zur Navigation zum Inhalt
Unbenannt-2
Univ.-Doz. Mag.
Dr. Ingrid Kiefer


Unbenannt-1
Mag. Bettina Meidlinger
 
Gastroenterologie 30. Dezember 2011

Ernährungsmärchen Teil 4: Kuhmilch ist nur für Kälber

Vielfach wird behauptet, dass Milch nur für Kälber gut ist, da dem menschlichen Organismus die für die Verdauung notwendigen Labfermente, wie sie bei Kälbern vorkommen, fehlen. Häufig wird auch angenommen, dass Erwachsene generell keine Milch vertragen. Ist hier etwas Wahres dran? Welchen Beitrag können Milch und Milchprodukte in der Osteoporoseprävention leisten?

Milch und Milchprodukte haben in unserer Ernährung schon lange Tradition. Aufgrund ihres hohen Gehalts an hochwertigem Protein, Mineralstoffen sowie fett- und wasserlöslichen Vitaminen ist Milch ein wichtiger Bestandteil der täglichen Ernährung von Kindern wie auch von Erwachsenen. Auch ohne Labfermente ist der Verdauungstrakt des Menschen in der Lage, Milch zu verdauen. Grund dafür sind der saure pH-Wert und das Enzym Pepsin im Magen sowie die eiweißspaltenden Enzyme im Dünndarm [1].

Tab 1 1

Milch und die daraus hergestellten Produkte zählen zu den bedeutsamsten Calciumlieferanten und enthalten zudem Vitamin D, das für die Einlagerung von Calcium und Phosphor in Knochen und Zähnen wichtig ist. Aus dem Österreichischen Ernährungsbericht 2008 geht hervor, dass Milch und Milchprodukte in der österreichischen Bevölkerung einen wesentlichen Teil zur täglichen Calciumzufuhr beitragen. Mehr als die Hälfte des zugeführten Calciums wird in Österreich aus Milch und Milchprodukten aufgenommen.

Dennoch ist in allen Altersgruppen die Calciumaufnahme und vor allem bei Jugendlichen und Erwachsenen der Konsum von Milch und Milchprodukten zu gering [2]. Für Erwachsene wird von den D-A-CH-Referenzwerten für die Nährstoffzufuhr eine Aufnahme von 1.000 mg Calcium pro Tag und für Kinder und Jugendliche altersabhängig eine Aufnahme zwischen 600 und 1.200 mg Calcium pro Tag empfohlen [3]. Milch und Milchprodukte sollten zwei- bis dreimal täglich [4], zum Beispiel in Form von einem Glas Milch, einem Becher Jogurt, 200 g Topfen oder Hüttenkäse oder 50 g Käse verzehrt werden, wobei fettarme Varianten vorzuziehen sind [5].

Der Einfluss der Calciumaufnahme und des Konsums von Milch und Milchprodukten auf die Knochendichte und das Frakturrisiko wird häufig widersprüchlich diskutiert. Zahlreiche Studien konnten zeigen, dass sowohl die Calciumaufnahme als auch der Konsum von Milch und Milchprodukten positiv mit der Peak Bone Mass im Kindesund Jugendalter assoziiert sind [6-10].

Aus den Studienergebnissen des National Health and Nutrition Examination Surveys (NHANES) geht beispielsweise hervor, dass Frauen, die in ihrer Kindheit weniger als einmal wöchentlich Milch tranken, einen um 5,6 Prozent geringeren Knochenmineralgehalt haben als jene, die dieses Lebensmittel mehr als einmal täglich konsumierten.

Ein geringer Milchkonsum im Jugendalter war in dieser Studie mit einem um 3 Prozent geringeren Hüftknochenmineralgehalt und einer geringeren Knochendichte im Erwachsenenalter assoziiert. Weitere Ergebnisse der Studie zeigen, dass das Risiko für osteoporotische Frakturen bei geringem Milchkonsum in der Kindheit um das Zweifache erhöht ist [11].

