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Ernährung 24. Oktober 2006

„Mit Vorsicht zu genießen“

Der Zimtbestandteil Cumarin kann die Leber schädigen. Wer sich bei den weihnachtlichen Zimtsternen zurückhält, hat vermutlich keine Gesundheitsgefährdung zu befürchten. Bedenklich sind cumarinhaltige Nahrungsergänzungsmittel.

In den letzten Wochen ging ein Rauschen durch den Blätterwald. Der Anlass war eine Untersuchung in Deutschland: Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hatte Anfang Oktober die Ergebnisse von Kontrollen der amtlichen Lebensmittelüberwachung veröffentlicht, die gezeigt hatten, dass die erlaubte Menge an dem Zimtinhaltsstoff Cumarin in manchen Nahrungsmitteln um bis zum 40-fachen überschritten wird. Bei empfindlichen Personen kann Cumarin schon in relativ kleinen Mengen eine Erhöhung der Leber­enzyme im Blut, in schweren Fällen eine Leberentzündung verursachen; auch eine Kanzerogenität wird bei dem kaum wasser-, aber leicht alkohollöslichen Aromastoff vermutet. Die Schlagzeilen in der Laienpresse reichten daraufhin von „Krebsgefahr durch Zimtgebäck“ bis „Zimtverzehr einschränken“. Auch hier zu Lande fragen besorgte Patienten ihre Ärzte, ob sie in der sich nähernden Weihnachtszeit ganz und gar auf Zimtsterne verzichten sollten.

Zimt ist nicht gleich Zimt

„Ganz neu ist das Problem nicht“, sagt Mag. Petra Lehner, Ernährungsexpertin der Wiener Arbeiterkammer. Dass Cumarin, das auch als Duftstoff in kosmetischen Mitteln und als Wirkstoff in Arzneimitteln verwendet wird, gesundheitsschädlich sein kann, ist schon länger bekannt. Allerdings kommt der Aromastoff in höheren Konzentrationen nicht in jeder Art von Zimt vor, sondern nur in Sorten, die unter dem Begriff „Cassia-Zimt“ zusammengefasst werden, sowie in Waldmeister und Tonka-Bohnen. Isoliert darf Cumarin Lebensmitteln gar nicht zugesetzt werden. Ist es in Pflanzenteilen – also etwa in Zimt – enthalten, die zur Aromatisierung verwendet werden, so dürfen es nicht mehr als zwei Milligramm Cumarin pro Kilogramm Lebensmittel sein. Das sagt die Aromenverordnung der EU. Bereits im Jahr 2000 hatte das österreichische Gesundheitsministerium ein entsprechendes Monitoring in Frage kommender Nahrungsmittel beim Institut für Ernährungswissenschaften der Universität Wien in Auftrag gegeben – auch als Grundlage für die EU-weite Diskussion zum Thema Aromaverordnung. Dass die erlaubte Höchstmenge nun in verschiedenen deutschen Lebensmittelherstellern überschritten wurde, wundert Lehner nicht: „Hie und da muss man der Industrie auf die Finger klopfen.“ Eine neuerliche Stichprobenerhebung ist bereits im Gange. Die ersten Ergebnisse werden laut Diplomingenieur Oskar Wawschinek von der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit AGES Anfang Dezember erwartet.

Wie viel ist zu viel?

Die Sache mit der Messung von Cumarinmengen hat jedoch einen Haken: Für Verbraucher ist es kaum möglich, den harmlosen Ceylon-Zimt vom potenziell gesundheitsgefährdenden Cassia-Zimt zu unterscheiden. Zudem gilt die Beschränkung der Cumarinmenge laut Aromenverordnung nur dann, wenn Zimt zum Aromatisieren eines Lebensmittels verwendet wird. Bei Zimstangen oder -pulver für den Hausgebrauch „gibt es keine Regelung“, erläutert Wawschinek. Allerdings werde die Sicherheit des Verbrauchers durch allgemeine lebensmittelrechtliche Vorschriften gewährleistet. Wie viel Cumarin man also tatsächlich zu sich nimmt, wenn man sich über einen Teller Zimtsterne hermacht, „ist wahnsinnig schwer zu sagen“, so Wawschinek. „Eine relativ hohe Exposition über eine Einzelportion kann bei dem insbesondere bei Kindern beliebten Milchreis mit Zucker und Zimt erwartet werden“, heißt es in dem Bericht des BfR. Noch wesentlich höher sind die Cumarinmengen in Nahrungsergänzungsmitteln wie beispielsweise Zimtkapseln, die zur Senkung von erhöhtem Blutzucker angeboten werden. „Wer solche Mittel einnimmt, kommt auf bis zu sechs Gramm Cumarin pro Tag“, so Wawschinek. Und das, obwohl die vermuteten blutzuckersenkenden Wirkungen derzeit als widersprüchlich angesehen werden. „Aus pharmakologischer Sicht bestehen schwerwiegende Bedenken gegen die Vermarktung von Zimtpräparaten für Diabetiker“, warnt das BfR. Was den Konsum von Zimtsternen oder Apfelstrudel anlangt, so seien, meint Wawschinek, die Warnmeldungen „mit Vorsicht zu genießen. Bei normalen Verzehrsmengen gibt es kein Gesundheitsproblem. Die Zimtstange im Weihnachtspunsch ist sicher weniger gefährlich als der Alkohol darin.“

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