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Allgemeinmedizin 12. März 2013

Nur fetter Fisch schützt

Eine Metaanalyse bescheinigt Nahrungsergänzungsmittel kein gutes Zeugnis.

Die Datenlage zu Fischölsupplementation zur Schlaganfallrisikoreduktion ist nach wie vor kontroversiell. Dennoch zeigen einzelne Ergebnisse, dass ein hoher Fischkonsum eine präventive Wirkung bei Herz- und Gehirngefäßen hat und Nahrungsergänzung dagegen nichts nützt.

Es erscheint paradox: Wer viel fetten Fisch mit langkettigen Omega-3-Fettsäuren isst, hat ein geringeres Risiko für einen Schlaganfall. Werden diese Fettsäuren als Nahrungsergänzungsmittel konsumiert, schützen sie dagegen nicht. Darauf deutet eine Metaanalyse von 26 prospektiven Kohortenstudien zu Fisch- und Fischölkonsum sowie zwölf Interventionsstudien mit Omega-3-Fettsäuren. Zugleich offenbart die Analyse das gesamte Panoptikum an Fallstricken, das mit solchen Studien einhergeht. Man wird also auch künftig im Trüben fischen, wenn es um die Frage geht, ob sich Schlaganfälle durch Fisch- oder Fischöl verhindern lassen.

12 Prozent weniger Schlaganfälle

Aus den 21 Kohortenstudien, in denen über 675.000 Teilnehmer aus der Allgemeinbevölkerung nach ihrem Fischverzehr befragt wurden, ließ sich zunächst ein klares Votum für den Fischkonsum ableiten: Bei Fischfans mit mehr als vier Fischmahlzeiten pro Woche war die Rate für zerebrovaskuläre Ereignisse um zwölf Prozent niedriger als bei Fischverächtern, berichten Epidemiologen um Dr. Rajiv Chowdhury von der Universität in Cambridge. Allerdings muss man nach diesen Daten fast täglich Fisch essen, damit das Schlaganfallrisiko signifikant gesenkt wird, denn bei zwei bis vier Mahlzeiten pro Woche gab es kaum noch einen Unterschied zu Personen, die auf Fisch verzichteten. Entscheidend ist auch, ob der Fisch fett ist: Eine Subgruppenanalyse ergab nur für sehr ölhaltigen Fisch eine reduzierte Schlaganfallrate (minus 16 %).

Umso mehr wundert es, dass es in 14 Studien keinen klaren Zusammenhang zwischen Omega-3-Fettsäurekonsum und Schlaganfallrate gab. In vier der Studien wurden Omega-3-Fettsäuren im Blut gemessen. Teilnehmer mit hohen Blutwerten zeigten dabei sogar eine leicht erhöhte Schlaganfallrate (plus 4 %). In zehn Studien wurde versucht, den Omega-3-Konsum aus den Ernährungsangaben der Teilnehmer zu berechnen. Hier war die Schlaganfallrate in der Gruppe mit den höchsten Omega-3-Werten um etwa zehn Prozent geringer.

Noch verwirrender wird es, wenn man sich randomisiert-kontrollierte Studien mit Omega-3-Nahrungsergänzungsmitteln anschaut – sie sollten eigentlich die höchste Evidenz liefern. Insgesamt spürten die Epidemiologen um Chowdhury zwölf solcher Studien mit zusammen 62.000 Teilnehmern auf. An zwei der Studien nahmen ausschließlich Personen ohne bekannte kardiovaskuläre Erkrankung teil. Hier gab es mit Omega-3-Supplementation, meist in Form von Fischölkapseln, so gut wie keine Reduktion der Schlaganfallrate (minus 2 %), in den zehn Studien zur Sekundärprävention war die Rate im Vergleich zu Placebo sogar erhöht (plus 17 %).

Ist es der Fisch oder der Verzicht aufs Schwein?

Wie lassen sich diese Resultate nun erklären? Die Autoren der Metaanalyse halten es zum einen für möglich, dass nicht nur Fischöl mit seinem hohen Omega-3-Anteil relevant für die niedrige Schlaganfallrate von Fischfans ist, sondern auch andere Fischbestandteile relevant sind wie Vitamin D und B, essenzielle Aminosäuren oder Spurenelemente. Eine andere plausible Erklärung ist schlicht die, dass Menschen, die täglich Fisch essen, stattdessen kaum fettes Rind- und Schweinefleisch zu sich nehmen und daher eher über den Verzicht auf ungünstige Fette ihr Schlaganfallrisiko senken. Schließlich kann ein erhöhter Fischkonsum auch nur ein Marker für einen gesünderen Lebensstil sein.

Der fehlende Nutzen in Interventionsstudien lasse sich möglicherweise auch damit erklären, dass viele der Patienten – vor allem in den Studien zur Sekundärprävention – schon optimal medikamentös versorgt wurden, sodass Fischöl möglicherweise keinen Zusatznutzen bringt, schreiben Dr. Janette Goede und Dr. Johanna Geleijnse von der Universität Wageningen in den Niederlanden in einem Kommentar zu der Metaanalyse. So hatten frühere Metaanalysen stets einen deutlichen Nutzen ergeben, dieser wurde von Analyse zu Analyse über die Jahre hinweg jedoch immer kleiner, zugleich sank aufgrund der besseren medizinischen Versorgung auch die Schlaganfallinzidenz.

Welches Fazit lässt sich also aus den Daten ziehen? Ein bis zweimal pro Woche Fisch zu essen, wie es in der Regel empfohlen wird, könnte tatsächlich hilfreich sein, um sein kardio- und zerebrovaskuläres Risiko zu senken, allerdings ist der Nutzen, falls er sich überhaupt auf den Fischkonsum zurückführen lässt, wohl nicht sehr groß. Und teure Fischölkapseln kann man sich wohl getrost sparen.

Originalpublikation: Chowdhury R, et al. BMJ 2012;345:e6698; DOI: 10.1136/bmj.e6698

springermedizin.de/KK, Ärzte Woche 10/2013

  • Herr Dr. Peter Prock, 14.03.2013 um 17:14:

    „In einem interessanten Kommentar zu diesem Artikel (1) weist Janette de Goede aus Wageningen jedoch darauf hin, dass Studien mit Fischölkapseln, die in diese Metaanalyse aufgenommen wurden, primär in der Sekundärprävention mit bereits optimal versorgten Patienten durchgeführt wurden. Ein zusätzlicher Nutzen einer Fischölsupplementation zur Standardtherapie ist unter diesen Umständen nur sehr schwer nachzuweisen und von daher sind die Schlüsse ev. gar nicht haltbar.
    Einmal mehr müssen wir auf die Besonderheit von Studien mit Nährstoffen hinweisen und davor warnen, zu schnell Schlüsse zu ziehen, die die Fakten einer Studie selbst nicht unterstützen.

    Dr. Peter Prock
    European Nutraceutical Association, Basel, Schweiz


    (1) de Goede J., Geleijnse JM. The role of fatty acids from fish in the prevention of stroke. British Medical Journal 2012; 345 doi: http://dx.doi.org/10.1136/bmj.e7219 (Published 30 October 2012) (http://www.bmj.com/content/345/bmj.e7219)“

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