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Dr. Michael Gindl Arzt für Allgemeinmedizin, Naturheilkunde, Homöopathie und Ayurveda-Medizin

 
Komplementärmedizin 8. März 2011

Fasten: Das Feuer sitzt in der Mitte

Das Thema Fasten aus dem Blickwinkel eines Ayurveda-Arztes.

In der Ayurveda-Medizin ist nicht jeder mit Fasten gut beraten. Denn es kommt auf den jeweiligen Typ an. Für manche, meint Dr. Michael Gindl, ist Fasten sogar ungünstig. Im Interview erklärt der Ayurveda-Arzt, wer fasten soll, warum es besser ist, sich dafür ein paar Tage frei zu nehmen, und durch welche Maßnahmen Fasten unterstützt werden kann.

 

Ist es auch in der Ayurveda-Medizin so, dass der Frühling die ideale Fastenzeit ist?

Gindl: Ja, das kann man auch in der Natur beobachten: Im Winter ist es kalt. Das bedeutet, das Wasser hält sich in der Erde, auch der Stoffwechsel wird langsamer. Im Frühling nimmt er wieder zu. Das heißt, die klassische Frühjahrsmüdigkeit bedeutet ein Übermaß an Kapha, an Schleim. Fasten bewirkt, dass sich das Feuer wieder entfacht, oder bildlich gesprochen: der Ofen wieder besser zieht. Denn im Ayurveda wird das Verdauungssystem immer mit einem Ofen verglichen. Das heißt: Das Feuer sitzt in der Mitte.

 

Ist Fasten oder das „Feuer entfachen“ nach ayurvedischen Kriterien für jeden positiv zu bewerten?

Gindl: Positiv ist es für Menschen mit der Störung „Ama“. Unter „Ama“ versteht man Toxine im Körper, stoffwechselbedingte Störungen, auch des Magen-Darmbereichs. Hier eignet sich das Fasten, um zum Beispiel entsprechend Cholesterin oder Harnsäure zu reduzieren. Ayurvedisch betrachtet, erhöhen wir dafür das Verdauungsfeuer. Deshalb ist das Fasten für Personen, die prinzipiell zu viel Feuer haben – darunter fallen zum Beispiel Menschen mit Entzündungen – nicht immer empfehlenswert. (siehe Kasten)

 

Wie sieht die ayurvedische Anamnese aus?

Gindl: Die ayurvedische Anamnese ist sehr umfangreich und beschäftigt sich neben den früheren körperlichen Beschwerden und dem klassischen Kopf-zu Fuß-Schema auch mit den psychischen Traumata und mit den Modalitäten in Bezug auf die Umweltsituation. Wie jemand also zum Beispiel auf verschiedene Temperaturen, auf trockenes, feuchtes, oder heißes Klima, reagiert. Auch Gewohnheiten wie Essen, Bewegung, Sex oder Schlaf sind ein Thema. Es gibt aber auch eine einfache Methode, um festzustellen, ob man Ama hat oder nicht: Eine stark belegte Zunge zeigt, dass Ama vorhanden ist. Das ist eine Entgiftungsindikation. Der Puls ist eigentlich nur eine Bestätigung der Diagnose, seine Feststellung nicht unbedingt nötig.

 

Fasten kann falsch betrieben werden oder heilsam sein. Wo liegt hier der heilsame Ansatz im Ayurveda?

Gindl: Fasten ist, wenn man es richtig macht, ein tolles Instrument, um zu entschlacken, um die Verdauungskraft, also die Stoffwechselkraft im Körper zu erhöhen, aber es ist nicht die geeignete Methode, nur um Schönheit zu erzielen. Wenn der Körper zum Wichtigsten im Leben wird und der Blick in den Spiegel das Kriterium für die geistige Verfassung darstellt, dann haben wir uns à la longue einem Kult unterworfen, der langfristig infolge der Sterblichkeit des Körpers nicht gut gehen kann.

 

Das heißt, Fasten umfasst mehr als die körperliche Dimension?

Gindl: Heilung heißt, Platz zu machen für Lebendigkeit, für Ganzheit, gut zu essen, gut zu leben, sich zu bewegen, sich am Leben zu erfreuen und soziale Kontakte zu pflegen. Das sind alles Dinge, die auch mit Heilung in Zusammenhang stehen. Beim Fasten kommt man auf viel geistigen Müll, der sogar mit den körperlichen Beschwerden korrespondieren kann. Das heißt, das geht über das Körperliche hinaus, bis hin zu Fastenkrisen, wo alles hoch kommt.

 

Wie äußert sich das in der Praxis?

Gindl: Am Anfang ist man meist euphorisch, weil der Geist frei wird, dann kommt aber allerhand hoch. Vor allem wenn man zusätzlich Ölbehandlungen macht. Wir gehen durch die Berührung und durch die Gabe von Arzneimitteln mittels Öl über den ganzen Körper in den Organismus hinein. Und diese Berührung bewirkt, dass der Mensch in Lösung ist, also nicht sofort wieder in Verdrängungsmuster verfällt. Ganz im Gegenteil: man wird sehr verletzlich und offen. Gerade da ist es wichtig, dass das Fasten bewusst betrieben wird.

Das heißt, Job und ayurvedisches Fasten lassen sich schwer vereinbaren?

