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Sowohl Alkohol als auch das Abbauprodukt Acetaldehyd gelangen ungehindert durch die Plazentaschranke zum Fetus.

Mag. Katharina Phillipp Ernährungswissenschafterin, Wien

 
Gynäkologie und Geburtshilfe 21. September 2010

Wie viele Promille sind erlaubt?

Bereits gelegentliches Trinken von Alkohol kann den Embryo in seiner geistigen und körperlichen Entwicklung schädigen. In der Stillzeit sollte der Genuss von Alkohol genau auf die Stillmahlzeit abgestimmt werden.

Der Umgang mit Alkohol in Schwangerschaft und Stillzeit ist ein sehr sensibles Thema, und häufig sehen sich Ärzte und Ernährungsexperten mit der Frage konfrontiert, ob und wie viel Alkohol in diesen Lebensphasen überhaupt erlaubt ist. Studien zeigen, dass viele schwangere und stillende Frauen nach wie vor Alkohol trinken, obwohl seit beinahe 40 Jahren belegt ist, dass er schädliche Auswirkungen auf das Kind haben kann. Daher besteht gerade in den Bereichen der Aufklärung und Prävention noch großer Handlungsbedarf.

 

Ein hoher Alkoholkonsum in der Schwangerschaft ist ein bedeutsamer Risikofaktor für Embryo und Fetus und eine der häufigsten Ursachen einer geistigen und körperlichen Entwicklungsstörung mit lebenslangen, irreversiblen Folgen für das geschädigte Kind. Schätzungen zufolge liegt die Zahl der Kinder mit fetalem Alkoholsyndrom bei 0,5 bis 2 pro 1.000 Lebendgeburten und die Kinder, die mit einer milderen Form geboren werden, liegen bei bis zu einem Prozent.

Aufgrund des niedrigen Molekulargewichts und der hohen Wasserlöslichkeit gelangt Alkohol, ebenso wie das Abbauprodukt Acetaldehyd, ungehindert durch die Plazentaschranke zum Fetus. Dadurch wird mit geringer Verzögerung die gleiche Blutalkoholkonzentration wie bei der Mutter erreicht. Dies wird als pränatale Alkoholexposition im Uterus bezeichnet.

Die den Alkohol abbauenden Enzyme – Alkoholdehydrogenase und Aldehyddehydrogenase – sind beim Embryo erst mit etwa zwei Monaten ausgeprägt und erreichen zirka mit fünf Jahren die volle Funktion des Erwachsenen. Das hat zur Folge, dass der Blutalkoholspiegel des Feten wesentlich langsamer absinkt und sein Organismus dem Alkohol länger ausgesetzt ist. Alkohol schädigt den Fetus auf unterschiedliche Weise. Er wirkt als Teratogen durch Störung der Organbildung und des Wachstums der Organe. Seine Wirkung als Zell- und Mitosegift hat Wachstumsstörungen im Sinne einer Hypoplasie und einer Hypotrophie von Geweben und Organen zur Folge. Daraus resultiert eine Reduktion in Gewicht, Länge und Kopfgröße.

Alkohol wirkt auch als neurotoxische Substanz, indem er an den Neuroblasten, der Dendritenstruktur und an den dentritischen Spines wirkt. Zudem kann es zu Störungen bei der Ausbildung des Rückenmarks kommen. Die Synapsen können dabei in Struktur, Ausreifung und Zahl verringert wie auch die Neurotransmitter betroffen sein. Darüber hinaus wirkt Alkohol auch als Suchtmittel, was zu einem erhöhten postnatalen Suchtrisiko durch frühe Gewöhnung und Toleranzentwicklung führen kann.

Mögliche Fehlbildungen und Entwicklungsstörungen

Die möglichen Fehlbildungen durch Alkohol hängen vom Zeitpunkt des Einwirkens ab, da die kritische Phase für die einzelnen Körperteile und Organanlagen zeitlich verschieden ist. In den ersten zwei Wochen herrscht sozusagen das „Alles-oder-nichts-Prinzip“. Es besteht eine geringe Fehlbildungsrate, allerdings auch eine hohe Abortusgefahr.

In der Embryonalzeit, also zirka vom 18. Tag bis zur 8. Woche, werden die einzelnen Organe und Gewebe ausgebildet und es besteht eine besonders hohe Empfindlichkeit gegenüber Alkohol. In der Fetalzeit kann Alkohol vor allem das Wachstum empfindlich stören. Durch die verstärkte Entwicklung und Vergrößerung des Gehirns in diesen Monaten sind Entwicklungsstörungen zu beobachten. Ebenso kann es in dieser Zeit zu Schwangerschaftskomplikationen kommen (siehe Kasten).

Die wenigen Studien zu Langzeitfolgen belegen allesamt die verheerenden Folgen der intrauterinen Alkoholexposition bis ins Erwachsenenalter. Die betroffenen Kinder sind sehr häufig hyperaktiv, in ihrem Verhalten sprunghaft und unkontrolliert und in ihrer Aufmerksamkeit schwer beeinträchtigt. Auch Aggressivität und Depressionen zählen zu häufigen Folgen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene leiden oft unter Bindungsstörungen (Selbstbezogenheit, Reizsuche, Distanzlosigkeit, Ambivalenz), sie überschreiten nicht selten die ihnen gesetzten Grenzen bis hin zu Gewalttätigkeit und Diebstahl. Die Möglichkeit einer selbständigen Lebensführung ist stark begrenzt und eine lebenslange Therapie häufig erforderlich.

