zur Navigation zum Inhalt
© Jürgen Bätz/dpa
Ein Mitarbeiter des Institut Pasteur auf Madagaskar sammelt ausgelegte Rattenfallen ein.
 
Infektiologie 20. Juni 2016

Die Pest stirbt nicht einmal im Grab

Der vergessene „Schwarze Tod“: Madagaskar ist das am schlimmsten betroffene Land.

Auf der Insel sind nach Zahlen der WHO seit 2010 knapp 500 Menschen an der Pest gestorben. Neue Ausbrüche gibt es immer wieder rund um die Famadihana-Zeremonie, bei der die Gebeine der Ahnen neu beigesetzt werden. Die Pest-Bakterien überdauern offenbar in den Gräbern.

Sie kann es immer noch nicht fassen, dass sie um die Leiche ihrer Tochter kämpfen musste. Und verloren hat. Damals, vor etwa eineinhalb Jahren, als die Soldaten kamen und Bernadette Kasoarimanana mit Gewehren bedrohten. Die 56-Jährige sitzt in ihrer Hütte in einem Slum von Antananarivo, der Hauptstadt Madagaskars. Ihr Blick wandert ins Leere. Unter dem Wellblechdach ist es drückend heiß. Der Grund ihres Leids ist eine Seuche, die viele andere nur noch aus Geschichtsbüchern kennen: die Pest.

„Erst hatte sie Nasenbluten“, erinnert sich Bernadette Kasoarimanana an die Krankheit ihrer 21-jährigen Tochter. „Dann war da auch eine Schwellung am Hals, ein geschwollener Lymphknoten.“ Die Pest war schneller als jede Hilfe, die junge Frau starb. Unter ihren Nachbarn in dem Armenviertel der Hauptstadt brach Panik aus. Dann kam das Militär, um die Leiche zu holen. Ihr Auftrag: eine Ausbreitung der Pest zu vermeiden. „Wir haben uns geweigert“, sagt die Mutter. „Ich kann es nie vergessen, wie sie ein Gewehr auf mich gerichtet haben, damit ich meine Tochter aufgebe.“ Trotz der eindeutigen Labortests will sie bis heute nicht glauben, dass die 21-Jährige wirklich an der Infektion starb.

Kaum eine andere Seuche hat in der Geschichte so viel Angst und Schrecken ausgelöst wie die Pest: Zwischen 1347 und 1353 raffte der „Schwarze Tod“ in Europa zig Millionen Menschen dahin. Damals soll etwa ein Drittel, manche sprechen von der Hälfte, der Bevölkerung gestorben sein. Zur Bezeichnung „Schwarzer Tod“ kam es vermutlich, weil bei einer Erkrankung im späten Stadium die Finger schwarz werden und absterben können. Heute wütet die Pest vor allem in Madagaskar: Der Inselstaat im Indischen Ozean, gelegen am südöstlichen Zipfel Afrikas, ist das weltweit am schlimmsten betroffene Land.

Und wieso hält sich die Krankheit in Madagaskar so hartnäckig? Eine Reise durch Pest-Gebiete zeigt, dass viele Faktoren ihr Fortbestehen begünstigen. Die Menschen auf dem Land sind oft arm und leben in teils unhygienischen Hütten. Ratten sind nie weit – und mit den Nagern kommt das Pest-Bakterium Yersinia pestis. Die Gesundheitsversorgung ist schlecht. Zudem verlassen sich Kranke eher auf Wunderheiler als Antibiotika. „Die Pest auszurotten ist schwierig“, sagt die Leiterin der Pest-Forschung des Instituts Pasteur in Antananarivo, Minoarisoa Rajerison. „Aber wir können die Zahl der Krankheitsfälle weiter reduzieren“, hofft die Forscherin, die alle nur Doktor Mino nennen.

