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Was kommt da wohl auf den Teller?
 
Onkologie 10. März 2014

Wissen Sie, was Ihr Krebspatient isst?

Aufklären, ohne zu bevormunden.

Antioxidantien und andere Nahrungssupplemente galten lange als harmlos – vielleicht nicht wirksam, aber unschädlich. Das ist vorbei. Genauso haben gezielte Krebsdiäten unerwünschte Wirkungen. Über beides muss aufgeklärt werden, ohne den Patienten zu bevormunden. Wirksam ist aber eine gezielte Ernährungsintervention als Teil der Krebstherapie.

„Wir haben genügend Daten und Informationen zur Bedeutung der Ernährungsmedizin – wir müssen das nur in die Praxis umsetzen“, betonte Prof. Dr. Christian Löser, Chefarzt der Medizinischen Klinik am Roten Kreuz Krankenhaus Kassel auf dem 31. Krebskongress in Berlin. Eine gezielte individuelle Ernährungsintervention ist nach heutigen wissenschaftlichen Kenntnissen ein effektiver integraler Bestandteil moderner multimodaler onkologischer Therapiekonzepte. Sie kann einen bedeutsamen Einfluss auf Mortalität, Morbidität, Therapietoleranz, Lebensqualität, Komplikationen und Kosten haben. Ernährung müsse aber von Anfang an aktiv thematisiert werden, forderte Löser: Die Hälfte aller onkologischen Patienten habe bereits zum Zeitpunkt der Diagnosestellung einen Gewichtsverlust hinter sich, der der Beginn einer Mangelernährung sein könne.

Krebsdiäten: Aufklären statt kritisieren

Krebsdiäten können diese negative Entwicklung noch verstärken. Dabei haben sie eine große Attraktivität, wie eine Recherche im Krebskompass, einem großen Forum für Krebspatienten, und Suchmaschinen zeigte.1 Vor allem Breuß „Krebskur total“, die Öl-Eiweiß-Kost nach Budwig, die Gerson-Diät, Makrobiotik und eine kohlenhydratarme Kost nach Dr. Coy fanden viel Aufmerksamkeit bei Patienten. Einer wissenschaftlichen Überprüfung hielten diese Angebote nach dieser Übersichtsarbeit nicht stand: In keinem Fall gab es Evidenz für eine Wirksamkeit aus Studien. Dagegen schweigen sich die Protagonisten im Regelfall über etwaige Risiken wie eine Verstärkung der tumorassoziierten Mangelernährung und der Gewichtsabnahme aus, die für alle diese Diäten belegt sind, betonte Löser. Ihr Erfolg beruht aber wohl auf den scheinbar plausiblen, einfachen Theorien zur Krebsentstehung, auf die sie sich berufen, und dem Versprechen von Heilung bzw. einem günstigen Einfluss auf den Heilungsverlauf.

Medizinisch gibt es derzeit keine begründete Indikation für eine Empfehlung bzw. Anwendung einer spezifischen Krebsdiät. Löser erwartet daher von jedem Arzt, der Tumorpatienten betreut, dass er die Frage der Krebsdiät aktiv anspricht, denn Patienten erwähnen von sich aus meist nicht, was sie neben der Krebstherapie noch tun. „Dabei sollten sie aber nicht kritisieren, sondern aufklären“, rät Löser, „wir müssen als Ansprechpartner für den Patienten zur Verfügung stehen.“

Vitamine und Co – mehr Schaden als Nutzen?

Für Wirksamkeit bzw. Unwirksamkeit diverser Antioxidantien liegen im Gegensatz zu den Krebsdiäten viele Daten aus randomisierten Studien vor. Die Forschungsbemühungen um die Radikalfänger brachten aber kaum ein positives Ergebnis zutage – egal ob zur Krebsprävention oder Therapie begleitend. Im Gegenteil fanden sich immer wieder auch Hinweise auf unerwünschte Effekte, berichtete Dr. Jann Arends vom Tumorbiologiezentrum in Freiburg. So führte die Supplementierung mit Vitamin E und Betakarotin bei Radiatio von HNO-Tumoren zu mehr statt weniger Lokalrezidiven2, Katechine aus Grüntee schienen die Effektivität von Bortezomib zu verringern3 und im Tiermodell ist belegt, dass hoch dosiertes Vitamin C die antitumorale Effektivität einer ganzen Reihe von Tumortherapeutika hemmt, beispielsweise von Doxorubicin, Cisplatin, Vincristin, Methotrexat, aber auch Imatinib.4

Freie Radikale lieber nicht bremsen

Auch hier gilt wohl, dass ein vermeintlich plausibler Wirkmechanismus – das Abfangen freier Radikale – zwar eine hohe Popularität der Antioxidantien in der Gesellschaft ermöglicht. Tatsächlich schützt aber das Abfangen der freien Radikale nicht immer, denn diese reaktiven Sauerstoffspezies werden sowohl für physiologische Reaktionen als auch für die Wirkung der Therapeutika benötigt, zumal diese teilweise direkt auf der Bildung von freien Radikalen basiert. Arends zitierte den Nobelpreisträger James Watson, der rät, die freien Radikalen lieber nicht zu bremsen, und vermutet, dass durch die Einnahme hoch dosierter Antioxidantien möglicherweise mehr Krebs ausgelöst worden ist, als verhindert werden konnte.

 

1Huebner J et al. Anticancer Res. 2014; 34: 39-48

2Bairati I et al. J Clin Oncol 2005; 23: 5805-5813

3Golden EB Blood 2009; 113: 5927-537

4Heaney ML et al. Cancer Res 2008; 68: 8031-8038

Quelle: 31. Deutscher Krebskongress (DKK), Symposium „Ernährung bei Krebs – vom Genussmittel zur Therapie“, 19.–22. Februar 2014, Berlin

springermedizin.de, Ärzte Woche 11/2014

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