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Endokrinologie 3. Mai 2016

Wildlachs angeln oder substituieren

US-Endokrinologe Holick erklärt bei einem Vortrag in Wien die Ursachen des Vitamin D-Mangels.

Viele Menschen, die in weiter Entfernung vom Äquator leben, haben einen Mangel an Vitamin D. „Wichtig ist dieses Vitamin für Babys genauso wie für alte Menschen“, sagte der US-Endokrinologe Michael Holick vom Boston University Medical Center im Gespräch. „Rezeptoren dafür gibt es in jeder Zelle, vom Gehirn bis in die Haut.“

Holick, Direktor der Klinik für Knochenerkrankungen und des Forschungszentrums für Heliotherapie, Licht- und Hautforschung in Boston, beschäftigt sich seit Jahren mit diesem fettlöslichen Vitamin. Der Körper synthetisiert es zum Teil selbst unter der Einwirkung von UV-B-Licht in der Haut, zum Teil stammt es aus der Nahrung. Holick hat unter anderem Calcidiol als im Körper zirkulierende Form von Vitamin D und Calcitriol als die in biologischen Abläufen aktive Form des Vitamins identifiziert. Seine Forschungsergebnisse hat er im „Lancet“, „New England Journal of Medicine“ und in den „Archives of Internal Medicine“ publiziert.

Üblicherweise wird ein Mangel an Vitamin D vor allem mit Knochenerkrankungen wie der Rachitis oder der Osteoporose in Verbindung gebracht. Lebertran sollte ehemals den Folgeschäden des Mangels vorbeugen. „An einem Mangel an Vitamin D leiden beispielsweise zwischen 57 und 64 Prozent der Kinder in Europa“, sagte Experte Holick, der sich kürzlich zu einem Vortrag für das Unternehmen Biogena in Wien aufhielt. „Bei den Erwachsenen ist es nicht viel anders. Selbst in Indien sind 50 Prozent der Kinder in Neu-Delhi davon betroffen.“

An sich sollte die Evolution beim Menschen keinen so weit verbreiteten Mangel an einem wichtigen Vitamin vorgesehen haben. Doch beim Vitamin D machte wahrscheinlich die für genetische Veränderungen ziemlich schnelle Auswanderung des Homo sapiens aus Afrika in Richtung Norden einer möglichen Anpassung einen Strich durch die Rechnung. „Wenn man sich die Massai in Afrika ansieht, die den ganzen Tag mit ihrer dunklen Haut in der Sonne sind, dann findet man bei ihnen robuste und ausreichende Vitamin-D-Spiegel“, erläuterte Holick in Wien. Doch die Menschheit hat sich über den ganzen Erdball mit Regionen raren Sonnenscheins verbreitet.

Die Kleidung hält zudem das Sonnenlicht von der Haut ab. Der westliche Lebensstil mit zunehmend mehr Zeit, die in Innenräumen verbracht wird, schirmt die Menschen noch zusätzlich vom UV-Licht ab. Wer beispielsweise am Strand eine Sonnenschutzcreme mit dem Lichtschutzfaktor 30 verwendet, reduziert die Vitamin-D-Synthese in der Haut um 98 Prozent.

„Mit der Ernährung nimmt man Vitamin D am ehesten mit frisch gefangenem Wildlachs oder anderen Fischen auf“, sagte der Endokrinologe. Dann geht’s schon steil bergab. Pflanzliche Nahrungsmittel enthalten sehr wenig Vitamin B. Die Folge kann ein deutlicher Mangel sein.

Wenige mit normalen Werten

Im österreichischen Ernährungsbericht 2012 finden sich Daten, wonach nur um die 40 Prozent der 7- bis 14-jährigen Kinder normale Vitamin-D-Konzentrationen im Blut aufweisen. Bei den Erwachsenen sind es zwischen 55 und 60 Prozent, bei den über 65-Jährigen wiederum nur noch um die 35 Prozent. Das führt dazu, dass laut Holick eigentlich die meisten Menschen an eine Substitution durch die regelmäßige Einnahme von Vitamin-D-Präparaten denken sollten. „In der Schwangerschaft ist das enorm wichtig für das Ungeborene. Schwangere haben bei einer ausreichenden Vitamin-D-Substitution viel weniger PräeklampsieZwischenfälle. Ein optimaler Vitamin D-Status verringert das Diabetes-mellitus-Risiko bei Kindern um 50 Prozent“, sagte der Experte.

Die in Fachkreisen weltbekannte Framingham-Langzeitstudie zeigte, dass Menschen mit Vitamin-D-Mangel ein um 50 Prozent erhöhtes Risiko für Herzinfarkte und ein verdoppeltes Sterberisiko aufweisen. Zusammenhänge gebe es auch offenbar mit Multipler Sklerose sowie anderen neurodegenerativen Erkrankungen, meinte Holick.

„Erwachsene sollten 2.000 Internationale Einheiten pro Tag (I.E.) zu sich nehmen, Kinder die Hälfte“, sagte der US-Wissenschafter. Wobei man durchaus auch die Gesamtdosis für eine oder zwei Wochen auf einmal schlucken könne. „Vitamin D ist eine Substanz, die das verzeiht“, fügte Holick hinzu. Den künstlichen Zusatz zu Nahrungsmitteln hätte man in Europa nach vermeintlich wegen Überdosierung bei Babys aufgetretenen Zwischenfällen verboten. Ein ursächlicher Zusammenhang sei aber nicht gegeben gewesen.

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