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Ernährung 1. März 2009

Die Ernährung des Menschen im evolutionsmedizinischen Kontext

Die These, wonach eine an der Nahrungsauswahl des Paläolithikums orientierte Ernährungsweise von präventivmedizinischer Relevanz sein soll, ist in den letzten Jahren auf wachsendes Interesse gestoßen. Vor diesem Hintergrund stellt dieser Beitrag den Versuch dar, die Nahrungsauswahl im Verlauf der Hominisation auf Basis der aktuellen paläontologischen Forschungsergebnisse zu rekonstruieren. Bei der Hominisation lassen sich mehrere Stadien differenzieren und die Ernährungsökologie der plio-pleistozänen Homininen versuchsweise charakterisieren. Neueren Isotopen-Auswertungen zufolge sollen die Australopithecinen im Zeitraum von vor 4,5–2,5 Mio. Jahren bereits geringe Mengen tierischer Nahrung aufgenommen, jedoch eine vorwiegend harte, abrasive pflanzliche Kost konsumiert haben, die der rezenter Schimpansen ähnelte. Im Vergleich zu den Australopithecinen dürften die ersten Vertreter von Homo wie H. erectus und H. habilis (2,5–1,5 Mio Jahre vor heute) eine energetisch gehaltvollere, nährstoffkonzentriertere Kost verzehrt haben, was auch mit der Grazilisierung des Gebisses in Verbindung steht. Wie H. sapiens sollen die Mitglieder dieser Spezies eine omnivore Ernährungsstrategie verfolgt haben. Aussagen zur Ernährungsökologie des archaischen und des modernen H. sapiens gründen vielfach auf Analogieschlüssen zur Lebensweise historischer und rezenter Wildbeuter (Jäger und Sammler). Wie die wenigen detaillierten ethnographischen Daten zeigen, variiert die Zusammensetzung der Kost bei den einzelnen Jägern und Sammlern erheblich und reicht von einer fast rein animalischen bis hin zu einer vorwiegend auf pflanzlichen Ressourcen basierenden Nahrung. Insgesamt stellt sich das Ernährungsverhalten des prähistorischen Menschen wie das seiner pleistozänen Vorfahren als sehr flexibel dar. Mit Ausnahme der Fokussierung auf eine energetisch hochwertige, nährstoffreiche Kost lässt sich keine Spezialisierung auf bestimmte Lebensmittel, ein charakteristisches Pflanzen-Tier-Verhältnis oder eine definierte Makronährstoffverteilung erkennen. Entsprechend ist keine empirisch begründete Aussage dazu möglich, wie die vielfach als "artgerecht" propagierte "Steinzeiternährung" im Detail beschaffen war.

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