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Innere Medizin 15. Mai 2012

Tödlicher Schlankmacher: Prozessbeginn gegen Pharmafirmengründer Jacques Servier in Paris

Das Diabetesmittel Benfluorex wurde als Appetitzügler namens Mediator 33 Jahre lang vermarktet, bis es 2009 europaweit verboten wurde.

Im Skandal um gesundheitsgefährdende Schlankmacher- Pillen des französischen Pharmakonzerns Servier steht seit Montag Firmengründer Jacques Servier (90) mit vier ehemaligen Führungskräfte vor Gericht. Ihnen wird vorgeworfen, das Medikament Mediator zur Gewinnmaximierung als Diabetes-Mittel ausgezeichnet zu haben.
Den Angeklagten drohen wegen schweren Betrugs bis zu vier Jahre Haft und ein Berufsverbot. Mehr als 350 Geschädigte und Hinterbliebene verlangen vor dem Gericht in Nanterre bei Paris als Nebenkläger Schadensersatz.

 

Auslöser des Skandals ist unter anderem eine Studie der französischen Aufsichtsbehörde für Medikamentensicherheit. Sie vermutet, dass die Schlankmacher-Pillen des Konzerns allein in Frankreich den Tod von mindestens 500 Patienten verursacht haben. Andere Schätzungen gehen sogar von bis zu 2000 Opfern aus. Mindestens 3500 Patienten mussten im Krankenhaus behandelt werden. Das Mittel soll unter anderem Herz- und Kreislaufschäden hervorgerufen haben.

Schlankheitsmittel als Antidiabetikum am Markt

Servier hatte Schlankheitsmittel Mitte der 1970er Jahre als Diabetes-Medikament auf den Markt gebracht. Es wurde aber auch häufig Übergewichtigen als Appetitzügler verschrieben. Schätzungen zufolge haben insgesamt etwa fünf Millionen Menschen das Mittel eingenommen. Mediator ist seit 2009 europaweit verboten. Vorausgegangen war eine Untersuchung der Europäischen Arzneimittelagentur. In Österreich und Deutschland war das Mittel mit dem Wirkstoff Benfluorex nie auf dem Markt.

Prozess bis zum 6. Juli angesetzt

Die Verhandlung im ersten Strafprozess gegen den Pharmakonzern ist bis zum 6. Juli angesetzt. Ein weiteres Verfahren wird voraussichtlich nach dem Abschluss von weiteren Ermittlungen beginnen. Dann droht Servier auch eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung. Sein Anwalt argumentiert, dass der Prozess erst stattfinden könnte, wenn die Ermittlungen für den zweiten abgeschlossen sind.


Mediator - gefährlicher Appetitzügler 

Es ist einer der größten Arzneimittelskandale in der französischen Geschichte: Mediator, ein Schlankheitsmittel des Pharmariesen Servier, wurde in Frankreich 33 Jahre lang verkauft und 2009 europaweit verboten.

Seit 1976 wurde Mediator zur Behandlung übergewichtiger Diabetiker eingesetzt. Viele Ärzte verschrieben das Mittel jedoch auch gesunden Patienten, die abnehmen wollten, obwohl es dafür keine Zulassung gab und andere Mediziner öffentlich vor Herz- und Kreislaufschäden gewarnt hatten. Hunderte Menschen sollen an den Nebenwirkungen gestorben sein, mindestens 3.500 wurden im Krankenhaus behandelt.

Nach Angaben der European Medicines Agency (EMA) sorgt Benfluorex dafür, dass der Körper das von ihm gebildete Insulin besser verwertet und der Blutzucker gesenkt wird. Außerdem wirkt es auf die Leber, indem es die Bildung von Glykogen (der Speicherform von Glykose in der Leber) erhöht. Das zügelt den Appetit. EMA-Studien ergaben, dass sich Benfluorex nur begrenzt für die Behandlung von Diabetes eignet, jedoch die Herzklappen schädigen kann.

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