zur Navigation zum Inhalt
Foto: Privat

Mag. Eva Trettler Klinische und Gesundheitspsychologin, Frauengesundheitszentrum FEM Süd

 
Allgemeinmedizin 10. November 2009

„Adipositas ansprechen – keine leichte Sache?!“

Übergewichtige vermeiden das Thema Abnehmen gerne, aber auch Ärzte tun sich schwer damit, das Problem anzusprechen. Ein Workshop hilft weiter.

Schon eine geringe Gewichtsabnahme lohnt sich in der Regel für adipöse Patienten. Ärzte tun sich allerdings oft schwer, die Betroffenen auf ihre Erkrankung anzusprechen, um sie für notwendige Lebensstiländerungen zu motivieren.

 

Einkommensschwächere, Frauen mit weniger Bildung und in niedrigen beruflichen Positionen weisen eine besonders hohe Adipositas-Prävalenz auf. Am häufigsten sind Frauen mit Pflichtschulabschluss ohne Lehre betroffen (13,9 % Prävalenz) – speziell Pensionistinnen sowie ausschließlich im Haushalt tätige Frauen und Arbeiterinnen (Adipositasbericht 2006, nach Mikrozensus 1999).

Migrantinnen leiden offensichtlich ebenfalls unter gesundheitlicher Benachteiligung, wobei es in Abhängigkeit vom Herkunftsland beträchtliche Unterschiede gibt: während von den österreichischen Staatsbürgerinnen in Wien 72,2 Prozent ihre Gesundheit zumindest als „gut“ beurteilen, liegen die Prozentwerte bei Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien bei 70,5 Prozent, bei den türkischen Staatsbürgerinnen sogar bei 61 Prozent.

Prävalenz in Österreich

Je nach verfügbarer epidemiologischer Datenquelle ergibt sich eine Bandbreite im Hinblick auf die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas in Österreich (Österreichischer Adipositasbericht 2006). Als Richtwert ist anzusehen, dass etwa die Hälfte der Männer und ein Drittel der Frauen in Österreich übergewichtig sind, wobei Frauen in der Relation häufiger adipös sind. Diese Tendenz ist – wie in den meisten Industriestaaten – im Ansteigen begriffen.

An der Entstehung der Adipositas sind eine Vielzahl von Faktoren beteiligt: Vergleichsweise selten sind Grunderkrankungen (z. B. Morbus Cushing, Schilddrüsenunterfunktion) oder die Einnahme von Medikamenten (z.B. Antidepressiva, Hormone) die Ursache.

Der Anteil der Vererbung bei der Adipositasentstehung wird auf 30 bis 70 Prozent geschätzt. Übereinstimmung herrscht in dem Punkt, dass die wichtigsten Einflussfaktoren Bewegungsmangel und Überernährung sind. Einige weitere Einflüsse wie psychische und psychiatrische Faktoren, erfolglose Diätversuche, Raucherentwöhnung, Alkoholkonsum sowie soziokulturelle Faktoren wie beispielsweise Werte oder Glaubenssätze spielen außerdem eine Rolle in der Entstehung der Adipositas.

Risikofaktor Adipositas

Adipositas ist mit zahlreichen Begleiterkrankungen verbunden. Insgesamt erhöht Adipositas die Mortalität und verkürzt die Lebenserwartung beträchtlich, vor allem bei jüngeren Menschen. Neben dem metabolischen Risiko ist Adipositas bei Frauen auch ein bedeutender Risikofaktor für gynäkologische Erkrankungen und Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt. Bereits mehr als 30 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter sind übergewichtig (Österreichischer Adipositasbericht 2006). In der Geburtshilfe gilt dies als einer der wichtigsten Risikofaktoren.

Psychosoziale Folgen

Die gesundheitsbezogene Lebensqualität von Personen, die an Adipositas leiden, ist im Vergleich zu normalgewichtigen meist deutlich eingeschränkt. Die Betroffenen berichten über Gesundheitsprobleme, Schmerzen, geringere Vitalität und Mobilität. Dazu kommen Schwierigkeiten im sozialen Leben, wie psychosozialer Leidensdruck, geringes Selbstwertgefühl, sexuelle Störungen, Stigmatisierung am Arbeitsplatz beziehungsweise in der Schule.

Bescheidene Erfolge

Konservative Adipositastherapie ist weltweit nicht sehr erfolgreich, wenn man langfristige Gewichtsreduktion als Indikator heranzieht. Die üblichen Programme greifen eher dann, wenn der BMI nicht höher als 35 ist und keine morbide Adipositas vorliegt. Über einem BMI von 40 haben nach internationalen Studien nicht mehr als drei Prozent der Betroffenen die Chance, ihr Gewicht dauerhaft im für die körperliche Gesundheit nötigen Ausmaß zu reduzieren (Hell, E.;Miller, K.: Adipositas. 2000). Jedoch führt bereits eine geringfügige Veränderung des Lebensstils mit moderater Gewichtsreduktion oft zu deutlichen Verbesserungen hinsichtlich des Stoffwechsels, der Risikofaktoren und Komorbiditäten – die Mortalität wird gesenkt (siehe Grafik).

Die Zielgruppe erreichen

Um die Zielgruppe der sozial Benachteiligten für Gesundheitsförderung zu erreichen, gilt es, gezielte gender- und diversitygerechte Maßnahmen zu entwickeln.

Im Hinblick auf die Behandlung von Adipositas fällt vor allem die rapid steigende Zahl an magenchirurgischen Eingriffen auf, die zum überwiegenden Teil an Frauen durchgeführt werden. Im Zeitraum von 1998 bis 2004 sind stationäre Aufenthalte zum Einsetzen eines Magenbandes (Gastric banding) um das Doppelte angestiegen – von 713 Eingriffen auf 1.445 (Statistik Austria, 2009). Über 80 Prozent dieser Operationen lassen Frauen vornehmen, obwohl Risiken und Folgen dieser Eingriffe zunehmend der Öffentlichkeit bekannt werden. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Nachfrage nach Medikation zur Gewichtsreduktion.

Interkulturelle Intervention

Im Bereich „konservativer“ Maßnahmen ist die Angebotssituation eher dürftig. In jüngster Zeit zeichnet sich ab, dass auf dem Gesundheitsmarkt verstärkt kommerzielle Programme für Übergewichtige und Adipöse propagiert werden. Diese Methoden greifen allerdings zu kurz, wenn es um Adipositas geht, weil auf die psychischen Entstehungsursachen kaum eingegangen wird bzw. Bewegungsanteile in diesen Programmen fehlen und sie daher kaum Zugang zu sozial Benachteiligten finden.

Steigende Nachfrage

In Wien gibt es in erster Linie Angebote für Kinder und Jugendliche, jedoch konnten keine umfassenden Angebote für Erwachsene recherchiert werden. Gleichzeitig beobachtet das Frauengesundheitszentrum FEM Süd eine steigende Nachfrage von Frauen, insbesondere von jenen mit Migrationshintergrund, nach Unterstützung zur Gewichtsreduktion.

Das Frauengesundheitszentrum hat daher das Projekt „Nach Herzenslust – leichter leben“ initiiert, um Frauen und Mädchen beim Abnehmen zu helfen. Bei diesem Projekt handelt es sich um ein interdisziplinäres und interkulturelles Interventionsprojekt für erwachsene Frauen sowie Mädchen, die an stärkerem Übergewicht/Adipositas leiden. In Anlehnung an die Qualitätskriterien für Adipositasprogramme wurde ein maßgeschneidertes „Gruppen-Programm“ entwickelt, welches die Bereiche Ernährung, Bewegung und psychologische Aspekte des Lebensstils sowie der Lebensstiländerung umfasst. Das Projekt wurde aus den Mitteln des Fonds Gesundes Österreich und der Stadt Wien gefördert. Eine Fokussierung erfolgt im Hinblick auf sozial benachteiligte Frauen und Mädchen aufgrund der hier beträchtlich erhöhten Prävalenz von Adipositas bei gleichzeitig geringer Anzahl von adäquaten Angeboten. Mit geringen Teilnahmekosten, Kinderbetreuung und Nachmittags- und Abendterminen soll die Niederschwelligkeit gewährleistet sein. Um auch Migrantinnen zu erreichen, werden die Maßnahmen nicht nur in Deutsch, sondern auch in türkischer Sprache angeboten.

Workshops in Wien

In der täglichen Praxis ist es oft nicht leicht, Patientinnen und Patienten auf ihre Erkrankung anzusprechen, um sie für eine Lebensstiländerung zu motivieren. Widerstände, Ängste und Unsicherheiten treten nicht nur seitens der Patientinnen und Patienten auf. Daher bietet das Frauengesundheitszentrum FEM Süd (SMZ Süd) in Wien im November einen Workshop zu diesem Thema an. Ärztinnen und Ärzte können sich in diesem Seminar mit der Gesundheitsförderung bei Adipositas näher auseinandersetzen.

 

Workshop "Adipositas ansprechen – keine leichte Sache?!"
24. November 2009 bis 24. November 2009
Wien, FEM Süd, Kaiser Franz Josef Spital, Sozialmedizinisches Zentrum Süd

Weitere Informationen erhalten Sie von den Seminarleiterinnen:
Mag. Eva Trettler
+43 (0)1/60191 5205


Mag. Christa Bauer
+43 (0)1/60 191 5201

Von Mag. Eva Trettler, Ärzte Woche 46 /2009

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben