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Innere Medizin 7. März 2007

Von Hühnerdieben und Milchräubern

Der zweite Teil unseres Überblicks über Möglichkeiten und Risiken einer pflanzenbetonten Ernährung fokussiert auf Lebensmittel tierischer Herkunft, kurz Milch und Eier.

In der Ausgabe Nr. 7 vom 15. Februar ging die ÄRZTE WOCHE der Frage nach, ob der zunehmende Trend des Vegetarismus auch einen gesundheitlichen Nutzen birgt. Im bisherigen Blickpunkt stand die Frage, ob der Konsum von Gemüse, Obst, Vollkornprodukten und Nüssen das Risiko für diverse chronisch-degenerative Erkrankungen vermindern kann. Nicht immer kann die Evidenz dafür deutlich dargelegt werden. Noch unklarer scheint die Evidenz bei von Tieren stammenden Nahrungsmitteln im Rahmen einer vegetarischen Ernährung. Um diesen Punkt näher zu beleuchten, wird erneut die Übersichtsarbeit deutscher Experten herangezogen (Hahn et al; Wien Klin Wochenschr): Die Metastudie durchforstete mehrere Datenbanken und überprüfte den Benefit fleischloser Nahrungsmittel hinsichtlich ihrer ernährungsphysiologischen Eignung. Dabei wurden insbesondere nutritive (notwendige Zufuhr an essenziellen Nährstoffen) und metabolisch-epidemiologische Faktoren (Einfluss auf wichtige Stoffwechselparameter und das Gefüge von Ernährung und Erkrankung) in Augenschein genommen. Der Großteil der Fleischverweigerer aus den deutschsprachigen Ländern bevorzugt eine lakto-ovo-vegetarische Ernährungsweise. Das heißt, dass zusätzlich zur pflanzlichen Kost Milch(produkte) und Eier auf dem Speiseplan stehen. Lakto-Vegetarier verzichten darüber hinaus auf Eier. Wenn schon vegetarisches Essen, dann zumindest nicht auf die Lebensmittel tierischer Herkunft verzichten. Dies galt lange als nutritive Bedingung, um mögliche aus dieser Ernährungsweise entspringende Schäden zu verhindern. Veganer verweisen jedoch auf die extremen ökologischen Belastungen der Nutztierhaltung und praktizieren eine extreme Form des Vegetarismus, die ausschließlich auf pflanzliche Lebensmittel setzt. Ihr Anteil wird in deutschsprachigen Ländern auf etwa zehn Prozent der Vegetarier geschätzt. Aber welches Nährstoff-Opfer müssen Veganer tatsächlich bringen?

Auf Ernährung der Kuh achten

Auf nutritiver Ebene imponieren Milch und daraus gewonnene Produkte durch ihren Reichtum an Kalzium (1200 mg/Liter), Vitamin B2 und B12. Je nach Fütterung des Viehs und Fettgehalt kann die Milch einen hohen Gehalt an Vitamin A beinhalten. Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht bewerten die Autoren die große Menge an gesättigten Fettsäuren kritisch. Aus metabolisch-epidemiologischem Blickwinkel zeigen prospektive Kohortenstudien ein indirekt proportionales Risiko an kolorektalen Tumoren nach erhöhtem Milchkonsum. Eine Metaanalyse von zehn Studien offenbarte bei hohem Verzehr (>250 g/Tag) an Milch(produkten) eine Risikoreduktion von 15 Prozent. Insgesamt ermessen die Autoren der Übersichtsarbeit die Evidenz für einen risikosenkenden Effekt bei Milch und daraus hergestellten Erzeugnissen hinsichtlich kolorektaler Karzinome als möglich. Dem gegenüber steht unter dem Strich möglicherweise eine vermehrte Gefährdung für Prostatakarzinome bei exzessivem Milchkonsum. Zumindest zeigte eine Metaanalyse von zwölf Kohortenstudien ein erhöhtes Risiko von rund elf Prozent. Aufgrund der bis 2003 veröffentlichten Untersuchungen wird die Evidenz für einen risikosteigernden Effekt von überdurchschnittlichem Milchverzehr als möglich eingeschätzt. Anders wird die Gefahr einer triggernden Wirkung bei Mammakarzinomen beurteilt. Zumindest konnten mehr als 50 Studien in dieser Hinsicht keinerlei Hinweise liefern. Ähnliches, nämlich kein risikomodifizierender Einfluss, wird auch von der Beziehung Ovarialkarzinom und Milch berichtet. Nur die Vollmilch fällt aus dem Rahmen: Für sie wurde ein erhöhtes Risiko nach regelmäßigem Konsum nachgewiesen. Die Analyse dreier Kohortenstudien zeigt bei einer erhöhten Laktoseaufnahme um zehn Gramm pro Tag (etwa ein Glas Milch) ein etwa 13-prozentig erhöhtes Erkrankungsrisiko. Eine rezente Auswertung von zwölf Studien fand hingegen keine Anhaltspunkte, allein eine hohe Einnahme von Laktose (>30 g/Tag) hat sich als risikosteigernd erwiesen.