Das Kerngebiet des Erregers liegt zwischen den saftgrünen Hügeln und Reisfeldern des Hochlands. Dort sterben jedes Jahr Dutzende Männer, Frauen und Kinder an der Pest. Seit 2010 zählte die Weltgesundheitsorganisation WHO landesweit knapp 500 Pest-Tote.

Von der Hauptstadt aus fährt man etwa sechs Stunden bis nach Ambatofotsy Est. Die letzten drei Stunden holpert der Jeep über Feldwege, die zur Regenzeit unpassierbar werden können. Ambatofotsy Est ist typisch für betroffene Dörfer. Die Menschen haben keinen elektrischen Strom. In den Häusern, meist aus Lehm, fehlt fließendes Wasser. Ein Fußmarsch zum nächsten Arzt dauert rund drei Stunden. Hier arbeitete Jullienne Rasolonirina im November des vergangenen Jahres auf dem Feld der Familie. Dort wachsen Maniok und Mais. „Als sie nach Hause kam, hatte sie plötzlich starkes Kopfweh. Dann war ihr linker Arm wie gelähmt“, erinnert sich ihr Mann Jean Claude Andrianaivofenomanana. Das Alarm-Zeichen erkannte er nicht: die schmerzhafte Beule unter ihrer Achsel.

Erst drei Tage später brachte er seine Frau zum Arzt. Sie starb. Seither muss der 38-Jährige die Felder alleine bestellen, um seine fünf Kinder zu versorgen. „Wie man sich mit der Pest infiziert, habe ich nicht verstanden“, sagt er. Ohne Antibiotika-Behandlung sterben bis zu sechs von zehn Patienten. Doch viele Kranke in Madagaskar gehen zuerst zum traditionellen Heiler. „Der Heiler massiert dann den schmerzenden Lymphknoten und verbreitet die Bakterien damit im ganzen Körper“, sagt der Arzt Andrianiaina.

Schnelle Eingreiftruppe

Wird aus einem Dorf ein Pest-Fall gemeldet, rücken die Gesundheitsbehörden an, um Häuser zu desinfizieren und mit Insektizid einzusprühen. Nahe Angehörige müssen vorsorglich Antibiotika nehmen. Pest-Leichen werden mit einer Chlorlösung gewaschen und mit Kalk eingerieben. Denn selbst die Toten können die Infektion weitergeben. Bestattungsrituale wie die mehrtägige Totenwache im Haus des Verstorbenen sind bei Pest verboten. Die Leiche darf nicht in der Familiengruft beerdigt werden, sondern muss weit weg von Friedhöfen vergraben werden. Für Angehörige bedeutet das zusätzlichen Schmerz.

Denn die Ahnenverehrung hat weiter viel Gewicht. Ein zentraler Teil davon ist die Famadihana-Zeremonie. Dabei werden alle sieben Jahre die Gebeine ausgegraben. Und anschließend bei einem Familienfest in Tücher gewickelt und neu bestattet. „Rund um diese Zeremonien gibt es immer wieder Pest-Ausbrüche“, sagt Eric Bertherat, Pest-Spezialist der WHO. Es sei nicht geklärt, wie die Bakterien so lange in Gräbern überdauerten. Das sei eines von mehreren Rätseln. „Die Pest ist eine seltsame Krankheit.“. Um die Seuche zurückzudrängen, seien viele Maßnahmen nötig, erläutert Doktor Mino: Die Menschen müssen besser aufgeklärt werden. Alle Pest-Opfer sollten sicher bestattet werden. „Wenn es gelingt, die Ratten auszurotten, kann der Übertragungsweg unterbrochen werden.“ Das Institut Pasteur schickt Trupps zu Anti-Ratten-Kampagnen los, auch nach Ambatofotsy Est. Die Mitarbeiter bringen an der Außenwand jedes Hauses eine Rattenfalle aus Holz an: mit Rattengift in der Mitte und einem Insektizid, das Flöhe tötet.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben