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Was zuerst limitiert ist, wird nachher verstärkt gewählt – strenge Restriktionen von Schokolade & Co. fördern daher nur den Heißhunger auf Süßigkeiten umso mehr.
 
Allgemeinmedizin 8. Oktober 2009

Warum wir Süßes so sehr lieben

Angeborene Vorliebe und Restriktion geben den Ausschlag.

Die Vorliebe für süß ist dem Menschen angeboren – das ist biologisch betrachtet sinnvoll, da es kaum süße Nahrungsmittel gibt, die giftig sind. Auch dem süßen Geschmack des Fruchtwassers wird eine prägende Wirkung zugesprochen, und Muttermilch schmeckt aufgrund des enthaltenen Milchzuckers ebenso leicht süß.

 

Süßer Geschmack ist nicht auf Schokolade, „Zuckerl“, Kekse und Kuchen beschränkt – auch viele Früchte schmecken süß, Brot nach längerem Kauen ebenso. Die angeborene Vorliebe für süßen Geschmack alleine erklärt die Bedeutung, die Süßigkeiten haben, daher nur unzureichend.

Vor allem im Kindesalter sind Süßigkeiten das Diskussionsthema schlechthin. Zum Teil ist dies ein hausgemachtes Problem, da Süßigkeiten oft als Trost und Belohnung eingesetzt und damit psychisch aufgeladen werden. Verbote machen Süßigkeiten noch interessanter als sie ohnehin sind.

Restriktion steigert Attraktivität

Neue Studien zeigten allerdings, dass nicht nur Süßigkeiten durch Restriktion beliebter werden. Auch Obst gewinnt an Attraktivität, wenn es limitiert wird. In einer Studie mit 70 Kindern im Alter von fünf bis sieben Jahren wurden vier Produkte (Ananas, Banane, Schokolade, Fruchtgummi) in separate Schüsseln gefüllt. Die Kinder wurden in drei Gruppen aufgeteilt: Ein Drittel der Kinder durfte aus allen Schüsseln wählen, und je ein Drittel durfte entweder nur von den Süßigkeiten oder nur vom Obst naschen. Die Kinder wurden einzeln in den Testraum gebeten, um sich nicht gegenseitig zu beeinflussen, sahen alle vier Schüsseln und konnten sich je nach Gruppe nur vom erlaubten Teil etwas nehmen. Die jeweilige Menge wurde festgehalten.

In einer zweiten Testphase konnte jedes Kind aus allen Schüssel nehmen, was es wollte. Kinder, die im ersten Teil nur Obst nehmen durften, stürzten sich auf die Süßigkeiten – und Kinder, die im ersten Teil nur Süßigkeiten wählen konnten, nahmen nun vorwiegend Obst. Vergleichbare Ergebnisse werden übrigens bei salzigen Snacks erzielt. Was zuerst limitiert ist, wird nachher verstärkt gewählt.

Extremeinstellungen gegen Süßigkeiten überdenken

Attraktiv ist somit das, was wir nicht bekommen – die Vorliebe für Süßigkeiten wird durch Restriktionen noch verstärkt. Dies ist kein Freibrief für Unmengen, sollte jedoch Anlass sein, um Extremeinstellungen zu überdenken. Bei Erwachsenen, vor allem Frauen, führen extreme Einschränkungen oft zu „Craving“ (= Heißhungerattacken).

Diät forciert Craving

In einem Experiment wurden Frauen dem Geruch von Pizza, Schokokeksen oder keinem Geruch ausgesetzt und mussten ihre Gedanken zu Pizza, Schokokeks beziehungweise allgemeiner Natur dabei aufschreiben. Als die Probandinnen anschließend Pizza und Kekse erhielten, aßen diejenigen, die sich generell beim Essen einschränkten, deutlich mehr vom zuvor gerochenen Produkt.

Bei Frauen, die eine Diät machen, genügt bereits der Anblick von Schokoladebildern, um Craving auszulösen. Auch der Schokoladenkonsum ist unter anderem davon abhängig, ob man das Produkt sieht oder nicht, und ob es in Reichweite steht, wie eine Untersuchung mit Sekretärinnen zeigte.

Im Sinne einer gesunden Ernährung gibt es keine verbotenen Lebensmittel – nur falsche Mengen davon. Gelegentlich konsumiert, sind Süßigkeiten auch im Rahmen einer gesunden Ernährung nicht tabu.

 

Literatur bei der Autorin

 

Dr. Eva Derndorfer ist Ernährungswissenschaftlerin in Wien. Zu ihren Spezialgebieten zählen die Sinne, die sensorische Analyse von Lebensmitteln sowie Ursachen und Entstehung von Geschmacks- präferenzen.

Von Dr. Eva Derndorfer, Ärzte Woche 41 /2009

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