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© Barbara Neveu/CHROMORANGE/picture alliance
 
Diabetologie 11. März 2016

Exotisches Essen ist chic, aber nicht zwingend gesünder

Chia-Samen halten nicht, was sie versprechen. Verzicht auf bestimmte Lebensmittel ist für viele ein Gewinn.

Chia-Samen scheinen der Körner-Burner für die Gesundheit zu sein: Antioxidanzien, Proteine, Ballaststoffe, Vitamine, Mineralstoffe und, und, und. Eine Untersuchung der unabhängigen Gesundheitsplattform „Gute Pillen – Schlechte Pillen“ zeigt hingegen ein ernüchterndes Ergebnis.

Schlaganfallrisiko? Herzinfarktgefahr? Zu hoher Cholesterinspiegel? Blutzuckerstress? Es gibt kaum ein Gesundheitsrisiko, das angeblich nicht mit Chia zu mindern sei. Angeblich helfen sie sogar, Gewicht zu reduzieren. Mittlerweile gibt es die Samen überall zu kaufen. Sie sollten aber nicht in großen Mengen verbraucht werden. So empfiehlt die Europäische Kommission, täglich nicht mehr als 15 Gramm Chia-Samen zu essen.

Und wie schaut es in dieser Miniportion mit all den beworbenen guten Wirkstoffen aus? 15 Gramm Chia-Samen enthalten beispielsweise nur so viel Eiweiß wie 9 Gramm Emmentaler Käse. Die Menge an Vitamin C ist so groß wie die in 2 Gramm Apfel, und die Menge an Magnesium steckt in zwei Scheiben Mischbrot.

Für Chia-Samen und ihre Wirkung gibt es nur wenige Ernährungsstudien. Die liefern aber nur Laborwerte und lassen keine Rückschlüsse auf einen gesundheitlichen Nutzen zu. Und eine ausgewogene Ernährung enthält in der Regel alle notwendigen Vitamine und Mineralien. Chia ist damit kein Superfood, sondern ein Lebensmittel wie andere auch. Einen Vorteil zur Vermeidung bestimmter Krankheiten bietet es also nicht.

Chia-Samen sind teuer. Das Kilo kostet zwischen 10 bis 25 Euro. Bei Kleinstpackungen (zum Beispiel „Chia-Shots“) liegt der Kilopreis sogar bei fast 50 Euro. Chia-Samen haben kein Eigenaroma – liefern also keine Geschmackssensation. Wer mag, kann sie beim Kochen als exotische Zutat verwenden. Aber es gibt schmackhaftere Samen und Körner.

Exotisches Essen ist hip. Die Steinzeitdiät gewinnt Anhänger, es werden Rohkost-Restaurants eröffnet, und Cafés experimentieren mit Mandel-, Kokos- oder Sojamilch. Vegan ist eine Ernährungsform, die auf jegliche Tierprodukte verzichtet. Paleo-Anhänger hingegen versuchen genau umgekehrt, nach Art unserer Vorfahren zu essen, also wie Jäger und Sammler. Heißt: Fleisch, Eier, Obst und Gemüse sind erlaubt, Milchprodukte, Zucker und Getreide sind es nicht. In Büchern, Blogs und Foren wird Low Carb (möglichst wenig Kohlenhydrate) in den Himmel gelobt, dann wieder Low Fat (wenig Fett). Die „Weizen-Wampe“ steht im Kreuzfeuer, außerdem: Kuhmilch und Gluten. Für die einen ist Paleo der Schlüssel zum besseren Leben, für die anderen der Veganismus. Und wieder anderen reicht Essen ohne Zusatzstoffe („Clean Food“). „Das abwechslungsreiche, variable Essen scheint für viele Menschen nicht mehr attraktiv“, sagt Gesa Schönberger von der Rainer-Wildt-Stiftung für gesunde Ernährung. „Verzicht scheint für viele kein Opfer, sondern ein Gewinn zu sein.“

Was auffällt ist, dass in vielen Bewegungen Zivilisationskritik mitschwingt: Man vertraut den Produkten der Lebensmittelindustrie nur noch bedingt, wendet sich stattdessen hin zur Eigenproduktion und einem „Zurück-zur-Natur“-Lebensstil – und häufig ab von medizinischen Erkenntnissen. Die Wissenschaft hat Mühe dagegenzuhalten. Während in Dutzenden Blogs forsch verkündet wird, vegan, Rohkost oder Paleo sei etwa am besten für die Zähne, findet man im Internet kaum seriöse Studien. „Ernährung ist ein neues und schwieriges Thema für die Wissenschaft“, sagt Dr. Ingmar Staufenbiel von der Klinik für Zahnerhaltung, Parodontologie und Präventive Zahnheilkunde der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Wenn man die Wirkung von Vitamin C aufs Zahnfleisch untersuchen wollte, müsste man über Ernährungsprotokolle festhalten, was genau die einzelnen Probanden zu sich nehmen.

Staufenbiel untersuchte den Zahnstatus von 100 Vegetariern und 100 Nicht-Vegetariern: Was die Parodontitiswerte anging, waren Vegetarier im Vorteil. Gleichzeitig fand er bei ihnen mehr Karies und Erosionen. Gründe dafür: mangelnde Fluoridierung und Genuss säurehaltiger Zwischenmahlzeiten wie Obst und Gemüse.

GP–SP / springermedizin.de, Ärzte Woche 10/2016

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