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Ernährung 19. Juli 2007

Das Optimum ist unerreichbar

Eine Diskussion unter Fachleuten legt die Problematik dar, die Bevölkerung für eine gesunde Ernährung zu sensibilisieren.

In der Podiumsdiskussion zum Ende der Veranstaltung „Ernährungskompetenz durch Ernährungsbildung“ stand die Frage: Warum scheitern Ernährungsempfehlungen in der Praxis? Eine schlüssige Antwort darauf war erwartungemäß nicht zu finden. Doz. Dr. Ingrid Kiefer, Institut für Sozialmedizin der Med­Uni Wien, sieht die derzeitige Lösung in einer Politik der kleinen Schritte. So betrachtete die Schulleitung ein Ernährungsprojekt als gescheitert, weil die Kinder in der Mittagspause weiterhin Kebab orderten. Kiefer jedoch sieht auch das Positive: Das Ernährungsverhalten der Kinder habe sich tendenziell zum Besseren verändert.
Von den komplizierten Nährstoff-bezogenen Empfehlungen vergangener Jahrzehnte hat sich die Ernährungswissenschaft entfernt. Heute sind die Ernährungspyramide, der Ernährungskreis oder „Fünf am Tag“ (nämlich handtellergroße Portionen Obst und Gemüse) der Experten Botschaften. Prof. Dr. Ines Heindl, Institut für Ernährungs- und Verbraucherbildung der Uni Flensburg: „Da haben die Konsumenten das Messinstrument immer mit dabei, nämlich die eigene Hand.“
Prof. Dr. Anita Rieder, Institut für Sozialmedizin, MedUni Wien, stimmte zu, dass viele Menschen mit den Empfehlungen schlichtweg überfordert sind: „In der Medizin, Chemie oder Physik gibt es komplexe Vorgänge, die, wenn sie einmal aufgeschlüsselt sind, einfach und logisch erscheinen. Die Ernährungswissenschaft hat diesen Schlüssel noch nicht gefunden. Vielleicht gibt es auch deshalb noch keinen Nobelpreis für diese Forschungsrichtung.“ Derzeit sei es sicher nicht möglich, Essverhalten mit einer einzigen Maßnahme zu beeinflussen, resümierte Rieder.
Neben der Selbstkritik wird aber auch die Berichterstattung beanstandet. Kiefer: „Wenn heute in den Medien dieses gelobt wird und morgen jenes – das hilft uns wirklich nicht. Da denken die Leute letztlich: ‚Is eh ois wurscht. Daun iss i, wos ma schmeckt.‘“
Nach Meinung Heindls ist daneben freilich auch die Politik gefragt. Einmal, indem sie keine Projekte fördern sollte, die schon untersuchte und erforschte Teilbereiche erneut beleuchten wollen, andererseits sollte sie den Mut haben, „Anreize für einen gesunden Lebensstil mit entsprechenden Konsequenzen zu setzen“.

Liegt es überhaupt am Essen?

Einen anderen Ansatz mahnte eine Schuldirektorin aus dem Publikum ein: „Wir wollen, dass die Kinder Englisch oder Mathematik beherrschen. Daher werden sie darin einige Stunden pro Woche unterrichtet. Ernährungsschulung kommt maximal einmal im Quartal daran.“ Schon daraus werde der gesellschaftliche Stellenwert ersichtlich. Der sich natürlich ebenso in der Einschätzung der Eltern ausdrückt, die „Kochen“ gar nicht gelehrt sehen wollen. Wünschenswert wäre daher, wenn Ernährungslehre ebenso gewichtet werde wie etwa der Informatikunterricht. Hier wären die Umstellung des Lehrplans und die Einrichtung der notwendigen Klassenräume erstaunlich einfach – nur der politische Wille müsste da sein.
Dr. Martin Hofer, Leiter des Wiener Lebensmittel- und Ernährungsservice der MA 38, sieht das Problem aber nicht unbedingt bei der Ernährung: „Vielleicht ernähren wir uns gar nicht schlechter als vor 30 Jahren, sondern bewegen uns einfach nur weniger.“

Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 28/2007

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