Eine Auswertung von 16 Studien an postmenopausalen Frauen hat ergeben, dass pro täglich konsumiertem Glas Milch (mit einem Calciumgehalt von 300 mg) das Risiko für Hüftfrakturen um bis zu 8 Prozent gesenkt werden kann [12].

Aus Studien an Kindern und Erwachsenen geht hervor, dass eine hohe Peak Bone Mass (PBM) das Risiko für die Entstehung einer Osteoporose und das Risiko für Knochenfrakturen in höherem Alter senken kann [7]. Osteoporose ist eine weit verbreitete Volkskrankheit, die vor allem bei postmenopausalen Frauen und älteren Personen beiderlei Geschlechts auftritt [13].

Kuh 1Kuh 2
Medical Cartoon by Piero Lercher, Piero Lercher, ideafactory@aon


Daten zur Osteoporoseprävalenz beruhen in Österreich meist auf Schätzungen oder Berechnungen. Werden aktuelle Prävalenzzahlen der deutschen Bevölkerung herangezogen und diese für Österreich berechnet, sind rund 740.000 Personen, davon rund 617.000 Frauen, ab einem Alter von 50 Jahren von Osteoporose betroffen.

Weitere Schätzungen gehen davon aus, dass in Österreich jede dritte Frau und jeder sechster Mann an Osteoporose erkrankt [14].

Ziel der Osteoporoseprävention ist es, eine möglichst hohe Peak Bone Mass zu erreichen und diese langfristig zu erhalten. Die Knochendichte wird in der Kindheit und Jugend aufgebaut und erreicht ihr Maximum im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Die Peak Bone Mass ist von zahlreichen Faktoren unter anderem der Genetik, der Bewegung, der Sonnenlichtexposition, dem Genussmittelkonsum und von Ernährungsfaktoren wie einer ausreichenden Calciumzufuhr sowie der Aufnahme von Vitamin D und Vitamin K abhängig [13].

Durch den hohen Gehalt an Calcium wirken sich insbesondere Milch und Milchprodukte positiv auf die Knochengesundheit aus. Problematisch ist die Aufnahme von Milch und Milchprodukten jedoch bei Laktoseintoleranz, von der ca. 20 Prozent der österreichischen Bevölkerung betroffen sind [15], sowie bei Milchallergie, die laut internationalen Studien bei rund 2 bis 6 Prozent der Kinder und 0,1 bis 0,5 Prozent der Erwachsenen auftritt [16]. Bei Laktoseintoleranz stellen laktosefreie Milch und Milchprodukte eine gute Alternative dar. Auch Hartkäse wie zum Beispiel Parmesan oder Bergkäse, sowie fermentierte Produkte wie Jogurt werden zumindest in kleinen Mengen gut vertragen.

Bei einer milchfreien Ernährung können calciumreiche Gemüsesorten wie beispielsweise Kohl, Brokkoli, Fenchel, Lauch oder Spinat und Mineralwässer mit mehr als 150 mg Calcium pro Liter zur Calciumversorgung beitragen [17]. Der Calciumgehalt ausgewählter Nahrungsmittel ist in Tabelle 1 dargestellt. Nicht nur im Kindes- und Jugendalter, sondern auch im Erwachsenenalter ist auf eine ausreichende Versorgung mit Calcium zu achten.

Literatur

[1] Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Milch ist und bleibt ein wertvolles Lebensmittel, DGE-aktuell 20/98 vom 07.09.1998, http://www.dge.de.

[2] Elmadfa I, Freisling H, Nowak V, Hofstädter D, et al. Österreichischer Ernährungsbericht 2008, 1. Auflage, Wien, März 2009.

[3] D-A-CH. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), Österreichische Gesellschaft für Ernährung (ÖGE), Schweizerische Gesellschaft für  Ernährungsforschung (SGE), Schweizerische Vereinigung für Ernährung (SVE). Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, Frankfurt am Main, Verlag Umschau Braus, 2008.

[4] Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). DGE-Ernährungskreis – Lebensmittelmengen, DGE-Info 5/2004, http://www.dge.de.

[5] Fonds Gesundes Österreich (FGÖ). Die Ernährungspyramide baut auf, 2006.

