zur Navigation zum Inhalt
 
Endokrinologie 25. August 2010

Wohlfühlen steht im Vordergrund

Diabetiker erwarten sich durch die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln vorrangig keine Blutzuckersenkung, sondern vielmehr eine Verbesserung ihrer Lebensqualität.

Neben der medikamentösen Therapie versuchen Patienten mit Diabetes mellitus ihre Erkrankung mit Nahrungsergänzungsmitteln positiv zu beeinflussen. Eine Studie ist nun der Frage nachgegangen, welche Supplemente bei Diabetikern zum Einsatz kommen.

 

Das Interesse an komplementärer und alternativer Medizin ist, wie auch Studiendaten belegen, in den letzten Jahren merklich angestiegen. Laut österreichischem Dachverband für Ganzheitsmedizin nehmen hierzulande etwa 70 Prozent der Patienten komplementärmedizinische Methoden in Anspruch, wobei Patienten mit chronischen Erkrankungen besonderes Interesse an diesen Therapieformen haben. Daten bestätigen, dass rund 50 Prozent aller Diabetiker bereits mindestens eine alternative Therapiemöglichkeit genutzt haben oder sie regelmäßig in Anspruch nehmen.

Zur komplementären Behandlung von Diabetes werden vielfach diverse Nahrungsergänzungsmittel (NEM), v. a. pflanzliche Präparate (z. B. Gurmar, Flohsamen, Bockshornklee, Knoblauch, chinesischer Ginseng, Bittermelone, Löwenzahn) sowie Vitamin- und Mineralstoffsupplemente empfohlen bzw. eingesetzt. In den vergangenen Jahren rückte zur alternativen Behandlung von Diabetes auch Zimt (Cinnamomum cassia) in den Mittelpunkt wissenschaftlichen Interesses. Obwohl neueste klinische Studien die positive Wirkung des Gewürzes auf den Blutzucker und die Insulinsensitivität nur teilweise bestätigen und die Datenlage über die Wirksamkeit sowie die Sicherheit einer regelmäßigen Supplementation derzeit noch unzureichend sind, werden zahlreiche Präparate bereits massiv beworben.

200 Patienten befragt

Basierend auf diesem Hintergrund wurden 200 Patienten (59 % Männer, 41 % Frauen) der Diabetes- und Stoffwechselambulanz, Abteilung für Endokrinologie und Nuklearmedizin, Universitätsklinik für Innere Medizin Graz (Leiter: Prof. Dr. T. Pieber), in Zusammenarbeit mit dem Department für Ernährungswissenschaften, Universität Wien (Leiter: Prof. Dr. I. Elmadfa), hinsichtlich der Verwendung von NEM, insbesondere Zimtpräparaten, befragt sowie deren Beweggründe, Informationsbezug und Bereitschaft für den Konsum von NEM bzw. Zimtpräparaten mittels validiertem Fragebogen erfasst. Dabei litten 16 Prozent der befragten Patienten an Diabetes Typ I (Alter: 45 ± 18 Jahre; BMI: 24 ± 4 kg/m2), 84 Prozent an Typ II (Alter: 61 ± 12 Jahre; BMI: 30 ± 5 kg/m2).

25 Prozent aller befragten Patienten waren der Meinung, dass die regelmäßige Einnahme von NEM einen positiven Einfluss auf die Gesundheit habe. Rund ein Drittel gab an, regelmäßig zu NEM zu greifen, wobei der Anteil der supplementierenden Frauen signifikant höher lag als jener der Männer.

54 Prozent der Patienten, welche aktuell NEM konsumierten, nahmen regelmäßig ein Präparat (8 % Typ I; 46 % Typ II), 34 Prozent zwei verschiedene (8 % Typ I; 26 % Typ II) und 11 % (ausschließlich Typ-II-Diabetiker) drei oder mehr Präparate zu sich. 56 Prozent der Typ-I- sowie 76 Prozent der Typ-II-Diabetiker protokollierten die tägliche Einnahme entsprechender Supplemente, kleinere Prozentsätze der Befragten gaben an, NEM mehrmals pro Woche (11 % Typ I; 14 % Typ II), 1-mal pro Woche (11 % Typ I; 4 % Typ II) oder 1–2-mal pro Monat (22 % Typ I; 6 % Typ II) zu konsumieren. Zwischen den Geschlechtern konnten weder bei Typ-I- noch bei Typ-II-Diabetikern nennenswerte Unterschiede hinsichtlich der Häufigkeit der Supplementeinnahme festgestellt werden.

Welche Präparate und warum werden sie konsumiert?

