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Therapieuntreue ist meist eine vorübergehende Erscheinung.
 
Praxis 28. April 2014

Rezidivierende Compliance

Chronisch kranke Patienten machen oft Therapiepausen, kehren aber später meist wieder zur Therapietreue zurück.

Mangelnde Compliance kann nicht nur den Erfolg einer Arzneimitteltherapie schmälern, sie ist auch teuer, wenn Medikamente einfach entsorgt werden. Ärzte verwenden deshalb viel Zeit darauf, Patienten zu unterstützen, Langzeittherapien einzuhalten.

Dennoch scheint es um die Compliance schlecht bestellt. So heißt es wenigstens. Doch warum ist das so? Liegt es an den Patienten, die nicht mitspielen und sich nicht überzeugen lassen? Auch das hört man immer wieder. Oder ist vielleicht alles gar nicht so schlimm?

Dass Patienten nicht auf Dauer non-compliant sind, sondern häufig wieder zur Therapietreue zurückkehren, darauf scheint eine neue Studie schließen zu lassen: Dr. Thomas Grimmsmann vom MDK Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin und Prof. Wolfgang Himmel vom Institut für Allgemeinmedizin der Universität Göttingen haben die Daten von gut 9.500 Hypertonie-Patienten ausgewertet und ihre Therapietreue über vier Jahre bewertet ( ECJP 2014; 70 (3): 295–301 ).

Datengrundlage waren anonymisierte Arzneimittelverordnungsdaten der AOK Nordost. Den Patienten waren Betablocker, ACE-Hemmer oder Angiotensin-2-Antagonisten verordnet worden.

Die Forscher hätten sich bewusst auf chronisch Kranke konzentriert, die eine lebenslange Therapie brauchen, sagt Grimmsmann. Denn gerade bei ihnen ist die Adhärenz wichtig. Und andererseits wird gerade solchen Patienten häufig vorgeworfen, sich nicht an die ärztlichen Therapieempfehlungen zu halten.

Patienten haben eigenen Rhythmus

Doch Patienten haben ihren eigenen Rhythmus. Manche nehmen die Medikamente nicht ein, wenn es ihnen gut geht, weil sie meinen, sie brauchen dann keine Pillen. Andere sehen das genau umgekehrt: Sie lassen ihre Hochdruckmittel weg, wenn sie etwa erkältet sind und andere Medikamente bekommen. Wieder andere machten einen arzneifreien Urlaub. Oder sie vergessen einfach, ihre Pillen zu nehmen.

Weshalb auch immer: Therapiepausen sind häufig und offenbar ganz normales Patientenverhalten. Von dieser These sind Grimmsmann und Himmel ausgegangen. Sie wollten wissen, wie sich solche Pausen auf die Gesamt-Therapietreue auswirken und haben den Einfluss von unterschiedlich langen Therapiepausen – 180 Tage und 360 Tage, gemessen an eingelösten Rezepten – untersucht. Entscheidend war, dass die Patienten ihre Antihypertensiva nach der Pause wieder regelmäßig einnahmen. Dann galten die Patienten in der Studie trotz der langen Arzneipausen noch als therapietreu.

Die Ergebnisse: Bei einer erlaubten Pause von 180 Tagen konnten gut 40 Prozent der Patienten als therapietreu über vier Jahre eingestuft werden. Das bedeutet, den Rest der vier Jahre nahmen sie ihre Medikamenten regelmäßig ein, und das galt mehr oder weniger für alle Klassen von Bluthochdruck-Arzneimitteln. Wurde sogar eine Pause von 360 Tagen toleriert, galten um die 80 Prozent der Patienten als langfristig therapietreu.

Kaum Therapie-Abbrecher

Es bleiben also mehr dabei, als man vielleicht erwartet hätte. „Einen endgültigen Abbruch der Therapie gab es nur selten“, so Grimmsmann. Selbst nach einem Jahr Pause kehrten die meisten Patienten zur empfohlenen Hochdrucktherapie zurück. Weshalb das so war, ob das am schlechten Gewissen der Patienten lag, an der Intervention ihrer Ärzte oder aber sogar nach einem medizinischen Notfall oder einer gravierenden Verschlechterung des Zustands konnten die Forscher aus den Daten nicht ersehen.

Grimmsmanns Fazit: „Man sollte Patienten nicht generell unter Verdacht stellen. Sie scheinen stärker an einer Kontinuität in der Medikamenteneinnahme interessiert zu sein als häufig angenommen wird. Viele haben vielleicht nur einen anderen Einnahme-Rhythmus, als es sich Adhärenz-Forscher wünschen.“

Ärzte dürften dieses Ergebnis mit gemischten Gefühlen sehen. Ziel einer evidenzbasierten Therapie bleibt eine Compliance ohne Pausen, weil in den Therapiepausen bei Hypertonie-Patienten das Risiko einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes steigen könnte, vor allem wenn der Blutdruck in den Pausen nicht überwacht wird.

Zudem gibt es Krankheitsbilder, bei denen Therapiepausen sofort dramatische medizinische Folgen haben, etwa HIV oder zum Beispiel Krebs. Deshalb fügt der Forscher hinzu: „Unsere Ergebnisse sind kein Plädoyer fürs Nichtstun.“ Ermutigend bleibt: Patienten, die temporär non-compliant sind, lassen sich offenbar häufig überzeugen, wieder therapietreu zu werden.

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