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Fachliteratur 17. Oktober 2016

Koffein ist nicht an allem Schuld

Literatur. Der renommierte Psychologe Wolfgang Beiglböck räumt in seinem neuen Buch mit Mythen auf. Auch mit jener bis dato unumstößlichen Wahrheit, dass Koffein den Blutdruck erhöht. Doch es gibt nicht nur eingebildete, sondern auch tatsächlich schädliche Folgen.

Die meisten dem Koffein zugeschriebenen schädlichen Nebenwirkungen beim gesunden Erwachsenen, wie z. B. massive Entwässerung, haben sich als nicht haltbar bzw. als deutlich weniger ausgeprägt als früher angenommen erwiesen. Die individuell erlebten negativen Wirkungen bei geringen Mengen Koffein wie etwa Herzklopfen, Unruhe oder Verdauungsbeschwerden lassen sich oft auf eine genetisch bedingte verminderte Verträglichkeit oder einen schlechteren Abbau von Koffein zurückführen. Trotzdem kann Koffein auch bei gesunden Menschen zu unerwünschten Reaktionen führen oder können an sich nicht weiter gefährdende Koffeinwirkungen bei Kranken unerwünschte Auswirkungen aufweisen.

Koffein kann, so wie jede andere Substanz, bei einer Überdosierung massive Nebenwirkungen hervorrufen. Da aber, wie bereits erwähnt, die Koffeinverträglichkeit individuell sehr unterschiedlich ist, können diese Nebenwirkungen bei sehr unterschiedlichen Mengen auftreten. Im medizinischen Sinn spricht man von einer Koffeinintoxikation dann, wenn unmittelbar vor dem Auftreten der Symptome deutlich mehr als 250 mg Koffein konsumiert wurden.

Typische Symptome dabei sind:

- Unruhe

- Nervosität

- Schlaflosigkeit

- Gesichtsrötungen

- Gesteigerter Harndrang

- Muskelzuckungen

- Weitschweifiges Reden bis zum Verlust des Denkziels

- Psychomotorische Unruhe

- Herzrasen und „Herzstolpern“

Üblicherweise wird bei einer Einnahme von über 2 g Koffein ein Spitalsaufenthalt nötig. Zur Erinnerung: Eine gute Tasse Kaffee enthält meist weniger als 100 mg Koffein. Da man daher mehr als 20 Tassen Kaffee in kürzerem Zeitraum konsumiert haben müsste, wird dieser Bereich meist mit Energydrinks oder Koffeintabletten erreicht. Die letale, also potenziell tödliche Dosis beginnt bei etwa 5 g. Allerdings sind die Berichte sehr dünn gesät und daher die Grenzwerte recht unsicher. Bei einem Suizid konnte durch das Auffinden leerer Koffeintablettenröhrchen nachgewiesen werden, dass ein 31-jähriger Mann nach der Einnahme von 9 g Koffein verstarb. Bei Menschen mit Vorerkrankungen könnte dieser Wert allerdings deutlich geringer sein.

Lange Zeit galt es als unumstößliche Wahrheit, dass Koffein den Blutdruck erhöht und somit zu einer Reihe von kardiovaskulären Erkrankungen führen kann. Zwar kann akuter Koffeinkonsum zu erhöhtem Blutdruck und Arrhythmien führen, chronischer jedoch eher nicht oder sogar einen gewissen Schutzeffekt darstellen. Dies gilt für den gesunden Erwachsenen. Bei jüngeren Patienten, die schon an einem Bluthochdruck leiden, erhöht sich allerdings bereits bei einem moderaten Koffeinkonsum von 70 bis 200 mg pro Tag die Wahrscheinlichkeit, einen Herzinfarkt zu erleiden. Ebenso ist diese Art von Risiko bei jenen Personen erhöht, die Koffein aufgrund einer Genvariante nur langsam abbauen.

Auch jüngere Menschen insgesamt (vor allem Afroamerikaner) leiden bei einem hohen Koffeinkonsum an einem erhöhten Blutdruck, was aber freilich an der Tatsache liegen kann, dass diese generell einen ungesünderen Lebensstil pflegen. In einer amerikanischen Studie an Frauen konnte gezeigt werden, dass diese nur dann einen hohen Blutdruck aufwiesen, wenn sie ihr Koffein in Form von gezuckerten Softdrinks zu sich nahmen und nicht in Form von Kaffee. Das Herzinfarktrisiko hängt andererseits aber wieder vom Cholesterinspiegel ab, und Koffein in Form von vor allem ungefiltertem Kaffee erhöht den Cholesterinspiegel.

Kein erhöhtes Schlaganfallrisiko

Und um die Angelegenheit nochmals zu verkomplizieren: Stress erhöht ebenfalls den Blutdruck. Eine Kombination mit Koffein kann dann wieder zu noch höherem Blutdruck führen, wobei das Geschlecht ebenfalls eine Rolle spielt.

Was das Risiko eines Schlaganfalles betrifft, zeigen Metaanalysen, dass Tee, Kaffee und sogar Schokolade (alles Nahrungsmittel, die Koffein beinhalten) jedenfalls das Risiko eines Schlaganfalles nicht erhöhen, ja sogar mäßig senken könnten.

Insgesamt konnte eine Studie an mehr als 400.000 Menschen, die deren Krankheitsverlauf über viele Jahre mitverfolgte, zeigen, dass zumindest Kaffeekonsum eher mit einer reduzierten kardiovaskulär bedingten Sterblichkeit assoziiert ist, was mit der durchblutungsfördernden Eigenschaft von Koffein in Zusammenhang gebracht wird. Außerdem dürfte Kaffee zumindest bei gesunden Menschen einer Arteriosklerose, eines Verschlusses der Herzkranzgefäße, vorbeugen.

Die wissenschaftliche Lage ist also etwas kompliziert. Was man dennoch sagen kann, ist, dass Koffein wahrscheinlich kardiovaskulär weniger gefährlich ist als früher angenommen. Allerdings ist das in Anbetracht der komplizierten Lage für bestimmte Risikogruppen und bereits erkrankte Menschen wohl kein Freibrief für uneingeschränkten Koffeinkonsum.

Koffein und Inkontinenz

Obwohl Koffein, wie bereits ausgeführt, über die gesteigerte Nierenfunktion nur mäßig dehydrierend wirkt, ist jedoch der Einfluss von Koffein auf die Muskulatur unumstritten. Deshalb wurde auch immer wieder über die Auswirkungen auf die Kontraktion des Blasenmuskels diskutiert, der bei der Entleerung des Harns eine Rolle spielt und dessen nicht beherrschbare Aktivierung zu einem unwillkürlichen Harnverlust (Inkontinenz) führen kann. Durch die Entleerung der intrazellulären Kalziumspeicher kommt es zu einer Beschleunigung der Kontraktionen des Blasenmuskels.

Bei Männern scheinen dabei die Ergebnisse eindeutiger zu sein als bei Frauen. Auch unter Berücksichtigung des Zustandes der Prostata, die ebenfalls einen Einfluss auf den Harnverlust hat, zeigte sich, dass ein Konsum von mehr als 250 mg die Auftretenswahrscheinlichkeit einer Inkontinenz dosisabhängig verdoppeln kann. Die Ergebnisse bei Frauen sind zwar ähnlich: Bei weniger als 27 mg Koffein pro Tag berichteten 34 Prozent über Inkontinenzprobleme, bei über 204 mg pro Tag bereits 49 Prozent, allerdings scheint die Anzahl der vaginalen Geburten einen deutlichen zusätzlichen Einfluss zu haben, der den Effekt des Koffeins überdecken kann.

Jedenfalls sollte man bei bereits bestehender Inkontinenz seinen Koffeinkonsum sicherheitshalber überprüfen: Bei Frauen, die mehr als 450 mg Koffein pro Tag konsumieren, konnte bei einer Reduktion auf unter 150 mg pro Tag die Frequenz des Harndrangs um 16 Prozent und das Ausmaß um 25 Prozent gesenkt werden.

Die gute Nachricht scheint dabei zu sein, dass dafür das Risiko eines Nierensteines (Nephrolithiasis) mit der Höhe des Koffeinkonsums zurückgeht, wie an einer prospektiven Studie mit knapp 220.000 Teilnehmern gezeigt werden konnte.

Unter Berücksichtigung von u. a. Alter, Gewicht und allgemeiner Flüssigkeitsaufnahme konnte nach einem Beobachtungszeitraum von 8 Jahren festgestellt werden, dass die Personen mit dem höchsten Koffeinkonsum ein ungefähr 30 Prozent geringeres Risiko hatten, eine Nephrolithiasis zu erleiden.

Koffein und weiche Knochen

Da Koffein den Kalziumhaushalt beeinträchtigt, war es naheliegend anzunehmen, dass Koffein die Knochendichte vermindert und damit das Osteoporoserisiko erhöht und somit vor allem bei älteren Personen, die ohnehin eine reduzierte Knochendichte aufweisen, häufiger Knochenbrüche auftreten können. Kürzlich durchgeführte Analysen aller bis 2013 vorgelegenen Studien zu diesem Thema, die insgesamt knapp 200.000 Menschen umfassten, konnten jedoch keinen Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und dem Risiko eines Bruches oder im Besonderen einer Hüftfraktur feststellen.

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