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Die Vorstellung von gesunder Ernährung in unseren Köpfen wird durch viele Studien mit fragwürdigen Ergebnissen geprägt.
 
Allgemeinmedizin 14. Februar 2014

Wie gesund essen?

Viele Studien mit wenig Nährwert.

Untersuchungen, wie man sich gesund essen kann, gibt es im Überfluss. Doch die meisten sind mit größter Vorsicht zu genießen. Und wollte man wirklich wissen, welche Ernährung die Gesundheit schützt, bräuchte es riesige, teure Studien. Bloß würden die auch unsere Ernährungsweise verändern?

Das Risiko für Myokardinfarkt und Schlaganfall lässt sich um 39 Prozent senken, wenn man täglich acht Gramm Schokolade nascht. Alternativ kann man auch Nüsse knabbern - damit geht die Herzinfarktrate um 48 Prozent zurück. Oder wenigstens einmal in der Woche fetten Fisch auf den Tisch bringen: macht 44 Prozent weniger Infarkte.

Und was ließe sich erst mit der Tripel-Diät bewirken? Vermutlich ernüchternd wenig, ebenso wie mit den einzelnen Komponenten, sofern sie unter kontrollierten Bedingungen getestet würden. Die genannten und vielfach berichteten relativen Risikoreduktionen stammen nämlich aus Beobachtungsstudien, die solche Schlussfolgerungen eigentlich gar nicht zulassen. Mithilfe von Beobachtungsstudien kann nur festgestellt werden, ob zwei Konstellationen besonders häufig gemeinsam auftreten. Aus einem solchen Zusammentreffen lässt sich aber kein ursächlicher Zusammenhang ableiten. Wenn eine Beobachtungsstudie ergibt, dass ältere Männer, die das Frühstück ausfallen lassen, häufiger einen Herzinfarkt erleiden, bedeutet dies eben nicht, dass Frühstücken vor dem Infarkt schützt.

Möglicherweise nehmen sich gestresste und daher infarktgefährdete Menschen einfach nur nicht die Zeit für eine Morgenmahlzeit. Solche Korrelationen zu Kausalitäten umzudeuten, ist unzulässig, wird aber trotzdem häufig gemacht.

Essverhalten wird in der Regel erfragt

 

Neben dieser Limitation aller Beobachtungsstudien kommt bei Ernährungsstudien ein spezifisches Problem dazu: das Erinnerungsvermögen. Das Essverhalten wird in der Regel von den Studienteilnehmern erfragt. Die Ergebnisse sprechen nicht immer für deren Gedächtnis. So ist zum Beispiel die im NHANE-Survey berichtete Energieaufnahme unphysiologisch niedrig für gesunde Menschen. Bei den adipösen Studienteilnehmern fehlten pro Tag rund 800 Kilokalorien.

Menschliche Schwächen scheinen aber auch darüber hinaus die Ergebnisse mancher Ernährungsstudien zu beeinflussen. So wird der Limonadenkonsum zwar in 80 Prozent aller epidemiologischen Studien mit einer Gewichtszunahme in Zusammenhang gebracht. Beschränkt man sich jedoch auf die Studien, die von den Getränkeherstellern unterstützt wurden, dann finden ebenfalls 80 Prozent keine derartige Korrelation. Beobachtungsstudien mit erwartbar kleinen Effekten, wie in der Primärprävention mit einzelnen Nahrungsmitteln, sind außerdem besonders anfällig für systematische Verzerrungen.

Laut John P.A. Ioannidis, Professor für Medizin, Statistik, Gesundheitsforschung und -politik vom Stanford Prevention Center, wird mit einzelnen Diätkomponenten höchstens eine zehnprozentige, meistens aber eine weniger als fünfprozentige relative Risikoreduktion von schweren klinischen Ereignissen zu erreichen sein - wenn man die Bevölkerungsterzilen mit dem höchsten und dem geringsten Konsum vergleicht (BMJ 2013; 347: f6698). Jeder Störfaktor oder jede Ungleichheit in den Patientengruppen kann daher zu einem Rauschen führen, das den eigentlichen Effekt weit übertrifft.

Nötig wären große prospektive Studien

 

Damit die Ernährungsforschung ernst zu nehmende Ergebnisse hervorbringt, braucht sie mehr randomisierte kontrollierte Studien. Ein Garant für valide reproduzierbare Ergebnisse sind sie jedoch auch nicht.

Ein Beispiel: die im letzten Jahr veröffentlichte PREDIMED-Studie, der zufolge eine mediterrane Diät plus eine Extraportion Olivenöl oder Nüsse das relative Risiko für ein schweres kardiovaskuläres Ereignis um 30 Prozent senkt. Die Effektgröße ist laut Ioannidis "wahrscheinlich stark übertrieben". Schuld an diesen und ähnlichen Ergebnissen könnten der frühzeitige Studienabbruch, aber auch die Beschränkung auf Hochrisikopatienten, die Art der Vergleichsdiät oder andere Formen von Selektionsbias sein. Ioannidis sieht deswegen die Zeit für randomisierte Megastudien gekommen. "Definitive Antworten erhalten wir nicht mit einer weiteren Million Beobachtungsstudien oder kleinen randomisierten Studien."

Nur mit riesigen Langzeitstudien unter randomisierten kontrollierten Bedingungen wird es letztlich möglich sein, herauszufinden, mit welcher Ernährung sich die Mortalität senken lässt. Solche Studien sind extrem aufwendig und teuer. Am Ernährungsverhalten insgesamt werden sie vermutlich trotzdem nicht viel ändern. Auch heute schon weiß man, dass eine ausgeglichene normokalorische Diät eine Adipositas mit ihren tödlichen Folgen verhindern kann. Dennoch sind 23 Prozent der Deutschen fettsüchtig. Wenn es für die Ernährungsberatung nicht genügend Geld gibt, ist die Ernährungsforschung wenig wert.

ÄZ/bsch/IS, springermedizin.at

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