Gindl: Es wäre auf jeden Fall gut, wenn man sich ein paar Tage schenkt, dann geht es tiefer. Es ist aber auch wichtig, dass die Menschen wissen, dass Fasten nicht nur lustig ist, sondern auch Krisen dazu gehören. Deshalb können unsere Patienten auch anrufen. Das heißt, wir stellen ein Programm zusammen, mit den entsprechenden Tees und Ölbehandlungen. Unterstützend wirken Leberwickel und Bewegung. Alles individuell an den Einzelnen angepasst.

 

Welche Kräuter werden therapeutisch eingesetzt?

Gindl: Interessante Kräuter sind zum Beispiel Neem ( Antelea azadirachta ), mit einer extrem starken entzündungshemmenden, leberreinigenden und blutreinigenden Wirkung. Außerdem Amla ( Emblica off.), das „Verjüngungsmittel“ schlechthin, gut für Herz, Leber, Haut, Augen und Haare, wirkt entgiftend und gleichzeitig regenerierend. Für entschlackende Öle werden „Kapha Kräuter“ und Gewürze verwendet wie zum Beispiel Ingwer, Senf oder Schwarzer Pfeffer. Diese wirken von außen über die Haut bei Kapha-Typen stark anfeuernd, vor allem auf das überschüssige Fettgewebe.

 

Ist auch die Dauer der Fastenkur individuell?

Gindl: Ja, aber es reichen fünf bis sieben Tage. Unsere Kuren in Afrika dauern allerdings länger, bis zu 20 Tage. Die erste Phase, die ersten 10 Tage entsprechen dem Fasten und sind sehr intensiv. Danach geht es dann um die Regeneration.

 

Wie sieht die Therapie aus?

Gindl: In der ersten Reinigungsphase (Samshodhana) geht es um das sanfte Erweichen und Öffnen der Gewebe und die nachfolgende Elimination von angesammelten Schlacken (Ama) und Giftstoffen. Mit täglichen Ölbehandlungen (Abhyanga), Schwitzbehandlungen, Pulverbehandlungen, mit Fußmassage und Nasenbehandlung (Nasyam). Begleitend dazu gibt es eine leicht entschlackende Diät, reinigende Kräuter, Bewegung und diverse Übungen (Atemübungen). Wichtig in dieser Phase ist auch viel Ruhe und ausreichend Schlaf.

Während der Hauptbehandlung, dem Pascatakarma, geht es um die Stabilisierung, Regeneration und den Aufbau des gereinigten Gewebes. Auch hier sind Ölbehandlungen mit dem bekannten Kopfguss wesentlich. Dazu kommen eine geänderte, aufbauende Diät und eben die Einnahme von sogenannten Rasayanas, den Verjüngungsmitteln.

 

Genauso wie die Homöopathie wird auch Ayurveda von Kritikern als nicht evidenzbasierte Methode, also ohne Wirknachweis, betrachtet. Wie sehen Sie das?

Gindl: Da kann ich nur sagen: Ayurveda hat die Nase vorne: 10.000 Jahre Studien, und das ganz ohne Ratten, ist ein riesengroßer Vorteil. Aber ich bin natürlich Schulmediziner, und Ayurveda heißt „Wissen vom Leben“. So gesehen ist auch ein Röntgenbild Ayurveda. Ich sehe das sogar so. Denn Ayurveda hat sich nie gegen neue Entwicklungen gestellt oder auf Nationalismen beharrt. Das machen Personen, aber nicht Ayurveda.

Was wir nicht vergessen dürfen, ist, dass der Mensch, das Individuum im Mittelpunkt steht, wenn es um Heilung geht. Das kann man aber nicht in ein paar Minuten machen. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass die Medizin wieder bewusster, zeit- und personenintensiver werden wird. Aber trotzdem: Es gibt natürlich auch viel esoterischen Kram im para -oder naturmedizinischen Bereich.

Das Gespräch führte Andrea Niemann

 

Webtipp
www.ayurvedapraxis.at

 

Kasten 1
Die Ayurveda-Typologien

Kapha-Typ (rot, orange,gelb)
Element: Erde und Wasser.
Menschen mit Kapha-Störungen haben viel Schleim in sich. Fasten ist für sie empfehlenswert.


Kapha Kräuter: generell wärmend, austrocknend, scharf
indisch: Ingwer, Pfeffer, Myrrhe, Weihrauch, Senf, Tulasi
europäisch (TEM): Boretsch, Salbei, Rosmarin, Origano, Thymian

Pitta-Typ (blau, türkis, grün)
Element: Feuer.
Da in der ayurvedischen Medizin Fasten auch das Anheizen des Verdauungsfeuers bedeutet, ist das Fasten für diesen Typ nur dann das Richtige, wenn dieser auch Schlacken hat und entgiften sollte.


Kräuter zur Kühlung: generell, süss, befeuchtend, bitter, herb
indisch: Neem, Amla, Shatavari, Lakritze, Trauben
europäisch: Linde, Kornblume, Melisse, Eibischwurzel, Löwenzahn

Vata-Typ: (wärmende Erdtöne)
Element: Luft und Raum.
Fasten ist für diesen Typ nicht günstig, nur bei echten Stoffwechselproblemen empfehlenswert.

Kräuter zur Stärkung und Erwärmung: süß, salzig, sauer, fett, nahrhaft
indisch: Withania somnifera, Bacopa moniera, Assa foetida, Safran
europäisch: Kalmus, Johanniskraut, Lavendel, Mönchspfeffer

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