Fetales Alkoholsyndrom und fetale Alkoholeffekte

Der Sammelbegriff der durch Alkohol ausgelösten Störungen lautet Fetal-Alcohol-Spectrum-Disorder (FASD), wobei man zwischen dem ausgeprägten fetalen Alkoholsyndrom (Alkoholembryopathie, FAS) und der milderen Form, dem fetalen Alkoholeffekt (FAE), unterscheidet.

Beim Alkoholsyndrom, das als die häufigste Ursache für geistige Retardierung angesehen wird, liegen in allen drei Bereichen (Wachstumsstörungen, Fehlbildungen und Störungen des zentralen Nervensystems) Fehlbildungen vor. Eine Alkoholexposition muss zur Diagnosestellung nicht belegt werden. FAS tritt bei Alkoholabusus der Mutter während der Schwangerschaft bei zirka 30 bis 45 Prozent der Kinder auf.

Alkoholeffekte sind alle Schädigungen, die auf Alkoholkonsum in der Schwangerschaft beruhen. Die Symptome sind weniger schwer als bei Alkoholembryopathie und können oft nicht eindeutig diagnostiziert werden. Anzeichen dafür sind kleine Statur, Gesichtsdysmorphien, Entwicklungsstörungen mit psychopathologischen Symptomen und Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft.

Ist die Organbildung beim Kind zum Zeitpunkt des mütterlichen Alkoholkonsums bereits abgeschlossen, entstehen meist keine oder nur geringe körperliche Fehlbildungen und das Kind zeigt keine oder nur geringe äußere Merkmale. Die Frage, ob bereits ein moderater Alkoholkonsum während der Schwangerschaft mit Störungen des Schwangerschaftsverlaufs bzw. der kindlichen Entwicklung assoziiert ist, kann bislang nicht eindeutig beantwortet werden.

Wirkung beim Stillen

In vielen Kulturen wurden stillende Frauen lange Zeit aufgefordert, Alkohol zu trinken, um die Milchproduktion anzuregen. Außerdem wurde der Alkoholkonsum mit einer beruhigenden Wirkung für Mutter und Kind assoziiert. Mittlerweile weiß man, dass das zu den Mythen rund ums Thema Alkohol zählt.

Alkohol geht in die Muttermilch über, und die Alkoholkonzentration in der Milch ist gleich der Blutalkoholkonzentration der Mutter. 30 bis 90 Minuten nach dem Konsum des alkoholischen Getränks wird die höchste Alkoholkonzentration in der Muttermilch erreicht. Auch Geruch und Geschmack der Milch werden durch den Alkohol verändert. Beim Trinkprozess kommt es zwar zu einer starken Milchverdünnung und der Säugling würde auch tatsächlich nur sehr geringe Alkoholmengen aufnehmen, dennoch sollte, solange die Frau einen Blutalkoholspiegel hat, also solange auch Alkohol in der Muttermilch vorliegt, nicht gestillt werden.

Entgegen der früheren Meinung, dass Alkohol für Mutter und Säugling förderlich ist, konnte das Gegenteil gezeigt werden. Alkoholkonsum der Mutter kann zu einer reduzierten Milchproduktion durch seinen Einfluss auf die Ausschüttung von Oxytocin und Prolaktin, zu einer veränderten Schlaf-Wach-Phase des Säuglings und möglicherweise zu einer verringerten motorischen Entwicklung führen.

Trinkmenge bei Schwangeren nicht bekannt

Eine Schwellendosis für eine noch tolerierbare Alkoholaufnahme in der Schwangerschaft konnte bisher nicht eindeutig festgelegt werden. Es gibt somit keine Trinkmenge, die sicher ist. Bereits bei Gelegenheits- und sozialem Trinken kann der Embryo in seiner geistigen und körperlichen Entwicklung geschädigt werden. Der Genuss von Alkohol in der Stillzeit sollte genau auf die Stillmahlzeit abgestimmt werden. Beispielsweise darf man sich am Abend nach dem letzten Stillen ein Glas Wein oder Bier durchaus genehmigen.

 

Literatur beim Verfasser

Mögliche Störungen und Fehlbildungen
• Abortus/ Frühgeburten
• Schwangerschaftskomplikationen (vorzeitige Ablösung der Placenta)
• Wachstumsverzögerungen
• Stigmatisierende Gesichtsveränderungen (kurze Lidspalten, Mongolenfalte der Augen, herabhängende Oberlider, flacher Nasenrücken, dünne Oberlippe etc.)
• Störungen des ZNS mit geistiger Retardierung, kognitiven und verhaltensbezogenen Störungen
• Fehlbildungen: 30 Prozent Herzfehler und zehn Prozent urogenitale Anomalien, teilweise auch Gaumenspalten und Augenfehlbildungen (grauer Star, Schielen, ...)

Von Mag. Katharina Phillipp, Ärzte Woche 38 /2010

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