Enttäuschende Milch

Auf ernährungsbedingter Ebene wird zur Osteoporoseprophylaxe kaum ein Nahrungsmittel so häufig empfohlen wie Milch und deren Abkömmlinge. Überraschend daher die Feststellung der Überblicksuntersuchung, dass die Evidenz für einen risikosenkenden Effekt von Milch für Osteoporose als unzureichend bewertet werden muss. Weder eine Metaanalyse von sechs Kohortenstudien noch die bis zum Jahr 2005 publizierten Querschnitts-, Beobachtungs- und Interventionsstudien konnten einen Zusammenhang zwischen Milchverzehr und erniedrigter Rate an Osteoporose-assoziierten Frakturen ermitteln.

Gesunde Hühner

Hühnereier zeichnen sich durch einen hohen Anteil an Protein und Fett aus, beide liegen bei elf Prozent. Des Weiteren liefern sie erklecklich Mengen an Vitamin A, D und B12. Ebenfalls in Abhängigkeit von der Fütterung können Eier hohe Mengen an Eikosapentaen- (EPA) und Dokosahexaensäure (DHA) sowie verschiedene Carotinoide enthalten. Als nachteilig muss freilich der hohe Cholesterolgehalt (395 mg/100 g) im Eidotter gesehen werden. Im Rahmen von Herz- und Kreislauferkrankungen wird vermehrter Eierkonsum aufgrund der hohen Cholesterol- und LDL-Konzentration strittig diskutiert. Wissenschaftler wollen auf der Basis einer Metaanalyse von 17 Interventionsstudien erkannt haben, dass der Verzehr von 100 g Nahrungscholesterol pro Tag die Konzentration an Gesamtcholesterol um 2,2 mg/dl steigert, wobei der Anstieg primär auf die LDL-Fraktion zurückzuführen ist. Dem entgegen kam eine prospektive Kohortenstudie zu dem Schluss, dass bei gesunden Menschen keine Beziehung zwischen dem Konsum von Hühnereiern und dem Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse dokumentiert werden kann, ausgenommen bei Diabetikern, wo ein derartiger Zusammenhang sehr wohl festgestellt wurde. Insgesamt ist die Evidenz für einen risiko- erhöhenden Effekt von Eiern bei kardiovaskulären Erkrankungen als möglich einzustufen. In Hinblick auf das Risiko kolorektaler Tumoren hat die Mehrzahl älterer Beobachtungsstudien einen Zusammenhang zu vermehrtem Konsum von Eiern feststellen können. Zu einer gegensätzlichen Aussage tendieren hingegen fünf neuere Fall-Kontroll-Studien, deren Metaanalyse keinerlei Verknüpfung zum Risiko kolorektaler Polypen erkennt. Eine prospektive Kohortenstudie definierte lediglich einen nicht signifikanten risikoerhöhenden Effekt für Tumoren des Kolons. Eine weitere gepoolte Metaanalyse von acht Kohortenstudien bezifferte das erhöhte Risiko für ein Mammakarzinom infolge vermehrten Eieressens von mehr als 100 g pro Tag auf etwa 22 Prozent. Insgesamt wird die Evidenz für einen risikoerhöhenden Effekt von Eiern im Hinblick auf Tumoren des Kolons, Rektums und der Brust als möglich bewertet.

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Quelle: Wiener Klinische Wochenschrift (2006; 118/23–24: 728–737)

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 10/2007

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