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Mag. Katharina Maierhofer, Institut für Ernährungswissenschaften, Universität Wien

 
Allgemeinmedizin 8. Februar 2011

Senioren nicht ausreichend mit Folsäure versorgt

Eine österreichische Studie hat den Ernährungsstatus mit den Vitaminen B6, B9 und B12 in der älteren Bevölkerungsgruppe erhoben.

Neben dem Senkungseffekt für Homozystein hat Folsäure wahrscheinlich auch direkte gefäßprotektive Wirksamkeit. Eine ausreichende Versorgung mit diesem Vitamin könnte daher einen präventiven kardiovaskulären Benefit bringen. Bestimmte Bevölkerungsgruppen wie zum Beispiel alte Menschen sind von einer Unterversorgung besonders gefährdet. Eine verbesserte Zufuhr von Folsäure ist daher bei ihnen anzustreben.

 

Schon in zahlreichen epidemiologische Studien konnte gezeigt werden, dass ein hoher Homocystein-Spiegel im Blut einen unabhängigen Risikofaktor für das Auftreten von arteriosklerotisch bedingten Herz-Kreislauf-Erkrankungen darstellt. Der positive Zusammenhang zwischen Homocystein und Arteriosklerose wurde erstmals im Jahr 1969 beschrieben. Als Ursache wurde eine Störung im Vitamin-B12-Metabolismus in Kombination mit einer klassischen Homocysteinurie – ausgelöst durch einen Mangel an Cystathionin-ß-Synthase – angenommen.

Ein hoher Homocystein-Spiegel im Blut ist für die Entstehung von Arteriosklerose mitverantwortlich. Zu den bekannten Einflussfaktoren im Homocysteinstoffwechsel zählen einige Nährstoffe, darunter Vitamin B9 (Folat)*, Vitamin B6 (Pyridoxin) und B12 (Cobalamin). Eine unzureichende Versorgung mit diesen Vitaminen steht somit in direktem Zusammenhang mit der Pathogenese von Arteriosklerose. Untersuchungen zeigen, dass insbesondere ein ausreichender Folsäurespiegel* zu einer Reduktion des Homocystein-Spiegels im Blut führt und damit gegenüber kardiovaskulären Erkrankungen protektiv wirkt.

Studie erhebt Vitaminzufuhr

Viele Menschen im Alter weisen erhöhte Homocysteinwerte auf und damit ein erhöhtes Erkrankungsrisiko für Arteriosklerose. Im Rahmen der Studie zum Ernährungsstatus von Senioren in Österreich (ÖSES.sen07) wurde untersucht, wie gut unsere ältere Bevölkerung mit den Vitaminen Folsäure, Viramin B6 und B12 versorgt ist. Dabei wurde bei 423 Personen (302 Frauen und 121 Männer) im Alter zwischen 56 und 100 Jahren die alimentäre Zufuhr von Folsäure, Vitamin B6 und B12 ermittelt und der Zusammenhang mit Herzgefäßerkrankungen beschrieben. Das Studienkollektiv umfasste Senioren aus dem Privathaushalt (PHH) sowie Senioren aus Pensionistenwohnheimen (PWH). Gebrechliche ältere Menschen wurden in die Studie nicht mit eingeschlossen.

Zur Beurteilung der Energie- und Nährstoffaufnahme wurde ein Ernährungsprotokoll eingesetzt, in dem über drei aufeinander folgende Tage prospektiv alle Speisen und Getränke protokolliert wurden. Für die Ermittlung der Portionsgrößen der verzehrten Speisen wurden ausgewählte Bilder des EPIC-SOFT-Fotobuchs verwendet. Ausgewählte Bilder der zweiten Bayerischen Verzehrsstudie (BVS II) wurden für die Ermittlung der Trinkmengen bei Getränken verwendet. Diese Methode eignet sich insbesondere für ältere Menschen, da sich die Befragten aufgrund der prospektiven Protokollierung nicht auf ihr Gedächtnis verlassen müssen. Darüber hinaus ermöglicht eine mehrtägige Protokolldauer eine bessere Erfassung der üblichen Ernährung einer Bevölkerungsgruppe. Die Dateneingabe erfolgte in eine Access-Datenbank basierend auf dem Deutschen Bundeslebensmittelschlüssel (BLS Version 2.3), welche mit traditionell österreichischen Rezepturen erweitert wurde (Österreichischer Lebensmittelschlüssel – ÖLS).

Ein Codiersystem ermöglichte in der elektronischen Lebensmittelnährwerttabelle die eindeutige Identifizierung und Klassifizierung der Lebensmittel, wodurch Verarbeitungs- und Zubereitungszustand eindeutig bestimmt werden konnten. Die Inhaltsstoffe der Lebensmittel basierten sowohl auf Analysenwerten als auch auf Berechnungen. Die landestypischen Rezepte wurden auf Basis traditioneller Kochbücher unter Berücksichtigung von Yield- und Retentions-Faktoren kalkuliert. Damit wurden Gewichtsveränderungen, die während der Verarbeitung und Zubereitung von Lebensmitteln entstanden, berücksichtigt. Als Referenz zur Beurteilung der analysierten Daten zur Energie- und Nährstoffaufnahme wurden die Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Referenzwerte (DACH) zur Nährstoffzufuhr herangezogen.

