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Grafik: B. Lehner, A. Woppmann, R. Kerbl
Abb. 1: Reduktion der Koliksymptome während des Beobachtungszeitraums
 
Kinder- und Jugendheilkunde 22. September 2011

Reduktion von abdominellen Koliken von Säuglingen durch Verwendung von bodenbelüfteten Babyflaschen

Bettina Lehner1, Andreas Woppmann2, Reinhold Kerbl3

Eine Feldstudie in der Obersteiermark und im Raum Graz brachte neue Erkenntnisse.

Einleitung

Abdominelle Koliken stellen eines der häufigsten Probleme im Säuglingsalter dar.

Obwohl bereits eine Reihe von Studien zu diesem Thema publiziert wurden, sind die Ursachen für abdominelle Koliken im Säuglingsalter weitgehend unbekannt.1, 2, 3

Neben den herkömmlichen möglichen Methoden zur Behandlung der Koliken (Bauchmassage, Vermeidung von blähenden Nahrungsmitteln bei stillenden Müttern, Verabreichung von Simethicon (Antiflat®, Lefaxin®, Sab simplex®), Fencheltee, Homöopathika etc.) wird die Verwendung von bodenbelüfteten Babyflaschen aufgrund des speziellen Belüftungssystems und der damit verbundenen Verringerung der Aerophagie als Möglichkeit zur Reduktion von abdominellen Koliken diskutiert.

Methode

Um den Effekt der bodenbelüfteten Flaschen zu überprüfen, wurden im Zeitraum von 29.04.2010 bis 08.01.2011 Eltern von 73 Säuglingen befragt. Die Kinder hatten ein durchschnittliches Lebensalter von 7 Wochen (Md), 51 % der teilnehmenden Kinder waren männlich. Die Rekrutierung der Probanden erfolgte über 10 niedergelassene Fachärzte für Kinder- und Jugendheilkunde im Raum Obersteiermark und Graz. Die Eltern der Säuglinge hatten im Zuge der kinderfachärztlichen Konsultationen bei den teilnehmenden Fachärzten über vermehrte abdominelle Koliken ihrer Kinder berichtet mit den damit verbundenen Symptomen.

Nach erhobener Kolikanamnese und Einwilligung zur Teilnahme an der Studie wurden an die Eltern der Probanden je drei bodenbelüftete Babyflaschen (MAM Anti-Colic) von den niedergelassenen Kinderfachärzten ausgehändigt. Die Eltern der Probanden wurden nach Ausgabe der bodenbelüfteten Babyflaschen gebeten, in den folgenden sechs Wochen der Studie ausschließlich die ausgegeben Babyflaschen zu verwenden.

Die Dauer und Symptome der abdominellen Koliken sowie die Ernährungsgewohnheiten der Säuglinge und etwaige zusätzliche Behandlungsmaßnahmen von Seiten der Eltern wurden anhand eines halbstrukturierten Fragebogens evaluiert. Um den Verlauf der Kolikbeschwerden zu dokumentieren, wurden die Teilnehmer im Rahmen eines Telefoninterviews zu Beginn der Studie befragt, sowie zwei, vier und sechs Wochen nach der Anamnese. Dabei wurden die koliktypischen Symptome je nach absoluter Häufigkeit pro Tag erhoben. Ebenfalls erhoben wurde die Dauer der Koliken bevor das Kind in die Studie aufgenommen wurde, um Zeiteffekte der Koliken berücksichtigen zu können.

Ergebnisse

Von allen sechs untersuchten Koliksymptomen konnte bei vier eine signifikante Verringerung der Häufigkeit und der damit einhergehenden Schwere festgestellt wer- den (Schweres Aufstoßen, Blähungen, Anziehen der Beine und Schreien) (Abb. 1).

Die Reduktion erfolgte dabei nicht linear über alle vier Zeitpunkte hinweg. Zwischen der Anamnese und der ersten Befragung nach zwei Wochen der Verwendung der bodenbelüfteten Babyflaschen konnte ein signifikanter Effekt festgestellt werden (ANOVA, p < .001). Diese abrupte Abnahme der Beschwerden lässt auf einen Effekt durch die Verwendung der belüfteten Babyflaschen schließen. Eine signifikante Verringerung der Schlafstörungen bzw. des Erbrechens nach erfolgter Fütterung konnte hingegen nicht beobachtet werden.

Um die signifikante Reduktion aller oben beschriebener Symptome innerhalb der ersten zwei Wochen zu erklären, wurde ein additiver Index aller beobachteten Symptome erstellt und die Differenz des Index zwischen Anamnese und der Befragung nach zwei Wochen genauer untersucht. In einer multivariablen Varianzanalyse konnten weder die zusätzlich herkömmlich angewandten Behandlungs- möglichkeiten (wie z. B. Bauchmassage oder die Verabreichung von Simethicon – siehe Tabelle 1) noch die inkludierten Kontrollvariablen die Gesamtverbesserung der Symptome ausreichend erklären.

So konnten nur 6,9 Prozent (adjusted R2) der Symptomreduktion auf die Verwendung der von den Eltern zusätzlich angewandten Behandlungsmethoden zurückgeführt werden. Das lässt rückschließen, dass herkömmliche Behandlungsformen als erklärende Variablen weitgehend ausgeschlossen werden können.

Auch die subjektive Wahrnehmung der Eltern unterstützt dieses Ergebnis. Am Ende der Studie sechs Wochen nach Ausgabe der Babyflaschen gaben 79,3 Prozent aller an der Studie teilnehmenden Eltern einen für sie ersichtlichen reduzierenden Effekt der Koliken durch die verwendeten Babyflaschen an.

Schlussfolgerung

Unter Verwendung von bodenbelüfteten Babyflaschen zeigt sich eine signifikante Verringerung der Symptome, welche mit abdominellen Koliken im Säuglingsalter einhergehen. Schlussfolgernd muss Aerophagie in der Entstehung von fütterungsassozierten Säuglingskoliken als mit- tragender Entstehungsfaktor diskutiert werden.

1 Medizinische Universität Graz

2 International Children Medical Research Society, Wollerau/Schweiz

3 LKH Leoben-Eisenerz, Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde

Referenzen:

 

1 Hall B, Chesters J, Robinson A. Infantile colic: A systematic review of medical and conventional therapies. J Paediatr Child Health, 04/2011 (Epup ahead of print)

2 Rogovik AL, Goldman RD. Treating infants’ colic. Can Fam Physician, 2005; 51; 1209-11

3 Lucassen PL, Assendelft WJ, Gubbels JW, van Eijk JT, van Geldrop WJ, Neven AK. Effectiveness of treatments for infantile colic: systematic review. BMJ, 1998; 316; 1563-9

Tabelle 1
Unabhängige VariablenFSig.partielles Eta2
Alter 3.164 .082 .062
Dauer der Koliken .471 .496 .010
Geschlecht 2.541 .117 .050
Windesalbe 1.127 .294 .023
Kirschkernsackerl 2.982 .091 .058
SAB Tropfen (Simethicon) .007 .933 .000
Fliegergriff 2.597 .114 .051
Bauchmassage 3.921 .053 .076
Fencheltee .830 .367 .017
Fieberthermometer .798 .376 .016
Globuli/Homöopathie/Bachblüten 2.735 .105 .054
R2 = .243 (Adjusted R2 = .069); n=60
Abhängige Variable: Differenz der Symptome zwischen Anamnese und Befragung nach 2 Wochen

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