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Gastroenterologie 3. August 2012

Wie Hunger zu Darmentzündungen führt

Ein deutsch-österreichisches Team zeigte erstmals den molekularen Einfluss der Ernährung auf das Gleichgewicht zwischen Immunsystem und Darmflora. Eine tryptophanreiche Ernährung könnte demnach einen neuen, einfachen Therapieansatz bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa darstellen.

Schon lange ist bekannt, dass Mangelernährung zu Durchfall, Entzündungen des Darmes und Störungen des Immunsystems führt und so den Körper schwächt. Die molekularen Mechanismen, die die Zusammenhänge zwischen der Mangelernährung und den Auswirkungen auf den Darm erklären, waren bisher weitgehend unverstanden.

ACE2 kontrolliert Tryptophan-Resorption

Im Rahmen einer Forschungskooperation des Instituts für Molekulare Biotechnologie (IMBA), Wien, und des Institut für Klinische Molekularbiologie (IKMB) am Campus Kiel wurde nun auf molekularer Ebene eine Erklärung für die gesteigerte Anfälligkeit für Darmentzündungen bei Mangelernährung gefunden. Thomas Perlot und Tatsuo Hashimoto aus der Arbeitsgruppe um Prof. Josef Penninger am IMBA haben eine vollkommen neue Funktion des Angiotensin Converting Enzyme 2 (ACE2)-Gens entdeckt: Das Enzym reguliert die Aufnahme der essenziellen Aminosäure Tryptophan aus dem Darm. Josef Penninger ist überrascht: "Seit mehr als zehn Jahren forsche ich bereits an diesem Enzym, aber dass wir hier einen komplett neuen Zusammenhang zwischen ACE2 und der Aminosäure-Balance im Darm finden würden, hat mich verblüfft."

Überraschend einfacher Therapieansatz

Wenn wir zu wenig Tryptophan mit der Nahrung aufnehmen, wird das Immunsystem im Darm gestört. Dies wiederum bewirkt, dass sich die Zusammensetzung der im Darm angesiedelten Bakterien verändert und der Körper damit anfälliger für Durchfälle und Entzündungen wird. Die Studien haben gezeigt, dass eine tryptophanreiche Ernährung bei Mäusen Entzündungssymptome lindern kann. Die Zusammensetzung der Darmbakterien normalisiert sich, die Entzündungen klingen ab und die Tiere werden weniger empfindlich gegenüber einer neuen Erkrankung.


Penninger sieht in diesen erfolgreichen Forschungsergebnissen eine große Chance für eine medizinische Anwendung: "Menschen, die an chronisch entzündlichen Darmerkrankungen leiden, könnte man mit diesem neuen Therapieansatz möglicherweise helfen. Zudem wären Nebenwirkungen durch die verstärkte Zufuhr einer ohnehin in der Nahrung vorkommenden Aminosäure kaum zu befürchten." Ob tatsächlich eine einfache Ernährung mit Tryptophan die Effekte von Mangelernährung heilen könne, müsse jetzt in klinischen Studien gezeigt werden.

Ernährungsintervention wird geprüft

"Unsere Forschungsergebnisse zeigen, wie unmittelbar Bestandteile der Nahrung auf die Zusammensetzung der Darmflora Einfluss nehmen", erklärt Thomas Perlot. "Das Wissen um diese molekularen Zusammenhänge kann in Zukunft sicher genutzt werden, um über eine spezielle Diät bzw. die Zufuhr bestimmter Nahrungsbestandteile einer erhöhten Anfälligkeit gegenüber Darmentzündungen entgegenzuwirken."

"Wir müssen jetzt auch an Patienten zeigen, dass wir durch spezifische Nahrungsbestandteile wie dem Tryptophan in der Lage sind bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen zu helfen", sagt Prof. Stefan Schreiber, Klinik für Innere Medizin I am Campus Kiel.  „Da es sich hierbei um Ernährungsinterventionen handelt, können wir die Ergebnisse schnell klinisch umsetzen.“ 

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Penninger_Rita Newman

(c)Rita Newman

Josef Penninger: „Menschen, die an chronisch entzündlichen Darmerkrankungen leiden, könnte man mit diesem neuen Therapieansatz möglicherweise helfen.“

idw/OTS/CL, springermedizin.at

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