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Prof. Dr. Herwig Kollaritsch Facharzt für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Tropenmedizin, Parasitologie und Migrationsmedizin (ÖGTPM)
© Arnold Gold/picture alliance

Mücken bestimmen: Mitarbeiter der Connecticut Agricultural Experiment Station beim Aussortieren.

 
Infektiologie 27. Juni 2016

Zika ist kein Olympiaverderber

Eine Absage der Sommerspiele würde an der globalen Situation nichts ändern, sagt der Tropenmediziner Herwig Kollaritsch.

Die WHO weist die Forderungen internationaler Experten nach einer Absage oder Verschiebung der Olympischen Sommerspiele in Rio endgültig zurück. Prof. Kollaritsch befürwortet diese Entscheidung, auch weil Zika nur eines von vielen Gesundheitsrisken ist, denen sich Athleten in Brasilien aussetzen.

Wie viele Medaillen Österreichs Sportler aus Rio mitbringen werden, ist noch nicht zu sagen, dass sie in Brasilien auf die Jagd danach gehen werden, ist jetzt endgültig fix. Nachdem fast 200 internationalen Experten in einem offenen Brief die räumliche oder zeitliche Verschiebung der Olympischen Sommerspiele aufgrund eines nicht abschätzbaren globalen Verbreitungsrisikos gefordert hatten, schickte WHO-Präsidentin Margaret Chan nochmals ein hochrangiges Team vorort, um eine neuerliche Risikoeinschätzung vorzunehmen: „Angesichts des derzeitigen Ausmaßes der internationalen Besorgnis habe ich entschieden“, so Chan, „die Mitglieder des Zika-Notfallkomitees zu beauftragen, die Risiken durch die Abhaltung der Olympischen Sommerspiele zu prüfen, wie sie derzeit geplant sind“.

Der Bericht des Komitees liegt nun vor – und er bestätigt die bisherige WHO Empfehlung, wonach keine Reise- und Handelsbeschränkungen nötig seien. Begründet wird die Empfehlung mit dem „sehr geringen Risiko“ einer Verbreitung des Zika-Virus durch die Olympischen Spiele. Die Ärzte Woche fragte bei Österreichs führendem Tropenmediziner nach, wie er die aktuelle Lage beurteilt. Der Experte teilt zwar die Meinung, dass ein Export von Zika durch die Olympischen Spiele gefördert wird, ist aber aus mehreren Gründen gegen eine Absage der Olympischen Spiele:

• Auch wenn Brasilien ein Hotspot im Aufkommen der Zika-Infektionen ist, so ist es nicht das einzige Land Süd- und Mittelamerikas, in dem die Infektion vorkommt. Mehr als 60 Länder und Regionen melden Infektionsfälle. Die Absage eines Events in einem der betroffenen Länder würde an der globalen Situation nichts ändern. Brasilien verzeichnet nach den Daten der UNTWO (Welttourismusorganisation) jährlich rund 6 Mio. touristische Ankünfte, der gesamte Mittel- und südamerikanische Kontinent rund 60 Mio. , und zählt zu den am stärksten wachsenden touristischen Destinationen. Angesichts dieser Bewegungen spielt das zusätzliche Aufkommen durch Olympia zwar eine Rolle, ist aber als punktuelles Ereignis nicht so bedeutsam, wie suggeriert wird.

• Brasilien gibt sich rund um Olympia alle erdenkliche Mühe, das Zika-Risiko für Athleten und Besucher gering zu halten, indem Mückenbekämpfung in großem Stil betrieben wird. Dies wird zwar das Risiko nicht eliminieren, jedoch ein wenig reduzieren.

• Intensivste Aufklärung der Reisenden, Testung von Verdachtsfällen bei Reisenden nach Heimkehr und Vorsichtsmaßregeln für Männer und Frauen im Zusammenhang mit geplanten Schwangerschaften sind mittlerweile von den meisten Staaten entsprechend formuliert und können erneut das individuelle Risiko stark vermindern, dass Folgeschäden insbesondere bei ungeborenen Kindern auftreten. Zudem wurde vom CDC (Centers for Disease Control and Prevention) ein eigener Zika „Action plan“ entwickelt .

• Bei weitem nicht alle Regionen der Welt sind geeignet, bei Import von Zika-Infektionen lokale Ausbrüche in der Folge befürchten zu müssen. Für den europäischen Raum trifft das nur ganz wenige Gebiete , zudem besitzt Europa ein sehr gutes Überwachungssystem. Alle Länder wurden von der WHO längst zu erhöhter Aufmerksamkeit aufgerufen, da durch den Tourismus und Geschäftsreisen eine permanente Importgefährdung gegeben ist.

• Olympia nur wegen Zika als Gesundheitsbedrohung der Athleten und ihrer Angehörigen absagen zu wollen, ist eine sehr einseitige Betrachtungsweise. Brasilien hat neben Zika zahllose andere, allgemein bekannte und ernst zu nehmende Gesundheitsrisiken, die bei Vergabe der Olympischen Spiele bereits vorgelegen haben, wie z. B. das massive Auftreten von Dengue-Fieber (über eine Mio. Erkrankungen bisher im Jahr 2016) oder das allseits bekannte Sicherheitsrisiko Rios.

• Die Absage von Olympia hätte für Brasilien unabsehbare wirtschaftliche Folgen. Die Bevölkerung würde durch den Wegfall der Einnahmen sehr viel Leid zu ertragen haben.

Um den Kampf gegen die Ausbreitung des Zika-Virus zu beschleunigen, öffnet der Springer Verlag seine Archive. Unter der Adresse www.springernature.com/de finden Sie – frei zugänglich und nach Themen geordnet – Fachartikel und Expertenkommentare.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 26/2016

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