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Ein Screening auf Depressionen sollte bei Diabetikern mindestens einmal pro Jahr erfolgen.

29. Frühjahrstagung der ÖDG
7. bis 9. März, Bregenz

 
Diabetologie 20. März 2013

Fehlende Adhärenz ist ein Signal

Die Ursache für schlechte Diabetes-Einstellung liegt häufig im psychosozialen Sektor.

Was für den Arzt ein Routinefall ist, bedeutet für den Patienten oft einen massiven Einschnitt in sein gewohntes Leben: die Diagnose Diabetes mellitus.

Bei der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Psychosomatik in der Inneren Medizin sprach Prim. Dr. Heidemarie Abrahamian, SMZ Baumgartner Höhe Otto-Wagner-Spital, Wien, über die Zusammenhänge von Körper und Seele bei Diabetes.

Non-Adhärenz ist ein Signal

„Das Erleben des Diabetes ist nicht auf die somatische Ebene begrenzt“, hält Abrahamian fest. Die Erkrankung hat ebenso Auswirkungen auf der kognitiven Ebene (Überzeugungen, Gedanken), der emotionalen Ebene (Gefühle) und der Verhaltensebene (Lebensgewohnheiten, Selbstbehandlung etc.). „Die somatische Ebene ist nur ein Ausschnitt“, sagt Abrahamian.

Dementsprechend haben Veränderungen auf der somatischen Ebene auch Auswirkungen auf den anderen drei Ebenen. Schwankende Blutzuckerwerte zum Beispiel können auf der kognitiven Ebene Unsicherheit verursachen, auf der emotionalen Ebene Angst und auf der Verhaltensebene kann die Einstellung „Ich kann ohnehin nichts machen“ dazu führen, dass Therapieempfehlungen nicht befolgt werden. „Wenn wir uns in diesen Fällen nur auf die Messwerte konzentrieren, ist das Urteil – Patient ist non-compliant – schnell gefällt“, so Abrahamian.

Statt den Patienten abzustempeln und aufzugeben, sollte die Aufmerksamkeit auf die nicht-somatischen Ebenen gerichtet werden, denn: „Fehlende Adhärenz ist immer ein Signal.“ Ein Blick auf die Lebensgeschichte und -umstände des Patienten kann Verschiedenstes aufdecken. Einer Studie von Khan et al. (2011) zufolge sind die Ursachen für schlechte Diabetes-Einstellung zu 20 Prozent am psychosozialen Sektor zu finden: Depression, Angst, Scham, Versagens- und Schuldgefühle, aber auch Essstörungen können den Therapieerfolg bei Diabetes beeinträchtigen.

Hohes Risiko für Depression

Die häufigste psychische Komorbidität des Diabetes sind Depressionen, wobei die Prävalenz bidirektional erhöht ist, d.h. Diabetiker erkranken häufiger an Depressionen als Nicht- Diabetiker, und depressive Menschen entwickeln häufiger Diabetes als nicht-depressive. „Im Schnitt manifestiert sich Diabetes bei psychisch kranken Menschen um sieben Jahre früher“, berichtet Abrahamian.

Schon die Diagnose Diabetes bewirkt gravierende Veränderungen auf der kognitiven und emotionalen Ebene: Die einschneidenden Veränderungen im Lebensstil, eventuell auch im Berufsleben, und das Gefühl, plötzlich auf Hilfe angewiesen zu sein, können beim Patienten unmittelbar depressive Verstimmungen auslösen.

Darüber hinaus ist der Zusammenhang zwischen Diabetes und Depression aber auch pathophysiologisch erklärbar: Im Fettgewebe von Diabetikern werden vermehrt proinflammatorische Zytokine gebildet. IL-1, IL-6 und TNF-alpha induzieren unspezifische Krankheitssymptome, die sich mit jenen bei Major Depression decken, nämlich Müdigkeit, Anhedonie und herabgesetzte psychomotorische Aktivität. Umgekehrt gehen depressive Störungen häufig mit einer Hyperaktivität der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse einher, was über vermehrte Kortisolausschüttung zu einer gesteigerten Insulinresistenz führen kann.

Zwei Fragen

Bei vermeintlicher Non-Compliance des Diabetikers sollte nach den Ursachen geforscht werden. Eventuell steht eine Depression dahinter. Die Beantwortung zweier Fragen kann einen schnellen Hinweis auf das Vorliegen einer Depression liefern:

  • Gab es in den letzten vier Wochen eine Zeitspanne, während der Sie sich nahezu jeden Tag niedergeschlagen, traurig oder hoffnungslos fühlten?
  • Oder gab es eine Zeitspanne, während der Sie das Interesse an Tätigkeiten verloren haben, die Ihnen sonst Freude machten?

Ein einfaches Depressions-Screening wie dieser Zwei-Fragen-Test sollte laut Abrahamian bei Diabetikern mindestens einmal jährlich durchgeführt werden, denn: „Die Koinzidenz von Diabetes und Depression erhöht die Morbidität und die Mortalität der Betroffenen drastisch.“ Nach bestätigter Diagnose ist daher auch die Therapie beider Erkrankungen essenziell. „Wenn Psychopharmaka verschrieben werden, ist bei Diabetespatienten natürlich besonders auf deren metabolische Nebenwirkungen zu achten“, betont Abrahamian.

Fazit

Selbstbewusstsein stärken, zum Selbstmanagement motivieren - das soll bei der Versorgung von Diabetespatienten die Devise sein, meint Abrahamian. Dazu gehören die ganzheitliche Erfassung des Patienten, die gemeinsame interdisziplinäre Behandlung und die Unterstützung des Patienten auf allen Ebenen, um seine Lebensqualität zu erhalten. Für depressive Diabetespatienten wären spezielle Schulungen wünschenswert.

C. Lindengrün, Ärzte Woche 12/2013

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