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Gute Futterverwerter gibt es offenbar tatsächlich: Die Darmmikrobiota adipöser Menschen kann sogar Ballaststoffe spalten und verwerten.
 
Allgemeinmedizin 3. Juni 2014

Gute Futterverwerter

Manche Darmbakterien holen sogar aus Ballaststoffen Energie.

Die Rolle der Darmmikrobiota erstreckt sich nicht nur auf das Immunsystem und die Verdauung klassischer Nährstoffe. Sogar aus manchen Ballaststoffen können die entsprechenden Bakterien noch Energie gewinnen, und das ist möglicherweise ein Problem.

„Die Darmmikrobiota mit etwa 1.000 Spezies und 1014 einzelnen Bakterien pro menschlichem Wirt rückt mehr und mehr in unser Blickfeld“, betonte Prof. Dr. Andreas F. H. Pfeiffer vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke beim DGE-Symposium in Dresden. „Ihre Zusammensetzung ist inter- und intra-individuell höchst variabel, ihre Effekte ebenfalls.“

Pflanzenfasern aufgeschlossen

So zitierte Pfeiffer eine Studie mit adipösen Mäusen: Ihre Mikrobiota war in der Lage, bestimmte lösliche Ballaststoffe wie Guarkernmehl aufzuschließen und sie in Acetat und Buttersäure umzusetzen (Turnbaugh et al.: Nature 2006). Das Fermentieren von Guar und Co. erhöht die Energieausbeute, fördert Adipositas und Fettleber – und funktioniert leider offenbar auch beim adipösen Menschen. Guarkernmehl ist ein häufiger Zusatzstoff und findet Verwendung als Emulgator in Speiseeis sowie als Verdickungsmittel in Fertigprodukten und Saucen.

Nicht fermentierbare Ballaststoffe aus Hafermehl dagegen hatten in Studien keine Effekte auf Energieausbeute und Darmmikrobiota (Isken et al.: J Nutr Biochem 2010). Im Gegenteil: Klassische Ballaststoffe aus Getreide können bekanntermaßen helfen, die Mortalität und Typ-2-Diabetes zu reduzieren, wie Pfeiffer betonte (Park et al.: Arch Intern Med 2011).

Bakterien verdauen das Frühstücksei

In einer jüngeren Studie wurde noch genauer untersucht, was die Darmmikrobiota in der menschlichen Nahrungsverwertung tut, und auch hier leisteten die Bakterien ihren Wirten einen Bärendienst: 40 gesunde Erwachsene wurden bei drei Untersuchungsterminen vor, während und nach einer Behandlung mit Breitbandantibiotika einer cholinreichen Diät ausgesetzt: Sie erhielten jeweils zwei hartgekochte Eier und zusätzlich noch markiertes Lecithin.

Schon nach kurzer Zeit stieg der Plasmaspiegel von Trimethylamin-N-oxid (TMAO), einem proatherogenen Stoffwechselprodukt des Lecithins. Beim zweiten Termin, unter Breitbandantibiotika, wurde der TMAO-Anstieg nicht beobachtet. Bei der letzten Konsultation dagegen, nach Absetzen der Antibiotika und Erholung der Mikrobiota, schnellten wiederum die TMAO-Level in die Höhe. Das legt nahe, dass der Abbau des Nahrungslecithins zu proatherogenem TMAO auf das Konto von Darmbakterien ging.

In einer Langzeitbeobachtung, die ebenfalls zu dieser Studie gehörte, wurde eine erhöhte Rate kardiovaskulärer Ereignisse bei Menschen mit hohem TMAO-Level gezeigt (Wang et al.: Nature 2011). Andere Wissenschaftler zweifeln den negativen Effekt von TMAO jedoch an: Es kommt neben Eiern auch in Fisch vor, und zwar in viel höherer Konzentration. „Hier ist noch viel Forschungsarbeit zu tun“, so Pfeiffer.

Durch Ernährung nützliche Enterotypen fördern

Umgekehrt leisten Bakterien, die symbiotisch mit uns leben, vielfach auch gute Dienste: Ihre Signale sind unverzichtbar für die Entwicklung unseres Immunsystems, und sie erschließen durchaus auch notwendige und nützliche Nahrungsbestandteile. Eine Anpassung der Ernährung bietet die Chance, die Zusammensetzung der Mikrobiota in eine „gesunde“ Richtung zu beeinflussen.

Dazu zitiert Pfeiffer eine Studie mit 98 Probanden. Ihre Ernährung wurde protokolliert und ihr Stuhl und Urin auf bakterielle Cluster oder „Enterotypen“ wie Prevotella, Bacteroides und Ruminococcus untersucht. „Menschen, die vermehrt tierische Proteine und gesättigte Fette zu sich nahmen, beherbergten mehr Bacteroides, Konsumenten kohlenhydratreicher Nahrung dagegen mehr Prevotella“, so Pfeiffer. Letzterer Typ war auch bei den zwölf Teilnehmern vorherrschend, die sich vegetarisch oder vegan ernährten (Wu et al.: Science 2011). „Bestimmte Ernährungsmuster sind langfristig mit bestimmten bakteriellen Mustern oder ‚Enterotypen‘ assoziiert“, folgert Pfeiffer.

Ob bei der positiven Beeinflussung der Darmmikrobiota auch Probiotika helfen können, beurteilt er eher skeptisch: „Die Probiotikagabe bringt in der Alltagssituation – jenseits der besonderen Herausforderung nach einer Behandlung mit Breitbandantibiotika – nicht allzu viel“, meinte er. „Die wenigen Milliarden Bakterien in einem Probiotikadrink haben gegen die Trillionen in unserem Darm keine Chance.“ Nachvollziehbar und sinnvoll sei dagegen ein gezieltes „Füttern und Düngen der guten Keime“ mittels Prebiotika, schloss der Experte.

 

basierend auf: „Diabetes und Stoffwechsel“, 57. DGE-Symposium, Dresden, 20. März 2014

springermedizin.de, Ärzte Woche 23/2014

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