[6] Kun Z, Greenfield H, Xueqin D, Fraser DR. Improvement of bone health in childhood and adolescence, Nutr Res Rev, 14 (1): 119-152, 2001.

[7] Huth PJ, DiRienzo DB, Miller GD. Major scientific advances with dairy foods in nutrition and health. J Dairy Sci, 89 (4): 1207-1221, 2006.

[8] Matkovic V, Landoll JD, Badenhop-Stevens NE, Ha EY, Crncevic-Orlic Z, Li B, Goel P. Nutrition influences skeletal development from childhood to adulthood: a study of hip, spine, and forearm in adolescent females, J Nutr, 134 (3): 701S-705S, 2004.

[9] Chan GM, Hoffman K, McMurry M. Effects of dairy products on bone and body composition in pubertal girls, J Pediatr, 126 (4): 551-556, 1995.

[10] Black RE, Williams SM, Jones IE, Goulding A. Children who avoid drinking cow milk have low dietary calcium intakes and poor bone health. Am J Clin Nutr, 76 (3): 675-680, 2002.

[11] Kalkwarf HJ, Khoury JC, Lanphear BP. Milk intake during childhood and adolescence, adult bone density, and osteoporotic fractures in US women, Am J Clin Nutr, 77 (1): 257-265, 2003.

[12] Cumming RG, Nevitt MC. Calcium for prevention of osteoporotic fractures in postmenopausal women. J Bone Miner Res, 12 (9): 1321-1329, 1997.

[13] Elmadfa I, Leitzmann C. Ernährung des Menschen, 4. Auflage, Stuttgart, Verlag UTB, 2004.

[14] Rieder A, Lawrence K, Weichselbaum E, Dorner T. Österreichischer Osteoporosebericht (Hrsg. Verein Altern mit Zukunft), 2007 http://www.alternmitzukunft.at.

[15] Shrier I, Szilagyi A, Correa JA. Impact of lactose containing foods and the genetics of lactase on diseases: an analytical review of population data, Nutr Cancer, 60 (3): 292-300, 2008.

[16] Crittenden RG, Bennett LE. Cow’s milk allergy: a complex disorder. J Am Coll Nutr, 24 (6 Suppl): 582S-591S, 2005.

[17] Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Knochen stärken – aber richtig! 09.12.2008, http://www.dge.de.

[18] Souci-Fachmann-Kraut. Food composition and nutrition tables. Die Zusammensetzung der Lebensmittel, Nährwert-Tabellen, Stuttgart, Medpharm Scientific Publ, 2008.

Zur Person 

Univ.-Doz. Mag. Dr. Ingrid Kiefer hat ein Studium irregulare der Ernährungswissenschaften an der Universität Wien und der Universität für Bodenkultur absolviert. Seit 1993 ist sie in die Liste der GesundheitspsychologInnen eingetragen. Dr. Kiefer arbeitete von 1988 bis 2007 am Institut für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Wien, wobei sie sich vor allem den Schwerpunkten Ernährungsepidemiologie, Prävention ernährungsassoziierter Krankheiten, Ernährungsberatung und Gewichtsreduktion widmete. Zu diesen Themen hat die Ernährungsexpertin auch zahlreiche Ratgeber-Bücher verfasst oder mitverfasst. Seit seit März 2007 leitet Frau Dr. Kiefer das Kompetenzzentrum Ernährung & Prävention und seit Oktober 2008 auch die Unternehmenskommunikation bei der AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH). Im Fonds Gesundes Österreich ist sie seit Mai 2004 im Fachbeirat vertreten.

Mag. Bettina Meidlinger hat an der Universität Wien Ernährungswissenschaften studiert und absolviert derzeit das Doktoratstudium der medizinischen Wissenschaft an der Medizinischen Universität Wien. Neben wissenschaftlichen Tätigkeiten ist sie auch in der Ernährungsberatung tätig und seit Februar 2008 im Kompetenzzentrum Ernährung & Prävention in der AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH) beschäftigt.


 

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben