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 © (2) Archiv der Missionsärztlichen Schwestern

Missionarsgruppe mit Anna Dengel nimmt vor Kleinflugzeug Aufstellung.

 

   

(c) Tyrolia Verlag

Buchtipp: Ingeborg Schödl, Das Unmögliche wagen,
Anna Dengel - Ärztin, Missionarin, Ordensgründerin,
Hardcover 168 S.; 2014 Tyrolia Verlag
ISBN 978-3-7022-3327-3

 
Leben 3. Jänner 2017

Eine Frau wagt das Unmögliche

Biografie. Die Tirolerin Anna Dengel wollte sich nicht zwischen Ärztin und Ordensfrau entscheiden, sie wollte beides sein und gründete ihre eigene missionsärztliche Gemeinschaft. Ihr Lebensziel war die bessere medizinische Versorgung von Frauen in den Ländern des Südens.

Es war immer der Traum von Anna Dengel gewesen, in Indien als Ärztin tätig zu werden. Im Jahre 1920, nur ein Jahr nach ihrer Promotion, ging er in Erfüllung. Das St. Katharinen-Hospital in Rawalpindi, heute in Pakistan gelegen, war ihr erster Einsatzort. Eine Ambulanz mit bis zu 70 Patienten, Visiten, kleinere Operationen und dann noch Hausbesuche – die junge Ärztin hatte dies alles allein, nur mit Unterstützung durch ungelernte Hilfskräften, zu bewältigen.

Als Europäerin war sie mit einer vollkommen fremden Lebensweise konfrontiert, die vom Islam und Hinduismus bestimmt wurde. Aber auch der Aberglaube, weitergegeben von weisen Frauen (Dais), spielte eine große Rolle. Besonders betroffen davon waren die Frauen, denn ein männlicher Arzt durfte aus religiösen Gründen auch bei bestehender Lebensgefahr nicht konsultiert werden. Als es sich herumsprach, dass der einzige Arzt in Rawalpindi nun eine Frau ist, wagten sich zumindest die Hindu-Frauen ins Krankenhaus.

Die anfallende Arbeit war für die junge Ärztin allein fast nicht zu bewältigen. Sie wandte sich daher an die Oberin des benachbarten Klosters der Franziskanermissionarinnen mit der Bitte, Schwestern als Hilfskräfte für den Geburtsbereich ausbilden zu dürfen. Die Oberin reagierte geschockt. Erstmals erfuhr Anna Dengel von dem seit 1215 bestehenden kirchenrechtlichen Verbot, wonach Ordensfrauen weder im Bereich der Chirurgie, und schon gar nicht in der Geburtshilfe tätig sein durften. Die Aufhebung dieser 700-jährigen Bestimmung zu erwirken, wurde für Anna Dengel später zu einem Lebensziel.

Nach vier Jahren Totaleinsatz war Anna Dengel am Ende ihrer Kräfte. Die gläubige Katholikin vertraute sich ihrem Beichtvater an, der ihr riet, in einen Orden einzutreten. Sie wusste, dass sie damit aber ihren über alles geliebten Arztberuf aufgeben müsste. Vor einer endgültigen Entscheidung wollte sie daher nach Hause, nach Hall in Tirol zu ihrer Familie fahren, um sich über ihre Zukunft klar zu werden. Auf der langen Reise in die Heimat hatte Anna Dengel genügend Zeit nachzudenken, wie ihr bisheriger Lebensweg, eigentlich immer gegen den Zeitgeist, verlaufen ist.

Geboren wurde sie am 16. März 1892 im kleinen Ort Steeg im tirolerischen Außerfern. Die Menschen dieses abgeschiedenen Tales sind, geprägt von der herben Landschaft, mit einem Pioniergeist und einer gewissen Sturköpfigkeit ausgestattet. Eigenschaften, die Anna Dengel ebenfalls ausreichend besaß.

