums St. Pölten. Er beruft sich dabei unter anderem auf die Empfehlungen der österreichischen Stillkommission. Diese empfiehlt, Babys bis zum sechsten Lebensmonat voll zu stillen und erst danach zu beginnen, die Beikost (industriell gefertigte Babymilch und Gläschenkost) zuzufüttern. „Exklusives Stillen hat mannigfaltige Vorteile“, erklärt der Experte, „so wurde etwa nachgewiesen, dass bei gestillten Kindern weniger Fälle von Otitis media, atopischer Dermatitis und Asthma bronchiale auftreten“. Auch findet man Übergewicht bei gestillten Babys viel seltener, und die Fütterung über die Mutterbrust beugt zudem respiratorischen Infekten und dem SIDS vor. Die WHO-Stillempfehlung lautet ebenso: sechs Monate vollstillen und danach erst teilzustillen, und zwar bis über das erste Lebensjahr hinaus.

Brust versus Gläschen

Freilich kann nicht jede Mutter ihr Neugeborenes mithilfe der natürlichen Methode ernähren. Oft zwingen Stillhindernisse wie Flachwarzen Frauen, zu kommerzieller Babynahrung zu greifen. Mastitiden stellen einen weiteres Hindernis dar. Aber auch aus sozio­ökonomischen Gründen können es sich viele Mütter nicht leisten zu stillen. Somit bleibt häufig nur die Option auf industriell gefertigte Babynahrung. Aber ist diese Nahrung auch wirklich schadstofffrei und „Bio“, wie die Werbung suggeriert? „Ich habe da keine allzu große Bedenken“, meint Zwiauer, der bestätigt, dass es sich bei industriell gefertigter Babynahrung um die am strengsten kontrollierten Nahrungsmittel überhaupt handelt. Und was die Ängste bezüglich Schadstoffen wie etwa Schwermetallen betrifft, verweist der Experte darauf, dass diese in geringen Mengen in jeder Nahrung vorkommen. Und in so minimalen Konzentration habe Zwiauer keine Sorge, dass nachhaltige Schäden beim Säugling auftreten könnten.

Toxinausscheidung beim Baby deutlich anders

Der Organismus eines Babys reagiert durch sein unreifes Organ- und Stoffwechselsystem naturgemäß viel sensibler auf Schadstoffe als der erwachsene Körper.
Schon minimale Mengen an aufgenommenen Chemikalien können das Hormonsystem auch des erwachsenen Menschen beeinträchtigen, was diverse Untersuchungen auch schon eindrücklich zeigten. Und was für Erwachsene gilt, gilt für Kinder um so mehr.
Vor allem Hormone und Hormonvorstufen, aber ebenso chemische Verbindungen, welche Hormonen ähneln, können sich an intranukleare Rezeptoren (vor allem für Östrogen, Testosteron und Thyroxin) binden und deren Funktion beeinträchtigen. Mittel- und langfristig steigt dadurch das Risiko für Erkrankungen des Herzens, Fruchtbarkeitsstörungen, Endometriose, Hodenhochstand, Adipositas, Diabetes, Darm- und Brustkrebs entstehen. Auch das Lernvermögen im Kindesalter kann laut Untersuchungen deutlich beeinträchtigt werden.
Aus diesem Grund stehen bei einer neuen prospektiven „Babyfood“-Studie vor allem Umweltchemikalien, die unter anderem auch Hormonrezeptoren aktivieren, im Mittelpunkt.
Das auf zwei Jahre angelegte Projekt des multinationalen Konsortiums CASCADE beschäftigt sich mit der Klärung der Frage nach Rückständen in kommerzieller Babynahrung und den potenziellen Folgen. Insgesamt arbeiten 24 wissenschaftliche Arbeitsgruppen aus neun Ländern der Europäischen Union an dem Projekt. Leiter der Studie ist Prof. DDr. Karl-Werner Schramm vom GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit der deutschen Helmholtz-Gemeinschaft. Teilnehmende Länder sind Deutschland, Spanien, Slowakei, Schweden und Italien.

Studiendesign

Pro Land werden jeweils drei Pools gebildet, die nach anerkannten Ernährungsgesichtspunkten aufgebaut sind: Gruppe A erhält in den ersten drei Monaten Trockenmilch-Babynahrung, Gruppe B Sojaernährung und Gruppe C hypoallergene Milchnahrung. Ergänzt werden kann die Nahrungszufuhr in allen drei Gruppen durch Tee und Honig. Ab dem fünften bis zum neunten Monat erfolgt die Gabe von Feststoffnahrung wie zum Beispiel Gemüsebrei. Daraus werden dann insgesamt 19 Proben gezogen und geprüft, 13 der Proben werden speziell auf ihren Gehalt an Cadmium, Dioxin, Polychlorierte Biphenyle (PCB), Pestizid- und Organochlorverbindungen untersucht, die Gruppe C zusätzlich noch auf Genistein – ein Phytoöstrogen, das in Sojabohnen vorkommt. Neun Proben werden in vitro und in vivo getestet, um herauszufinden, wie nukleare Rezeptoren auf die Umweltchemikalien reagieren, zumal Hinweise existieren, dass Cadmium und Pestizide Östrogenrezeptoren beeinflussen und Dioxin und PCB an der Zelle einen schädigenden oxidativen Prozess hervorrufen können.

Erste Ergebnisse bereits nach einem Jahr

Insgesamt ist die Studie auf zwei Jahre angelegt, doch erste Untersuchungsergebnisse sollen bereits nach einem Jahr ausgewertet werden. Durch das Pooling der Babynahrungsprodukte kann zwar keine Beurteilung hinsichtlich der Hersteller stattfinden, jedoch soll nach den ersten Ergebnissen zumindest eine Risikoabschätzung für die einzelnen Babykost-Gruppen möglich werden. Eine Prognose hinsichtlich der schadstoffärmsten Ernährung eines Babys in den ersten neun Monaten seines Lebens soll dadurch leicht getroffen werden.
Inzwischen - und wohl auch in Zukunft - gilt die Empfehlung, dass Stillen immer noch die gesündeste und sicherste Variante der Babyernährung darstellt.

 Fakten

Maierhofer, Ärzte Woche 41/2007

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