Die Prävalenz von Herzgefäßerkrankungen wurde anhand eines Fragebogens zum Ernährungs- und Gesundheitszustand abgefragt.

Zufriedenstellende Versorgung bei Vitamin B6 und B12

Die durchschnittliche Zufuhr von Vitamin B6 (1,2 mg/d) und B12 (4,4 μg/d) war in der Ernährung der österreichischen Senioren zufriedenstellend. Die empfohlene Zufuhr des Vitamins B6 (1,2 mg/d) wurde von den Frauen sogar zu 100 Prozent, die Empfehlung für Männer (1,4 mg/d) wurde mit einer täglichen Zufuhr von 1,3 mg B6 zu 93 Prozent entsprechend der DACH-Referenzwerte erreicht. Eine deutlich geringere Zufuhr konnte bei den 55- bis 64-jährigen bzw. 75- bis 84-jährigen Männern (87 % bzw. 86 % der Empfehlung/d) beobachtet werden, was in diesen beiden Altersgruppen als unzureichend beurteilt wurde.

Die Zufuhr von Vitamin B12 übersteigt bei Männern und Frauen sowie in allen Altersgruppen die Empfehlung sogar deutlich. Allerdings muss betont werden, dass zur Beurteilung des Vitamin-B12-Status die alimentäre Zufuhr alleine oft nicht ausreichend ist. Die Absorp-tion von Cobalamin ist zudem vom Intrinsic-Faktor abhängig, einem Protein, das von der Magenschleimhaut gebildet wird. Personen, die an einer atrophischen Gastritis erkrankt sind, sind oft nicht mehr in der Lage, das Protein in ausreichender Menge zu produzieren, um eine optimale Aufnahme an Vitamin B12 zu sichern. Mithilfe einer Analyse der Blutparameter kann in diesem Zusammenhang eine bessere Beurteilung des Vitamin-B12-Status ermöglicht werden.

Folsäure: Unzureichend bei Senioren in Wohnheimen

Die Aufnahme von Folsäure muss in der älteren Bevölkerungsgruppe als unzureichend beurteilt werden; mit durchschnittlich 173 μg/d wurden lediglich 43 Prozent der empfohlenen Zufuhr (DACH, 2000) erreicht. Bei beinahe jeder zweiten Person muss mit einer unzureichenden Zufuhr an Folsäure gerechnet werden.Zuhause lebende Senioren (PHH) waren signifikant (p  < 0,001) besser mit Folsäure versorgt als ihre Altersgenossen in Pensionistenwohnheimen (PWH). Mit 179 μg/d erreichten Senioren im PHH eine um 13 Prozent höhere Folsäurezufuhr als Senioren im PWH (157 μg/d).

Ein Drittel der Senioren gab an, unter einer Herzgefäßerkrankung zu leiden. PWH-Bewohner litten doppelt so häufig an einer Herzgefäßerkrankung als Senioren, die zuhause lebten. Senioren, die an Herzgefäßerkrankungen litten, hatten eine um acht Prozent signifikant (p < 0,05) geringere Vitamin-B6- und Folsäureaufnahme als Senioren ohne Erkrankungen. Folsäure und Vitamin B6 waren zudem signifikant (p < 0,05) negativ mit Herzgefäßerkrankungen korreliert (r = -0,1). Das heißt, je höher die Zufuhr an Folsäure und Vitamin B6 war, desto geringer war das Auftreten von Herzgefäßerkrankungen.

Zusammenfassend lässt sich aus der Studie schließen, dass die Aufnahme der Vitamine B6, B12 aus Lebensmitteln bei den österreichischen Senioren ausreichend, die Aufnahme an Folsäure allerdings als kritisch zu beurteilen ist. Senioren mit Herzgefäßerkrankungen zeigten eine niedrigere Zufuhr an Vitamin B6 und Folsäure. Aufgrund der Bedeutung der untersuchten Vitamine für die Gesundheit der Gefäße und des Herzens ist insbesondere in der älteren Bevölkerungsgruppe zur Prävention von Herzgefäßerkrankungen eine Verbesserung der Versorgung mit Folsäure anzustreben.
Wichtig: Eine erhöhte Gabe von Folsäure kann einen B12-Mangel kaschieren. Deshalb sollten Vitamin B12 und Folsäure immer zusammen eingenommen werden.

 

* Vitamin B9 kommt in der Natur als „Folat“ und in synthetischer Form als „Folsäure“ (höhere Stabilität) vor.

Von Mag. Katharina Maierhofer und Prof. Dr. Ibrahim Elmadfa, Ärzte Woche 6 /2011

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