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© Markus Leodolter / picture alliance


Dr. Reinhold Glehr
(c) Sissy Furgler Fotografie

 
Gesundheitspolitik 7. Oktober 2016

Auszeit statt Steinzeit

Einige Ärzte im Probebetrieb der E-Medikation stellen die Dateneingabe ein. Anlass ist ein ungeschickter Sager von Volker Schörghofer.

Dr. Christoph Dachs ist dieser Tage guter Dinge, selbst der Name Deutschlandsberg löst beim Präsidenten der heimischen Allgemeinmediziner keine allergischen Reaktionen aus. „Ich stehe zu ELGA“, sagt er. Eine Begründung, warum der Testbetrieb in dem steirischen Bezirk ein derartiger Schlamassel ist, hat er: Bei der Planung seien zu wenig Praktiker involviert gewesen. „Wir Ärzte hätten uns viel früher einbringen sollen. Pdf-Befunde runter zu scrollen – das ist nicht handlebar.“

Der Vorwurf des stv. Generaldirektors des Hauptverbandes, DI Volker Schörghofer, die Ärzte würden EDV-mäßig in der Steinzeit arbeiten, wurmt manchen steirischen Mediziner ordentlich. „Ich finde es nicht fair, wenn behauptet wird, das Pilotprojekt in Deutschlandsberg funktioniert nicht, weil die Ärzte veraltete Computer haben“, sagt Dachs’ Vorgänger Dr. Reinhold Glehr aus Hartberg.

Schörghofer hatte bei einem Termin vor Journalisten zwar tatsächlich von „Steinzeit“ gesprochen, dies aber lediglich auf eine Minderheit unter den Ärzten gemünzt hatte, die ihren PC „zehn Jahre nicht upgedatet“ hätten und sich nicht um aktuelle Hard und Software kümmerten.

Der Schaden ist angerichtet. „Wenn die Produzenten von Autos, Waschmaschinen oder Mobiltelefonen erkennen, dass ihre Produkte mangelhaft sind, rufen sie diese zurück – der Hauptverband beschuldigt dagegen die Anwender“, ärgert sich der steirische Ärztekammerpräsident Dr. Herwig Lindner.

Dass es ein „zurück an den Start“ geben werde, glaubt Glehr nicht, „die politische Entscheidung ist gefallen, es werden zu viele Heilsversprechen mit der Einführung der e-Medikation verbunden und es wurde wohl auch schon zu viel Geld in die IT-Entwicklung investiert“. Für die Entscheidung der Ärzte im Bezirk, den Pilotversuch abzubrechen, zeigt er Verständnis. „Die Benutzerfreundlichkeit ist offensichtlich schlecht. Das Programm haben möglicherweise Leute entwickelt, die in der Hochtechnologie daheim sind, aber nicht in den normalen Gebrauchscomputern der Ärzte.“

Schörghofer habe die „Rechnung ohne den Wirt“ gemacht. Das sagt Dr. Clemens Stanek, niedergelassener Wahlarzt für Allgemeinmedizin. Jetzt bekomme er sie auf den Verhandlungstisch zurückgeknallt. Stanek war eine treibende Kraft, um den Testbetrieb in den Bezirk zu holen. Dennoch hat Stanek – er ist auch Wahlarztreferent der steirischen Ärztekammer – gemeinsam mit seinen Kollegen die Stopp-Taste gedrückt: „Deutschlandsberg steht still“, sagt er. Derzeit werden seitens der Ärzte keine Daten eingespeist. Das Fass zum Überlaufen habe die via Medien ausgerichtete und mit den Ärzten nicht akkordierte Ankündigung des bevorstehenden Rollouts, vor allem aber Schörghofers Zitat.

Hohe Investitionen nötig

Begonnen haben die Probleme beim Projektstart: „Zuerst konnte uns kein Softwareanbieter sagen, was uns der Testbetrieb zusätzlich kosten wird. Nur allmählich wurden erste Summen hinter vorgehaltener Hand genannt: Mit Kosten zwischen 1.500 und 4.000 Euro pro Standort sei zu rechnen.“ Ärzte, die bereit waren zu investieren, konnten die SVC-Applikation teilweise nicht in ihre Arztsoftware implementieren, weil sich viele – vor allem kleinere – Softwareanbieter aufgrund der hohen Entwicklungskosten nicht in der Lage sahen oder Willens waren, Übergänge zu programmieren.

Das galt auch für den Anbieter von Stanek, der beschloss, den Probebetrieb über die vorhandene E-Card-Oberflächelaufen zu lassen. Dabei kam es zu Verzögerungen und Systemabstürzen. Außerdem stellte sich heraus, dass manche Verschreibungen (etwa magistrale Rezepturen) nicht automatisiert abgehandelt werden können, sondern manuell eingegeben werden müssen. In Kombination ergab das bei manchen Verschreibungen Verzögerungen von mehreren Minuten, bis diese im System aufschienen, während der parallel dazu ausgedruckte Rezeptzettel über die interne Arztsoftware längst am Tisch lag. Ein weiterer Kritikpunkt der Ärzte ist die bis heute nicht ausbezahlte „Anschubfinanzierung“. Stanek: „Bisher haben wir von diesen Mitteln keinen Cent gesehen.“

Nach dem Krach arbeitet der Hauptverband der Sozialversicherungsträger an einer Wiederannäherung. Derzeit sind keine Verhandlungen über eine Fortsetzung geplant. Die steirischen Ärzte wollen abwarten, ob es auf Bundesebene zu einer Einigung zwischen Hauptverband, Ministerium und Ärztekammer über die Finanzierung kommt. Eine solche müsse drei Aspekte berücksichtigen:

- Investitionsabdeckung für die neuen Software-Tools inkl. Schulungen für die Assistentinnen;

- Investitionsabdeckung für die Adaptierung und EDV-Integration der in den Ordinationsbetrieb bereits eingespeisten Geräte (wie etwa EKG oder Lungenfunktion) oder andere Schnittstellen, die zum Teil ältere Software-Versionen voraussetzen und durch die Änderung der Gesamtsoftware auch Updates benötigen;

- Finanzierung des laufenden Betriebs aufgrund des zeitlichen Mehraufwandes und der erhöhten Servicepauschalen seitens der EDV-Anbieter.

Erst wenn die finanziellen Forderungen erfüllt und die technischen Mängel behoben bzw. die Usability der angebotenen Softwarelösung verbessert ist, wollen die Ärzte weitermachen. Dann stünde einem Rollout nichts im Wege, sagt Stanek: „Wir sind uns fast alle einig, dass es sich um ein sinnvolles Tool handelt, das die Behandlungsqualität erhöhen wird.“

Martin Křenek-Burger und Volkmar Weilguni

, Ärzte Woche 41/2016

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