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Armut und Übergewicht: Ein leidvoller Teufelskreis (Folge 4)

Warum Übergewicht bei Menschen in sozial schwierigen Situationen öfters auftritt, dazu fehlen im europäischen Raum konkrete Daten. Spezielle Betreuungsprogramme sind rar.

Dass die soziale Lebenssituation und Gesundheit zusammenhängen, ist bekannt. Ein damit assoziierter Faktor ist starkes Übergewicht oder Adipositas. Diese scheinen bei Menschen in prekären sozialen Situationen vergleichsweise häufiger aufzutreten, wie aktuelle Studien aus den USA zeigen. Bei Erwachsenen, die aufgrund von Armut unregelmäßig essen, besteht ein bis zu 50 Prozent höheres Risiko für Gewichtszunahme. Frauen aus armen Haushalten nehmen um die 4,5 Kilogramm in einem Jahr zu. Für Männer ergab sich ein ähnlicher Befund. In US-amerikanischen Familien, die unterhalb der Armutsgrenze leben, gibt es heute 50 Prozent mehr übergewichtige 15- bis 17-Jährige als in gut situierten Fa-milien. Die Jugendlichen aus ärmlichen Verhältnissen würden zu übermäßigem Konsum von kalo-rienreichen süßen Getränken und zu wenig Bewegung neigen. Zudem lassen sie häufig das Frühstück ausfallen. „Für den europäischen Raum gibt es zwar ähnliche Vermutungen und Wahrnehmungen, aber nur wenige konkrete Studien“, sieht Prof. Dr. Willibald Stronegger vom Institut für Sozialmedizin der Universität Graz eine Lücke in der Forschung. In Deutschland wurde dieser Faktor in einer „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“ zumindest mit beleuchtet. Demnach leiden Kinder aus sozial schwachen und Migrantenfamilien häufiger unter Essstörungen und Übergewicht, treiben weniger Sport und zeigen häufiger psychische Auffälligkeiten.

Nachteile schon in der Kindheit

Eine andere Analyse schlägt in dieselbe Kerbe: Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie des Robert-Koch-Instituts sind Kinder armer, ungebildeter Eltern dreimal so häufig dick oder fettsüchtig wie Kinder von Reichen und Akademikern. Stronegger befürwortet einen vielschichtigen Ansatz bei der Beschäftigung mit dieser Thematik: „Die Frage ist zunächst: Wie sieht der Lebensstil einer Person aus – auch im Konnex mit kulturellen Traditionen bzw. den Lebensbedingungen vor Ort?“ Konkret gehe es darum, ob sich jemand ausreichend bewegt, über Informationen verfügt, wie „gesunde Ernährung“ aussehen sollte, bzw. ob der Zugang zu entsprechenden Lebensmitteln gegeben ist.

Mangelhafte Ernährung ist oft eine Folge der Esskultur

„Genauso wichtig ist – auch unabhängig vom Faktor Armut – eine Diskussion zum Thema Ess-kultur“, unterstreicht Stronegger. „Fast Food“ sei nicht nur ein leerer Begriff, sondern beschreibe die Lebensrealität vieler Menschen, denen es aus verschiedenen Gründen nicht wichtig oder möglich ist, Mahlzeiten gemeinsam und mit ausreichend Zeit einzunehmen. Bevorzugt würden Nahrungsmittel, die rasch viel Energie bringen, deren Nährwert aber zweifelhaft sei. „Und es geht auch um die Frage, welche Nahrungsmittel verfügbar sind“, so der Sozialmediziner. „Studien zeigen, dass seitens der Industrie der Trend eher zu ‚ungesünderen’ Produkten geht, mit denen rasch Profit zu machen ist.“ Auch hier wäre es wichtig, gesundheitspolitisch gegenzusteuern. Menschen in sozial schwierigen Lebenssituationen bräuchten spezielle Programme zu „Bewegung und Ernährung“, regt Stronegger an. „Diese dürfen aber nicht auf der Ebene der Informationsvermittlung stehen bleiben, sondern müssen konkrete Möglichkeiten bieten, das Gehörte auch umzusetzen.“ Vor allem Allgemeinmediziner könnten durch die gute Kenntnis des Umfelds einer Person Impulse zum Lebensstil im Allgemeinen und zu Ernährung sowie Bewegung im Speziellen setzen. Derartige Angebote erfordern allerdings möglichst niedrige Zugangsbarrieren. Als problematisch wertet Stro­negger die Fokussierung auf einzelne Handlungen einer Person. Oft werde nur ein konkreter Bewegungsablauf analysiert oder darauf geachtet, ob sich ein spezifischer Anteil der Ernährung negativ auswirkt. „Der systematische Ansatz berücksichtigt auch das konkrete Lebensumfeld und bringt gewohnte Handlungen zueinander in Bezug“, betont der Sozialmediziner. „So mag beispielsweise der regelmäßige Konsum von Hamburger problematisch klingen, ist aber nicht das einzige Problem.“

Weitere Infos und Hintergründe zum Thema „Armut und Gesundheit“ auf der WebSite www.armutskonferenz.at.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 43/2006

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