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© Stephan Mcsweeny / shutterstock
Wenn Babys mehr als drei Stunden pro Tag schreien, ist persönliche Unterstützung der Eltern vonnöten.
 
Neonatologie 28. Jänner 2013

Exzessives Schreien: Was hilft Eltern und Kind?

Hinreichende Evidenz für Ernährungsveränderungen und Verhaltenstherapie.

Im Auftrag des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) wurden verschiedene Ansätze untersucht, die exzessives Schreien bei Kindern verringern sollen. Für einzelne Maßnahmen belegen Studien positive Effekte: So können bestimmte Ernährungsveränderungen, Akupunktur oder psychologische Ansätze das Schreiverhalten verbessern.

Säuglinge gelten als „Schrei-Babys“, wenn sie mindestens drei Wochen lang mindestens drei Tage pro Woche mehr als drei Stunden weinen. Exzessives Schreien sei eine ernst zu nehmende Belastung und gefährde die kindliche Entwicklung, betonen die Autoren. Am häufigsten komme es in den ersten drei Lebensmonaten vor. Kernsymptome sind unstillbares Schreien ohne erkennbaren Grund und lang anhaltende Unruhephasen bei einem sonst gesunden Kind. Auslöser können sein:

  • Einschränkungen des Kindes (z. B. Wahrnehmungsstörungen)
  • Probleme der Eltern (z. B. starke psychische Belastung)
  • familiäre Konflikte (z. B. fehlende Unterstützung)

Die Autoren fassen ihre Ergebnisse in einem HTA-Bericht zusammen (HTA = Health Technology Assessment: wissenschaftliche Bewertung gesundheitsrelevanter Verfahren und Technologien). Für ihren Bericht identifizierten die Autoren 23 wissenschaftliche Studien zur Effektivität und Effizienz von psychologischen, psychiatrischen, sozialmedizinischen und komplementärmedizinischen Interventionen bei Schrei-Babys. Es wurde auch der Frage nachgegangen, inwieweit die Interventionen in Schreiambulanzen effektiv sind und ob insgesamt die Versorgung von Schreikindern und ihren Eltern gewährleistet ist. Ökonomisch wurde evaluiert, welche Kosten durch einzelne Interventionen entstehen bzw. welche Kosteneinsparungen erzielt werden.

Wirksame Ansätze

Insgesamt wurden 18 medizinische, eine ökonomische und drei ethische Studien berücksichtigt. Die Mehrzahl der Studien stammt aus den USA (5) und UK (5). Vier Studien befassen sich mit oralen Interventionen und zeigen, dass sowohl eine phytotherapeutische Mischung aus Fenchel, Kamille und Melisse, eine Fenchelsamenemulsion, hydrolysierte Kost sowie ein Verzicht auf Kuhmilchprodukte das Schreien der Kinder signifikant reduzieren.

Zur Wirksamkeit chiropraktischer Interventionen liegen widersprüchliche Ergebnisse vor. Zwei Studien aus Schweden weisen die Wirksamkeit von minimaler Akupunktur nach. Sie konnte bei Säuglingen Dauer und Intensität des Schreiens verringern.

Neun psychotherapeutische bzw. auf das Verhalten bezogene therapeutische Studien weisen darauf hin, dass Entwicklungsberatung, psychotherapeutische Gespräche und Kommunikationsanleitungen zur Reduktion des exzessiven Schreiens und zur Stabilisierung der Eltern beitragen. Diese therapeutischen Interventionen erweisen sich dann als effektiv, wenn die Eltern eine persönliche Beratung oder Unterstützung erhalten.

Diskussion

Insgesamt weisen 14 Studien einen hohen Evidenzlevel (1A bis 2B) auf. Die Wirksamkeit von Schreiambulanzen kann nicht zuverlässig bejaht werden, da Schreiambulanzen nur in einem einzigen systematischen Review behandelt werden. Eine englische Studie zur Kosteneffektivität frühzeitiger Interventionen hat große methodische Mängel.

Fazit der Autoren

Die Forschungslage zur Behandlung und Versorgung von Schreibabys weise erhebliche Lücken auf, so die Autoren. Zur Wirksamkeit von Schreiambulanzen und der Kosten-Nutzen-Effektivität der Behandlung von Schreibabys und/oder ihren Eltern fehlten belastbare Daten. Die ausgewerteten Studien zeigen jedoch hinreichende Evidenz für die Wirksamkeit von gezielten oralen Interventionen mit Fenchel(samen), hydrolysierter Kost oder minimaler Akupunktur zur Behandlung von Drei-Monats-Koliken.

Auf das Verhalten bezogene therapeutische Interventionen im stationären Setting, dem häuslichen Umfeld und bei ambulanter Betreuung reduzieren exzessives Schreien ebenfalls effektiv.

Langfristige Nachteile für Kinder und Eltern seien zu verhindern, so die Autoren. Dazu sei überlasteten Familien frühzeitig geeignete Hilfe anzubieten und die Zusammenarbeit z. B. von Kinderärzten, Kliniken, Beratungsstellen und Jugendhilfe zu verbessern.

Der vollständige HTA-Bericht ist kostenfrei auf der Webseite des DIMDI abrufbar: www.dimdi.de.

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