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Prof. Dr. Lothar C. Fuith Präsident der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ)
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Urologie 1. März 2016

„Wir kämpfen gegen die Tabuisierung“

Über das oft heikle Thema Inkontinenz spricht der neue Präsident der MKÖ im Interview.

Nur etwa die Hälfte der Patienten mit Inkontinenz sucht ärztliche Hilfe, und bei protrahierten Geburtsverläufen wird dem dadurch geschädigten Beckenboden noch zu wenig Aufmerksamkeit zuteil, sagt der neue Präsident der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ), Prof. Dr. Lothar C. Fuith, Leiter der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe, Krankenhaus Barmherzige Brüder, Eisenstadt. Als Gegenstrategien sieht der Experte bessere Aufklärung und Ausbildung.

Wie sieht es derzeit mit der Kontinenz der Österreicher aus?

Fuith: Wir haben in Österreich derzeit knapp eine Million Betroffene, wobei im mittleren Lebensalter Frauen aufgrund des Geburtsvorgangs häufiger betroffen sind. Im höheren Lebensalter ist es wieder ausgeglichen.

Wo sehen Sie das Hauptproblem bei der Inkontinenz: Beim Bewusstsein, bei der Therapie, bei der Prävention ...?

Fuith: Also die Therapie haben wir gut im Griff: Die Dranginkontinenz kann man sehr gut medikamentös behandeln, hier gibt es seit kürzerer Zeit auch ein ausgezeichnetes neues Medikament, ein Beta-3-Agonist, der wie die Anticholinergika wirkt, aber keine Mundtrockenheit auslöst. Leider wird dieses Arzneimittel von den Krankenkassen kaum bewilligt, womit die Patienten derzeit auf den Kosten sitzenbleiben. Bei der Belastungsinkontinenz wiederum kann man mit der Physiotherapie wirklich sehr gute Ergebnisse erreichen; als zweite Möglichkeit ist die Schlingenoperation mit einer Erfolgsquote von 90 Prozent zu nennen.

Nein, das Problem ist, dass eine Harn- oder auch Stuhlinkontinenz von Patienten immer noch stillschweigend hingenommen und vor Ärzten verschwiegen wird, wir kämpfen hier also nach wie vor gegen die Tabuisierung. Die Zahlen dazu: Laut einer aktuellen Studie des Gallup Instituts findet nur etwa die Hälfte der Menschen, die sich schon stark beeinträchtigt fühlen, den Weg zum Arzt.

Was sollte sich hier von ärztlicher Seite verbessern?

Fuith: Meiner Erfahrung nach sind wir Fachärzte – Gynäkologen, Urologen, Chirurgen – zwar gelegentlich der erste Ansprechpartner, aber wenn man wirklich mehr Patienten erreichen will, muss man versuchen, die Hausärzte stärker mit ins Boot zu nehmen.

Was bedeutet das konkret: Sollen Allgemeinmediziner bei allen Patienten ab einem gewissen Alter nachfragen, ob noch alles in Ordnung mit der Kontinenz ist?

Fuith: Ja, das wäre eine Möglichkeit, obwohl es zugegebenermaßen schon eine heikle Frage ist, ob Harn oder Stuhl daneben geht. Aber wir müssen alle, Patienten und Mediziner, darauf achten, mehr über dieses Thema zu reden. Das hat ja in anderen Bereichen auch funktioniert, beispielsweise haben wir es in den letzten 20 Jahren geschafft, dass man Krebserkrankungen und mittlerweile zunehmend auch das Burnout enttabuisiert. Und dieselbe Enttabuisierung auch bei der Inkontinenz zu schaffen, ist ein Hauptziel der MKÖ. Mit zwei Ansätzen: Aufklärung der Patienten und Fortbildung der Ärzte. Das heißt, Ärzte sind derzeit noch nicht ausreichend auf diesem Gebiet ausgebildet?

Fuith: Wir möchten erreichen, dass man den Kollegen von der Geburtshilfe und den Hebammen sagt, was die Fakten sind. Es geht ganz sicher nicht darum, dass wir die Kaiserschnittrate in die Höhe treiben wollen – auch bei Frauen ohne Schwangerschaft oder bei solchen, die ausschließlich Kaiserschnitte hatten, kann sich eine Inkontinenz entwickeln. Aber bei sehr schwierigen, protrahierten Geburtsverläufen mit langer Austreibungsphase, wenn medizinisch eine Zangengeburt erforderlich ist, hat die Frau ein extrem hohes Risiko, eine Inkontinenz zu entwickeln, und zwar noch Jahre später – dieser Tatsache sollte mehr Beachtung zuteilwerden. Wir möchten, dass besser anerkannt und umgesetzt wird, dass eine vor- und nachgeburtliche Physiotherapie in solchen Fällen für die Prävention einer Inkontinenz sehr hilfreich sein kann.

Das Problem ist, dass Mütter früher eine Woche lang im Spital blieben und es entsprechend mehr Gelegenheiten der Physiotherapeuten gab, sich einzubringen. Da man diese Entwicklung der kürzeren Spitalsaufenthalte nicht zurückdrehen kann, möchten wir hier auch die Fortbildung stimulieren, um zu erreichen, dass es in ganz Österreich Physiotherapeuten gibt, die sich mit dem Beckenboden beschäftigen und an die sich Betroffene niederschwellig wenden können. Wir werden in nächster Zeit auch ein Beratungszertifikat herausgeben, um jene ärztlichen oder physiotherapeutischen Fachkräfte zu identifizieren, die sich bereit erklären, Patienten über diese Problematik aufzuklären, die Hilfe anbieten und falls erforderlich an Experten überweisen.

Was liegt Ihnen als neuem Präsidenten der MKÖ noch besonders am Herzen?

Fuith: Die interdisziplinäre Struktur der MKÖ, die ja in Österreich durchaus einzigartig ist: Bei uns arbeiten ja nicht nur Gynäkologen und Geburtshelfer, Urologen, Chirurgen, Geriater, Internisten und Fachärzte für physikalische Medizin zusammen, sondern auch nicht-ärztliche Fachbereiche, wie Physiotherapeuten, die sich auf den Beckenboden spezialisiert haben, sowie Angehörige der Pflegeberufe. Wir versuchen auch vermehrt, Hebammen für die Gesellschaft zu interessieren, indem wir entsprechende Kongressthemen anbieten; insgesamt wollen wir alle Fachkräfte, die sich mit diesem Thema beschäftigen, auf diese Kongresse holen.

Außerdem zertifizieren wir seit einigen Jahren auch Beckenbodenzentren, um betroffenen Patienten die höchste Kompetenz im Bereich der Inkontinenztherapie von gynäkologischer, urologischer Seite und chirurgischer Seite sowie vonseiten der Physiotherapie zu bieten; oft sind ja fachübergreifend Organe betroffen oder eine fächerübergreifende Therapie oder chirurgische Eingriffe sind erforderlich.

Zusammengefasst möchten wir niederschwellige Beratungsstellen mit kompetenten Fachkräften – vor allem Physiotherapeuten –, dann sollten die praktischen Ärzte das Thema vermehrt ansprechen, in den Spitälern ist das Pflegepersonal für die Aufklärung wichtig, als nächste Stufe sind die Fachabteilungen der Spitäler mit den Fachärzten zu nennen, und an oberster Kompetenzstelle stehen dann die Kontinenz- und Beckenbodenzentren.

Das Gespräch führte Dr. Lydia Unger-Hunt.

Prof. Dr. Lothar C. Fuith ist als Leiter der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe im Krankenhaus Barmherzige Brüder, Eisenstadt, tätig.

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