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Schwieriger Fall? Die Körpersprache des Patienten signalisiert dem behandelnden Arzt eine große Portion Skepsis. Dennoch kann der Patient hoch compliant werden.
 
Praxis 16. September 2013

Arzt-Patienten-Beziehung

Wie autonom dürfen Patienten bei der Behandlung sein?

Das aktuelle Compliance-Verständnis dreht sich darum, die Patienten in den Behandlungsverlauf aktiv einzubinden – als Mitentscheider. Doch viele Ärzte stehen damit auf Kriegsfuß. Warum eigentlich?

Viele Patienten informieren sich ausführlich im Internet über ihre Krankheit und oft auch über den Arzt, bevor sie überhaupt eine Praxis aufsuchen. Sie wissen dann eine Menge über ihr Leiden und mögliche Behandlungen. So präsentieren sie dann in der Praxis ihrem Arzt eine fertige Diagnose, manche fordern sogar eine bestimmte Therapie von ihm. Und das wird zunehmen, vermuten Experten.

Verschiebt sich hier die Beziehung zwischen Arzt und Patient? Verlieren Ärzte ihren Wissensvorsprung? Werden sie mehr und mehr zu ausführenden Organen, dem Patientenwillen unterworfen? Kann man das ganze Gerede um Empathie und Compliance vergessen? Wird es nur noch darum gehen, das zu tun, was der Patient erwartet – schon, damit die Praxis nicht heftig kritisiert wird in Arztbewertungsportalen? Ist das die Zukunft?

Der ein oder andere Arzt mag das wirklich befürchten. Doch das ist Unsinn. Auch wenn überinformierte Patienten mit ihrem medizinischen Halbwissen aus dem Internet ganz schön nerven können. Hand aufs Herz, man kann vielen Patienten eine echte Fachkompetenz nicht grundsätzlich absprechen. Gerade chronisch Kranke sind die wahren Experten für ihre Krankheit.

Paternalismus gehört zur Vergangenheit

Es hat sich jedoch wirklich etwas geändert in der Arzt-Patienten-Beziehung. „Compliance“ bedeutet nicht mehr das reine „Befolgen“ von Therapieregeln. Compliance ist nicht mehr eine Leistung, die der Arzt vom Patienten fordert. Im Sinne von: Der Patient hat sich gefälligst an das zu halten, was der Arzt diktiert.

„Wenn Sie das nicht tun, dann wird das und das geschehen.“ „Drohmedizin“ nennt der Dermatologe und Kommunikationstrainer Dr. Thomas M.H. Bergner diese Art der Kommunikation. Das paternalistische Kommunikationsmodell, das dahinter steht, verschwindet zunehmend aus den Praxen. Und das ist auch gut so.

Partizipationsgrad des Patienten variiert

Inzwischen werden Patienten als Partner gesehen, und es wird das Konzept des Shared Decision-Making propagiert: Der Patient soll an der Therapieentscheidung beteiligt werden. Die Umstellung auf die partizipative Entscheidungsfindung falle vor dem Hintergrund der Gewöhnung an das traditionell hierarchische Arzt-Patienten-Gefälle nicht leicht, so Bergner.

Kommunikationsexperten raten Ärzten, Patienten zu fragen, wie weit sie an der Entscheidungsfindung beteiligt werden wollen. Die meisten werden es gerne dem Arzt überlassen und bitten höchstens um Information. Im partizipativen Kommunikationsmodell ist Compliance oder Adhärenz keine rein fremd bestimmte Leistung mehr. Der Patient steht selbst hinter den Empfehlungen zur Therapie. Es ist auch sein Interesse, sich daran zu halten. Er trägt die Verantwortung mit und kann sie nicht einfach an den Arzt abschieben. Also die beste Voraussetzung für einen Therapieerfolg.

Alles schön und gut. Doch wie geht man nun mit den immer mehr besonders informierten, oft überinformierten Patienten um, die sowieso schon alles besser wissen?

Nun, hier gilt es umzudenken – auch, wenn das nicht leicht fallen mag. Natürlich sind diese Patienten zunächst schwierig. Und es kostet viel Geduld und Zeit, die man nicht wirklich zur Verfügung hat, zuzuhören, Vorurteile abzubauen und sie von einer anderen Therapie zu überzeugen als der, die sie sich vorstellen und vielleicht sogar erwarten, gar fordern. Doch informierte Patienten sind kein Fluch, sondern eher ein Segen. Man sollte das Wissen oder Halbwissen von Patienten und ihre Bereitschaft, sich zu informieren, als Chance verstehen, auf der gemeinsam weitergearbeitet wird.

Loben und bestätigen

Man kommt sicher weiter, wenn man das Vorwissen von Patienten nicht einfach als lästig oder völlig falsch abtut, sondern herausfindet, was sie wissen und wie sie ihre Informationen bewerten. Dann ist es einfach, sie gezielt in die Therapieentscheidungen einzubeziehen. Man sollte sie bestätigen und loben, dass sie sich kundig machen und über ihre Krankheit informieren. Man sollte sie sogar auffordern, das zu intensivieren, eventuell Websites empfehlen. So werden aus zunächst lästigen, weil halb-informierten Patienten besonders motivierte Patienten, die stark compliant sind. Ist das nicht ein Einsatz, der sich lohnt? Und dann gibt es sicher auch keine schlechten Bewertungen für die Praxis im Internet.

Dennoch gibt es natürlich Patienten, die auf die dritte mögliche Spielart der Arzt-Patienten-Kommunikation drängen, nämlich das autonome Modell, nach dem die Patienten sich zwar anhören, was der Arzt zu sagen hat, aber dann völlig autonom für sich entscheiden, was sie machen wollen. Was dann?

Dieses Verhalten ist eher selten. Wichtig für den Arzt: Hält ein Patient aber an einer Behandlungsidee fest, von der man als Mediziner abrät, sollte man das unbedingt dokumentieren. Doch sonst gilt, sich klar zu machen, dass auch solche Patienten Kranke sind, die Hilfe suchen. Hier ist wie immer Empathie gefragt - und extra viel Geduld. Und vor allem auch Gelassenheit. Schon, um nicht die Burn-out-Falle zu geraten.

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