Besonders häufig wurden von den befragten Patienten mit einem Anteil von zirka 44 Prozent Vitamin- und Mineralstoffeinzelpräparate (z. B. Kalzium, Magnesium, Vitamin D und C), gefolgt von Multipräparaten (23%; Vitamin- und Mineralstoffkombinationen), konsumiert. Dabei zeigte sich deutlich, dass Typ-II-Diabetiker am häufigsten Einzelpräparate supplementierten, Typ-I-Diabetiker hingegen Multipräparate bevorzugten. 20 Prozent der Patienten gaben an, aktuell Präparate aus speziellen Pflanzeninhaltsstoffen einzunehmen, lediglich 13 Prozent aller Befragten protokollierten die Verwendung zimthältiger NEM (s. Abb. 1). Die erhobenen Daten ließen einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Bildungsniveau und der Einnahme von NEM bei Typ-II-Diabetikern erkennen.

Die Einnahme von NEM erfolgte zumeist (36 %) in Hinblick auf Prävention bzw. aufgrund ärztlicher Empfehlung. Weiters gaben die Befragten an, NEM zur Steigerung des Wohlbefindens (13 %), zur Unterstützung sportlicher Aktivitäten (11 %) sowie als Beitrag zu einer ausgewogenen Ernährung (9 %) einzunehmen. Lediglich vier Prozent der Patienten konsumierten Nahrungsergänzungsmittel mit dem Ziel, ihren Blutzucker positiv zu beeinflussen.

Diese Ergebnisse decken sich mit anderen Studien an Diabetikern, die zeigten, dass vielfach nicht eine Blutzuckersenkung, sondern vielmehr der Wunsch des Patienten, sich wohler zu fühlen bzw. seine Lebensqualität verbessern zu können, das primäre Ziel einer NEM-Einnahme ist.

Finanzieller Aufwand

Rund zwei Drittel der Patienten, welche angaben, regelmäßig NEM zu konsumieren, schätzten ihren finanziellen Aufwand auf bis zu € 30,–/Monat, weitere 20 Prozent auf € 31,– bis € 50,–/Monat; 12 Prozent gaben regelmäßig durchschnittlich mehr als € 50,–/Monat für diverse NEM aus. Es zeigte sich allerdings, dass die Ausgaben für NEM keineswegs vom monatlichen Nettoeinkommen abhängen, sondern insbesondere bei Typ-II-Diabetikern signifikant mit dem subjektiv eingeschätzten Gesundheitsbewusstsein des Patienten zusammenhängen.

Als Bezugsort für diverse NEM wurden von den befragten Patienten vor allem Apotheken (63 %) und Drogerie-/Reformhäuser (19 %) angegeben. Nur ein geringer Teil der Präparate wurde über das Internet, Kataloge usw. bezogen.

Zimtpräparate im Fokus

83 Prozent der befragten Typ-I- und 70 Prozent der Typ-II-Diabetiker hatten bereits von der eventuellen blutzuckerregulierenden Wirkung von Zimt bzw. -präparaten als alternative Behandlungsmethode von Diabetes gehört. Dieser Informationsstand war unabhängig vom Bildungsniveau und dem subjektiv eingeschätzten Gesundheitsbewusstsein und beruhte mit 45 Prozent überwiegend auf Inhalten aus Zeitungen/Zeitschriften sowie (in Abhängigkeit vom Diabetestyp bzw. Alter) dem Radio/Fernsehen (Typ II: 24 %) bzw. Internet (Typ I: 15 %).

Obwohl der positive Nutzen von Zimtpräparaten in der Behandlung von Diabetes derzeit noch äußerst fraglich und auch das Risiko einer längerfristigen Zufuhr noch nicht eindeutig geklärt ist, wäre ein erheblicher Anteil der befragten Patienten (Typ I: 61 %, Typ II: 80 %) bereit, die Wirkung durch eine gezielte Erhöhung der Zimtaufnahme über die Nahrung oder Präparate selbst auszuprobieren (s. Abb. 2). Diese Bereitschaft war in der Hoffnung, den Blutzucker positiv beeinflussen zu können, bei Patienten, die häufig Probleme mit ihrer Erkrankung protokollierten, signifikant größer als bei jenen, die gut eingestellt waren und kaum von Komplikationen berichteten. Die Studienergebnisse zeigten allerdings, dass rund 75 Prozent der Diabetiker vor dem regelmäßigen Konsum von Zimtpräparaten gezielte Informationen und Bera-tung, bevorzugt beim behandelnden Arzt (Typ I: 36 %, Typ II: 43 %), bei Ernährungswissenschaftern und Diätologen (Typ I: 25 %, Typ II: 20 %) oder in Apotheken (Typ I: 16 %, Typ II: 23 %) einholen würden. Lediglich ein Fünftel der Befragten würde eigenständig, ohne zusätzliche Beratung oder Rücksprache mit dem Arzt, Zimtpräparate zur erhofften Blutzuckerregulierung einnehmen.

Von Dr. Elisabeth Fabian und Mag. Sabine Töscher, Ärzte Woche 36 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben