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In der Grazer Studie wurde unter anderem auch festgestellt, dass Personen, die in ihrer beruflichen Laufbahn einer körperlich aktiven Tätigkeit nachgegangen sind, bei Eintritt in den Ruhestand besonders gefährdet sind, an Adipositas zu erkranken.
 
Allgemeinmedizin 21. November 2011

Wer ist in Österreich adipös?

Alte und wenig gebildete Personen sind laut einer Grazer Studie besonders betroffen.

Adipositas bzw. Fettsucht ist das am schnellsten wachsende Gesundheitsrisiko und gemeinsam mit Übergewicht zählt es weltweit zum fünfthäufigsten Risiko für Todesfälle. Eine Adipositas bei Erwachsenen liegt vor, wenn der Body Mass Index (BMI = kg/m²) über 30 kg/m² beträgt. Dies führt häufig zu Folgeerkrankungen (wie z. B. Diabetes mellitus, kardiovaskuläre Erkrankungen, Gicht), Stigmatisierung, verminderte Lebenserwartung und belastet die Gesundheitsausgaben enorm. Spitzenreiter sind nach wie vor Industrieländer wie die USA, Australien oder Großbritannien, wo etwa 30 Prozent der Erwachsenen fettleibig sind.

 

Das Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Medizinischen Universität Graz hat die Entwicklung der Adipositas in Österreichs Erwachsenenpopulation zwischen den Jahren 1973 und 2007 untersucht, um aussagekräftige Ergebnisse zu Risikogruppen und Trends darstellen zu können. Dabei wurden Daten von 178.818 Personen (53,7 % weiblich) im Alter von 20 bis 99 Jahren aus nationalen, repräsentativen Surveys unter Berücksichtigung soziodemografischer Faktoren analysiert. Um möglichst genaue Ergebnisse zu erzielen, wurden die selbstberichteten Daten zum BMI auf Basis einer Vorstudie dementsprechend adjustiert (Großschädl & Stronegger, Public Health Nutrition 2011).

Die altersstandardisierte Prävalenz in der Adipositas betrug im Jahr 2007 15 Prozent bei den Frauen und 13,8 Prozent bei den Männern. Im gesamten Untersuchungszeitraum lagen die höchsten Adipositasraten sowohl bei Männern als auch bei Frauen in der Altersgruppe der 55- bis 74-Jährigen vor; die jüngsten Teilnehmer hatten stets die niedrigste Prävalenz. Ein signifikanter Anstieg in der Adipositasprävalenz ist jedoch erst ab 1991 in allen Altersgruppen zu erkennen, wobei der stärkste Zuwachs bei Frauen ab dem 75. Lebensjahr (absolute Differenz = +10,3 %) und bei Männern zwischen 55 und 74 Jahren (absolute Differenz = +10 %) beobachtet werden konnte (siehe Tabelle). Auch in anderen europäischen Ländern wurde von einem starken Aufwärtstrend in der Adipositasprävalenz ab den 1990er-Jahren berichtet. Man geht davon aus, dass der Anstieg in der Produktion von kostengünstigen und wenig energiereichen Lebensmitteln in Europa ab diesem Zeitraum mit der Zunahme von Adipositas einhergeht.

Adipositasprävalenz bei niedrigem Bildungsniveau

Diese Studie zeigte des Weiteren, dass die meisten Adipositaserkrankten jene Personen mit niedrigem Bildungslevel waren (Prävalenz im Jahr 2007: Frauen = 19 %; Männer = 16,5 %). Auch die absolute Differenz in der Adipositasprävalenz war bei weniger gebildeten Frauen und Männern während der Studienperiode am höchsten. Personen mit Maturaabschluss (Prävalenz im Jahr 2007: Frauen = 8 %; Männer = 8,7 %) oder Akademiker (Prävalenz im Jahr 2007: Frauen = 5,5 %; Männer = 7,6 %) waren weniger oft fettleibig.

Zudem ergab die Studie, dass die Kombination von niedrigem Bildungslevel und hohem Alter (> 54 Jahre) eine Hochrisikogruppe für Adipositas darstellt (siehe Abbildung). Es wird angenommen, dass Personen, die in ihrer beruflichen Laufbahn einer körperlich aktiven Tätigkeit nachgehen, bei Eintritt in den Ruhestand besonders gefährdet sind, an Adipositas zu erkranken. Denn eine gleichbleibende Nahrungszufuhr bei vermindertem Energieverbrauch führt folglich zu einer Gewichtszunahme, die schlimmstenfalls in der Fettsucht endet.

Ost-West-Gefälle erkennbar

Interessant sind auch die regionalen Unterschiede hinsichtlich des Vorkommnisses von Adipositas. In der 35-jährigen Untersuchungsperiode war innerhalb Österreichs ein deutliches Ost-West-Gefälle zu erkennen. Die höchsten Raten lagen in der Region um Wien, Niederösterreich und Burgenland vor.

Zusammengefasst zeigte sich über den gesamten Studienzeitraum ein hoch signifikanter Zuwachs in der Adipositasprävalenz bei österreichischen Männern und Frauen. Speziell Personen ab dem 54. Lebensjahr aus niedrigeren sozialen Schichten sind gefährdet, adipös zu werden. Präventive Public-Health-Programme im Hinblick auf Adipositas sollten daher in Österreich mit besonderem Augenmerk auf diese Zielgruppe gerichtet implementiert werden, um die rasch wachsende Zunahme dieser Erkrankung in naher Zukunft in den Griff zu bekommen.

 

Franziska Großschädl, MSc, BSc, ist als Study Coordinator in der Division of Obstetrics and Maternal Fetal Medicine, Medizinische Universität Graz, tätig.

 

Prof. Dr. Willibald Stronegger ist im Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Medizinischen Universität Graz tätig.

Absolute Differenz der Adipositasprävalenz
 FrauenMänner
Prädiktor Absolute Differenz* Adipositasprävalenz (1991–2007) in % Absolute Differenz Adipositasprävalenz (1991–2007) in %
Altersgruppen
20–34 Jahre + 4,58 + 3,50
35–54 Jahre + 3,10 + 4,51
55–74 Jahre + 6,32 + 10,04
≥ 75 Jahre + 10,31 + 4,47
Bildungslevel**
Niedrig + 2,44 + 4,10
Mittel + 2,25 + 1,64
Hoch + 0,01 + 1,10
* Berechnung der absoluten Differenz: Pl – Pe (Prävalenz letztes Jahr – Prävalenz erstes Jahr berechnet aus logistischen Regressionsmodellen)
** niedrig = höchst abgeschlossene Bildung: Pflichtschule / berufsbildende mittlere Schule; mittel = höchst abgeschlossene Bildung: Höhere Schule mit Matura; hoch = höchst abgeschlossene Bildung: Universität / Hochschule.

Tabelle: Absolute Differenz in der Adipositasprävalenz in unterschiedlichen Alters- und Bildungsgruppen getrennt nach Frauen und Männern für die Studienperiode 1991 bis 2007 und pro Jahr.

Von F. Großschädl und W. Stronegger , Ärzte Woche 46 /2011

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