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Innere Medizin 11. April 2007

Flüssige Nahrung und Desinfektionsmittel (Narrenturm 94)

Das Kabinett mit Moulagen und Präparaten alkoholgeschädigter Organe im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum ist mit Sicherheit abschreckender und abstinenzfördernder als Hunderte mit erhobenem Zeigefinger gehaltene Vorträge von Temperenzlern und anderen Alkoholgegnern. Alkohol war jedoch seit jeher nicht nur Droge, sondern auch Medizin.

Die Sitte, Alkohol und alkoholhältige Speisen zu konsumieren, dürfte so alt sein wie die Menschheit selbst – wahrscheinlich sogar noch etwas älter. Auch der Homo, der noch nicht ganz so „sapiens“ wie der heutige war, ergötzte sich vermutlich – wie bei manchen Tierarten noch immer beobachtet werden kann – an der berauschenden Wirkung spontan vergorener Naturfrüchte. Erste Dokumente über die Herstellung und Verwendung alkoholischer Getränke – Wein und Bier – finden sich um 4000 v. Chr. im Gebiet zwischen Euphrat und Ti­gris und in Ägypten. Obwohl Wein und Bier vorwiegend zu religiösen und medizinischen Zwecken verwendet wurde, schätzte man Alkohol aber durchaus auch als Genuss-, Rausch- und Nahrungsmittel. Für ihre Reise in die Ewigkeit konnten die Ägypter ihren Toten bereits vier Sorten Bier und sechs Sorten Wein mitgeben. In vielen Religionen wurde und wird Alkohol für religiöse Riten verwendet. Ekstatische Saufgelage waren auch die ritualisierten Feste, die Griechen und Römer in der Antike zu Ehren ihres Gottes des Weines und des Rausches feierten – Dionysos bei den Griechen, Bacchus bei den Römern.

Desinfektion von innen

Wein war aber nicht nur Sakral- und Genussmittel. Er wurde auch als Medizin verwendet. So mussten Caesars Soldaten täglich einen Liter Wein zur inneren Desinfektion trinken. Recht böse werden die Krieger über diese Art der Prophylaxe von Infektionskrankheiten wohl nicht gewesen sein. Jahrtausende lang war Alkohol – neben Opium – das einzig betäubende und schmerzlindernde Mittel, unter dessen Einfluss auch operiert werden konnte. Bis ins 18. Jahrhundert – dann setzte sich die Kartoffel als Grundnahrungsmittel in Europa durch – war Bier nicht nur ein täglicher Durstlöscher – Wasser war ja oft ungenießbar –, sondern auch wichtiges Nahrungsmittel. Hoher Nährwert und vergleichsweise geringer Alkoholgehalt machten Bier tatsächlich zum „flüssigen Brot“. Die Herstellung hochprozentiger Spirituosen wurde erst durch die Erfindung der Destillation möglich. Aristoteles beschrieb zwar die Destillation von Meerwasser bereits 300 v. Chr., jene von Wein erfanden aber arabische Alchemisten erst um 700 n. Chr. Auch das Wort Alkohol stammt aus dem Arabischen. „al´khol“ bedeutete ursprünglich „etwas Feines“, im Sinne der Destillation, also die Essenz des Weines. Erst im 11. Jahrhundert kam die Destillationskunst über die medizinische Schule von Salerno nach Europa. Mönche in Klosterbrauereien, Weingütern und Destillen perfektionierten die Herstellung von Wein, Bier, Schnäpsen und Likören und machten die Kirche zu einem der führenden Hersteller alkoholischer Getränke in Europa. Schon im Mittelalter gab es aber gewaltige Alkoholprobleme. So musste Karl der Große (768–814) anordnen, dass kein Richter zu Gericht sitzen solle, „außer nüchtern“ und auch Kläger und Zeugen nicht in trunkenem Zustand vor Gericht erscheinen dürfen. Appelle zur Mäßigung und Mahnung gegen die Trunksucht und ihre gesundheitlichen Folgen blieben aber damals, wie auch heute noch, größtenteils unbeachtet.

Geschockte Laien

Heute sind Alkohol und Nikotin, zumindest in der westlichen Welt, Suchtmittel Nummer eins. Als unbedenklich stuft die WHO bei Frauen ein: täglich zirka 20 Gramm Alkohol – das entspricht etwa einem Viertel Liter Wein oder einem halben Liter Bier – und bei Männern 40 Gramm – entsprechend einem halben Liter Wein oder einem Liter Bier. Experten sind sich da aber, wie so oft in der Medizin, uneins. Viele halten diese Werte für zu hoch. Sicher ist nur, dass Alkohol ein Zellgift ist, das zu vielfältigen Schäden im menschlichen Körper führt. Wer diese Schäden an fast allen Organen einmal „live“ sehen will, sollte in den Narrenturm kommen. Beeindruckt und geschockt stehen Laien, aber selbst Ärzte, die in ihrer Praxis täglich mit den Schäden von Alkohol im menschlichen Körper konfrontiert sind, vor den fast unfassbaren Organveränderungen, die im Narrenturm präsentiert werden. Vor allem das Präparat mit den außergewöhnlichen medusenkopfartigen Venengeflechten – ein so genanntes Caput medusae, ein Umgehungskreislauf bei portaler Hypertension, der durch die Wiederdurchblutung der Nabelvenen im Ligamentum teres hepatis entsteht – und die riesige alkoholgeschädigte Leber haben eine nachhaltige Wirkung: So mancher Besucher des Narrenturms lässt die Flasche Wein, die er fürs Abendessen entkorken wollte – zumindest für heute einmal – im Keller ruhen. Ein Trost mag da sein, dass die ehemaligen Besitzer dieser Organe vermutlich deutlich mehr als die von der WHO angegebenen unbedenklichen Mengen Alkohol geschluckt haben.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 15/2007

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