zur Navigation zum Inhalt
Foto: flickr / Lord Jim

Wie der Mensch wurde, was er isst. Die Evolution menschlicher Ernährung
Wuketits, Franz. M.
148 Seiten, € 20,40
Hirzel, Stuttgart 2010
ISBN 9783777621142

 
Allgemeinmedizin 23. November 2010

Zur Evolution menschlicher Ernährung

Wie der Mensch zu dem wurde, was er isst.

Der Mensch ist von Natur aus ein Allesfresser. Es ist Teil seines Evolutionserfolgs, dass er sehr verschiedene Nahrungsressourcen nutzen kann. Die Kenntnis der Evolution seiner Nahrungsgewohnheiten hilft, viele heute medizinisch relevante Probleme der Ernährung besser zu verstehen – und zu lösen. Vor allem muss man sich vor Augen halten, dass der Hang zur Völlerei eine in der Evolution entstandene Disposition unserer Gattung darstellt.

 

Für diejenigen von uns, die heute in der Wohlstandsgesellschaft leben, ist das Nahrungsangebot so gewaltig wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Mit dem breiten Angebot aber steigt auch die Ratlosigkeit des Konsumenten.

Vier Stufen zur Verschwendung

Nie zuvor in unserer Evolution war „gesunde Ernährung“ ein Problem. Wer ums nackte Überleben kämpft, orientiert sich lediglich an der Verfügbarkeit von Nahrungsquellen und am Geschmack (der ihm in der Regel gebietet, von bestimmten Dingen, da sie giftig sind, die Finger beziehungsweise die Zähne zu lassen). Nahrungsmittelprüfer, Diätapostel, Kalorientabellen und Waagen zur Gewichtskontrolle haben wir die längste Zeit unserer Evolutionsgeschichte nicht gebraucht. Etwas muss also in neuerer Zeit schief gelaufen sein.

Die Evolution unserer Ernährungsgewohnheiten lässt sich in vier Stufen untergliedern. Auf der ersten Stufe – und über Jahrmillionen – war der Mensch in derselben Situation wie andere Tiere. Er nahm bloß Nahrung auf, die er in seiner Umgebung vorfand, erlegte Tiere und sammelte Pflanzen, und es gibt viele Indizien dafür, dass er auch Aas nicht verschmähte. Mit der „Entdeckung“ des Feuers vor etwa 800.000 Jahren wurde die zweite Stufe eingeleitet. Der Mensch begann Nahrung zuzubereiten und zu konservieren. Mit der neolithischen Revolution im Vorderen Orient vor rund 15.000 Jahren wurde der Mensch sesshaft und begann Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Damit war die dritte Stufe erreicht: die Produktion von Nahrungsmitteln. Der Mensch entwickelte sich zum produzierenden Lebewesen. Damit wurde ein Prozess in Gang gesetzt, der den Beginn einer ungeheuren Entwicklungsbeschleunigung auf technologischem und ökonomischem Niveau markiert, letztlich die industrielle Nahrungsmittelproduktion ermöglichte und in jüngster Zeit zur vierten Stufe in der Evolution unserer Ernährungsgewohnheiten führte, nämlich zur Verschwendung von Nahrungsmitteln.

Der Hang zur Völlerei

Entscheidend ist, dass der Mensch die längste Zeit seiner Evolution als Jäger und Sammler verbrachte. Wir dürfen davon ausgehen, dass die in diesem Zeitraum entwickelten Grundmuster der Ernährung die genetische Entwicklung beeinflusst und die grundlegenden Neigungen des heutigen Menschen geformt haben. Dazu gehört ein Hang zur Völlerei.

Überernährung ist ein evolutionsgeschichtliches Novum. Wir dürfen davon ausgehen, dass unsere Ahnen meistens wenig zu essen hatten. Daraus wird die Neigung zur Völlerei erklärbar. Für Menschen in den langen Epochen der Jäger und Sammler war diese Neigung überlebenswichtig. Sie bedurften, im Sinne der Energieversorgung, fettreicher, salzhaltiger und süßer Speisen, die sie sich in Form von Fleisch und Früchten einverleibten. Davon sind wir noch heute geprägt. Jedoch konnten sich unsere Vorfahren nicht darauf verlassen, dass sie morgen auf die gleiche Menge an Nahrung stoßen würden wie am Vortag. Wenn sie reiche Nahrungsquellen aufspürten, waren sie daher gut beraten, sich damit voll zu fressen. Während wir uns heute mehrmals täglich vollstopfen können, hatte ein steinzeitlicher Jäger diese Gelegenheiten eher selten. Vor allem aber musste er sich Nahrung erst einmal beschaffen, was viel Zeit und Energie kostete und oft mit erheblichen Gefahren verbunden war. Endlich erlegt, musste das Tier noch in eine Höhle geschleppt und zerteilt (später auch noch gekocht) werden. Das alles erforderte verständlicherweise einen enormen Kalorienverbrauch. Also war es ratsam, schließlich so viel wie möglich von der Beute gleich zu verspeisen.

Heutige Ernährungsberater, die „dicken Bäuchen“ den Kampf angesagt haben, müssen scheitern, wenn sie unsere in der Evolution im Dienste des Überlebens entstandenen Dispositionen ignorieren. Zurück in die Steinzeit können wir nicht mehr. Aber wir dürfen davon ausgehen, dass sich unsere Ahnen nicht grundsätzlich falsch ernährt haben, weil unsere Gattung sonst längst ausgestorben wäre. Insbesondere haben sie sich vielseitig ernährt, ihre Lebensumstände erlaubten ihnen nicht, sehr wählerisch zu sein. Vom breiten Spektrum an Nahrungsmitteln, das uns heute zur Verfügung steht, konnten unsere prähistorischen Ahnen (und noch viele spätere Generationen unserer Spezies) nur träumen. Wir bräuchten eigentlich nichts weiter zu tun, als der Überfülle zu wehren und sonst auf die Steinzeitdiät zurückzugreifen sowie unserem steinzeitlichen Bewegungsdrang nachzugeben.

Von Prof. Dr. Franz M. Wuketits, Ärzte Woche 47 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben