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Infektiologie 26. Mai 2011

EHEC-Erreger identifiziert - Quelle Spanien

Seit Tagen suchen Forscher nach der Quelle des Ausbruchs von enterohämorrhagischen Escherichia coli (EHEC) in Deutschland. Nun haben sie in wenigen Stunden gleich zwei wichtige Dinge herausgefunden: Sie kennen jetzt den Erregertyp und die Ursache - die liegt offenbar in Spanien.

"Wir haben die Quelle gefunden", sagte Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) am Mittag. Im Visier: Gurken aus Spanien. Eine Eilmeldung sei bereits an alle Gesundheitsämter in der Republik gegangen.

Am Mittwochabend wurde zudem noch vor dem Verzehr von Tomaten und Blattsalaten gewarnt. "Unsere Untersuchungen von Salat und Tomaten haben bislang nichts ergeben", sagte Prüfer-Storcks auf einer Pressekonferenz mit dem Hamburger Hygiene-Institut.

Und weiter: "Die Quelle des Erregers ist eindeutig Spanien." Bislang seien zwei Erzeuger identifiziert. Belastete Gurken seien auf dem Großmarkt in Hamburg sichergestellt worden. Bundesweit würden Gurken dieser Händler aus dem Verkehr gezogen.

EHEC-Epidemie in Norddeutschland

 

Die neue Gesundheitssenatorin der Hansestadt sprach von einem Durchbruch. Die Situation in Norddeutschland bezeichnete sie als EHEC-Epidemie, diese Einordnung fiel im Zusammenhang mit der Infektionswelle das erste Mal seitens einer Behörde.

Allein in Hamburg sind nach Zahlen der Gesundheitsbehörde vom Donnerstag 300 Menschen mit EHEC infiziert. Insgesamt 66 Menschen seien an der schweren Komplikation HUS erkrankt und würden stationär behandelt.

Die Kliniken in der Stadt gelangen laut Prüfer-Storcks langsam an ihre Kapazitätsgrenzen. Womöglich müssten bald Patienten in Häuser im Umland verlegt werden.

Der Erreger hat ein Gesicht

 

Ein weitere Durchbruch gelang Mikrobiologen der Uniklinik Münster (UKM). Sie haben in der Nacht zum Donnerstag den speziellen EHEC-Stamm identifiziert. Seine Name: HUSEC 41.

Das besondere an dem Typ: Er ist zwar seit einigen Jahren bekannt. Doch bislang ist kein einziger dokumentierter Ausbruch von ihm bekannt - weder in der Bundesrepublik noch weltweit.

Zu dem Namen HUSEC kommen EHEC-Bakterien, die mit der schweren Komplikation, dem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) assoziiert sind.

Das Team um den Chef des UKM-Hygieneinstituts, Professor Helge Karch, hat nach eigenen Angaben eine weltweit einmalige Sammlung von insgesamt 42 EHEC-Typen aufgebaut, die ein HUS auslösen können.

HUSEC 41 ein Coli-Bakterium mit dem Oberflächenantigen O104 und dem Geißelantigen (Flagellinantigen) H4 - der Serotyp nennt sich kurz O104:H4.

Dieser Typ ist bislang kaum als typischer HUS-Erreger aufgetreten. In der EHEC-Sammlung, die das UKM gemeinsam mit dem Robert Koch-Institut (RKI) aufgebaut hat, taucht er nur zweimal auf. Immerhin umfasst die Datenbank rund 600 Proben.

Dass es sich um den selten O104-Serovar handeln könnte, wurde bereits am Mittwoch bekannt. Erste Analysen des RKI-Referenzlabors für Zoonosen in Wernigerode hatten ihn in fünf Stuhlproben nachgeweisen.

Der Münsteraner EHEC-Experte Karch untermauert diese Funde nun. Er und sein Team hatten Proben von Patienten aus vier Städten der Republik untersucht. Alle Funde wiesen eine "einzigartigen Kombination von Erregereigenschaften" auf, hieß es.

Nun soll in Münster ein hochspezifische Test für diesen speziellen Typ entwickelt werden. Neue Verdachtsfälle sollen dann schneller bestätigt werden können. Der Test soll bereits in wenigen Tagen zur Verfügung stehen.

Der jetzige Fund weißt nach Angaben der Münsteraner einige ganz besondere Merkmale auf. So fehlt ihm ein für EHEC typische Gen, das eae. Es kodiert üblicherweise ein wichtiges Adhäsin, das Protein Intimin. Damit gelingt es den Keimen, sich leichter im Darmepithel anzuheften.

Karch: "Aber er besitzt dafür das für die Eisenaufnahme und Anheftung wichtige iha-Gen." Das "Iron-regulated Gene A homologue adhesin" sorgt ebenfalls für die Haftbarkeit des Erregers. Außerdem produziert der jetzt gefundene Typ das Shigatoxin stx2. Das Gift ist maßgeblich für die hämolytische Wirkung.

Außerdem zeigt der jetzige Erreger Resistenzen gegen Antibiotika, er bildet Extended-spectrum-β-Lactamasen (ESBL). Daher sind nur Carbapeneme wirksam.

Bei EHEC sind Antibiotika allerdings kontraindiziert. Das Problem ist das Shigatoxin. Werden viele Bakterien gleichzeitig antibiotisch zerstört, wird gleichzeitig eine erhöhte Menge des Toxins freigesetzt - mit dramatischen Folgen für die Progression.

Die Wissenschaftler arbeiten derzeit an der vollständigen Sequenzierung des Bakteriengenoms. Denn der jetzige Erreger könnte sich im Vergleich zu früheren HUSEC-41-Proben verändert haben.

nös/ÄZ

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