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Nierenarzt Wagner:

 

Privatdozent Karl Wagner

Aktuelle Position: Privatdozent Karl Wagner ist Chefarzt der Nephrologie an der Asklepios Klinik Barmbek in Hamburg.

Werdegang/Ausbildung: Studium bis 1977. Bis 1988 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Klinikum Steglitz der FU Berlin in der Abteilung für allgemeine innere Medizin und Nephrologie. Habilitation und Lehrbefugniss für das Fach Innere Medizin.

Karriere: Von 1988 bis 1994 Positionen als leitender Oberarzt am Klinikum Karlsruhe und am Universitätsklinikum Essen mit den Schwerpunkten Nephrologie, Hypertonie und Immunologie. Seit 1994 Chefarzt am Allgemeinen Krankenhaus Barmbek.

 
Infektiologie 27. Juni 2011

"Wir werden weiter EHEC-Erkrankungen haben"

Das Gröbste des EHEC-Ausbruchs ist ausgestanden, der neue Keim zirkuliert aber weiter. Ärzte und Pflegepersonal haben während der Krise Tag und Nacht gearbeitet. Für viele Patienten ist der Ausgang noch ungewiss, wie Privatdozent Karl Wagner von der Asklepios Klinik Hamburg-Barmbek der deutschen "Ärzte Zeitung" berichtete.

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Wagner, ist der aktuelle EHEC-Ausbruch aus Ihrer Sicht vorbei?

Privatdozent Karl Wagner: Nein. Wir haben in unserer Klinik nach zehn Tagen ohne Neuzugänge am Donnerstag erneut einen Patienten mit Hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) aufgenommen. Der Keim hat sich in der Umwelt festgesetzt, er wurde ja zum Beispiel aus einem Bach bei Frankfurt am Main isoliert.

Unter den genesenden Patienten wird es möglicherweise EHEC-Dauerausscheider geben. Wir werden mit einer hoffentlich niedrigen Grundaktivität immer wieder Neu-Erkrankungen haben. Ich kann da nur jedem Menschen zu peinlicher Grundhygiene, insbesondere Händehygiene raten.

Ärzte Zeitung: Die Asklepios Klinik in Hamburg Barmbeck war von der EHEC-Krise mit am stärksten betroffen. Was waren für Sie die schwierigsten Aufgaben?

Wagner: Es handelt sich um eine ganz neue Dimension von EHEC-HUS. Die Betroffenen waren fast alle fünf bis zehn Tage auf der Intensivstation. Bei Rückgang der Hämolyse traten bei den Patienten dann überraschend häufig neurologische Komplikationen auf, von Aphasie über epileptische Anfälle bis hin zum Koma. Es gab Angstzustände und Orientierungsprobleme.

Ursache der neurologischen Symptome sind sicher auch nachweisbaren Läsionen im Hirnstammbereich. Eine erkrankte Akademikerin hatte zum Beispiel Angst, wir wollten sie umbringen. Andere Patienten konnten uns auf Ansprache nicht mal mehr ihren Beruf nennen.

Ärzte Zeitung: Welche Belastungen gab es in der Klinik?

Wagner: Für die etwa 100 stationär aufgenommenen EHEC-Patienten haben wir zwei Stationen bereitgestellt. Zusätzlich waren 31 weitere Patienten an HUS erkrankt. Sie benötigten binnen vier Wochen 245 Plasmaseparationen. Normalerweise machen wir 50 bis 60 Plasmaseparationen im Jahr.

Bei den Separationen werden die Eiweißbestandteile des Blutes herausgefiltert und durch Eiweiß aus Spenderplasma ersetzt. Für jede Behandlung sind 15 bis 20 Beutel Gefrierplasma à 250 ml erforderlich, das heißt, wir haben Plasma von 900 Blutspendern verbraucht.

Unser Pflegepersonal hat Tag und Nacht gearbeitet und etwa 3000 Überstunden aufgebaut. Für die Versorgung haben wir zusätzliches Personal von niedergelassenen Nephrologen und vom Kuratorium für Heimdialyse zur Verfügung gestellt bekommen. Alleine wäre diese Krise nicht zu bewältigen gewesen.

Ärzte Zeitung: Welche Spätschäden sind bei den Patienten zu erwarten?

Wagner: Von unseren 31 HUS-Patienten sind aktuell noch drei Patienten an der Dialyse. Ein Patient ist gestorben und bei einem weiteren wird es wahrscheinlich zu einem dauerhaften Nierenversagen kommen. Die neurologischen Erscheinungen klingen zwar ab, aber bei einigen haben wir immer noch Angstzustände und andere psychische Störungen zu verzeichnen.

Die Zukunft muss zeigen, ob Spätschäden bestehen bleiben. Betroffene behandeln wir weiter mit Eculizumab. Hier besteht die Hoffnung, dass die Komplementblockade mit dem Antikörper auch die noch bestehenden Schäden der Shigatoxin-Wirkung im Hirn abmildert.

Studiendaten für die Behandlung bei dieser besonderen Form von EHEC-HUS mit einem ganz neuen Keim gibt es nicht. Es ist daher sehr wichtig, dass jetzt die Therapien, sei es mit dem Antikörper oder der Plasmaseparation, bei den bundesweit über 600 HUS-Patienten mithilfe des HUS-Registers in der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) ausgewertet werden. Daten sind in etwa einem halben Jahr zu erwarten. Ich selbst habe den Eindruck, dass die Therapien gut gewirkt haben, kann mich aber irren.

Ärzte Zeitung: Das Universitätsklinikum Eppendorf hat auf die enormen finanziellen Belastungen der betroffenen Krankenhäuser durch die EHEC-Krise hingewiesen ...

Wagner: Das ist ein ganz wunder Punkt. Für die Behandlung eines HUS-Patienten werden etwa 17.000 Euro im DRG angesetzt. Die Kalkulation dazu basiert auf den Erfahrungen mit dem klassischen HUS, wobei man im Schnitt mit einem Tag auf der Intensivstation und fünf Plasmaseparationen auskommt. Die aktuellen HUS-Patienten mit dem neuen Keim haben aber fünf bis zehn Tage auf der Intensivstation verbracht und acht bis zehn Plasmaseparationen gebraucht.

Wir hatten zudem Erlösausfälle, da wir in den vergangenen Wochen viele elektive Eingriffe nicht vornehmen konnten. Zwei Stationen wurden komplett für die Versorgung von EHEC-Patienten zur Verfügung gestellt. Auf der anderen Seite sind unsere Personalkosten in die Höhe geschossen.

Die Kassen müssen jetzt ein Zeichen setzen und uns den Aufwand einschließlich der Sekundärkosten ersetzen. Die Kliniken haben bei der Versorgung von EHEC-Patienten eine Superleistung gebracht, vor allem die Ärzte und das Pflegepersonal. Eine Höchstleistung, die in einem immer unattraktiver werdenden Berufsfeld nicht selbstverständlich ist. Wir dürfen deshalb nicht auf den Kosten sitzen bleiben.

Das Interview führte Wolfgang Geissel für die Ärzte Zeitung.

ÄZ/Wolfgang Geissel.

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