Anna hatte noch vier Geschwister. Als ihre Mutter früh starb – ein Schmerz, den sie nie ganz verwand – heiratete der Vater drei Jahre später wieder und es kamen noch vier Kinder auf die Welt. Die Familie Dengel mit nun neun Kindern übersiedelte mit ihren Manufakturbetrieb in die alte Salinenstadt Hall. Der Vater dürfte nicht nur ein guter Geschäftsmann, sondern auch ein aufgeschlossener Mensch gewesen sein, da er allen seinen Kindern, auch den Mädchen, eine gute Ausbildung ermöglichte.

Anna besuchte das Internat der Thurnfelder-Schwestern, das für sein erstklassiges Bildungsangebot in der ganzen Monarchie bekannt war. Einen bereits ungewöhnlichen Schritt setzte sie nach Schulabschluss. Die knapp 17-Jährige nahm das Angebot an, für zwei Jahre nach Lyon (Frankreich) als Deutschlehrerin zu gehen. Nach ihrer Rückkehr hatte sie noch keine konkreten Zukunftspläne. In die Mission zu gehen schwebte ihr ebenso vor, wie ein Medizinstudium, das aber für Frauen noch schwer zugänglich war.

„Ich war Feuer und Flamme“

Durch Zufall fiel ihr eine Zeitungsnotiz in die Hände. Eine schottische Ärztin würde jungen Frauen ein Medizinstudium ermöglichen, wenn diese sich verpflichten, dann als Ärztinnen nach Indien zu gehen. „Ich war sofort Feuer und Flamme“ erinnert sie sich später, denn das entsprach genau ihren Vorstellungen. Sie nahm Kontakt mit Agnes McLaren auf, die dieses Angebot machte. Das Studium absolvierte sie in Irland, da die Graduierung an einer Universität in Großbritannien Voraussetzung war. So begab sich die 21-jährige Anna Dengel 1913 allein nach Cork in Irland.

McLaren und Dengel haben einander nie persönlich kennengelernt, denn die Schottin starb 1913 mit 71 Jahren in Antibes. Was beide verband, war nicht nur ein reger brieflicher Gedankenaustausch, sondern auch das Ziel, das unsinnige kirchliche Verbot, dass Ordensfrauen medizinisch nicht tätig sein dürfen, zu Fall zu bringen. Auch Agnes McLaren, die Gründerin des St. Katharinen-Spitals in Rawalpindi, wusste, dass gerade Frauen in den Missionsländern darunter am meisten zu leiden hatten.

Ein Jahr nachdem Anna Dengel ihr Studium in Irland begann, brach der 1. Weltkrieg aus. Obwohl nun „feindliche Ausländerin“ promovierte sie 1919 zum Doktor der gesamten Heilkunde. Praxiserfahrung für ihren Beruf holte sie sich in England. Aber bereits ein Jahr später bekam sie das heiß ersehnte Visum nach Indien. Nach vier Jahren intensiver Arbeit in Rawalpindi befand sie sich jetzt auf der Heimreise nach Hall und wusste nicht, wie sie sich entscheiden sollte – Ärztin bleiben, oder Ordensfrau werden. Eigentlich wollte sie beides.

Nach der ersten Wiedersehensfreude mit ihrer Familie nahm Anna Dengel Kontakt mit dem Jesuiten P. Rochus Rimmel auf, mit dem sie ihre Probleme besprechen wollte. Er gab ihr den entscheidenden Rat: Ihre Lebensaufgabe sei das missionsärztliche Apostolat und sie solle doch eine eigene Gemeinschaft, ihren Vorstellungen entsprechend, gründen.

Erfüllt von neuen Ideen fuhr Anna Dengel 1924 nach London, um dort mit Pauline Willis, der Generalsekretärin des „Medical Missions Comittee“ ihre Pläne zu besprechen. Da in dem vom Krieg verwüsteten Europa diese kaum umsetzbar waren, kamen die beiden Frauen überein, dies in Amerika zu versuchen. Boston war die erste Station, wo Anna Dengel mit ihrer Informationskampagne begann. In Colleges, Vereinen und Pfarren sprach sie über das Los der Frauen in Indien, über die desolaten gesundheitlichen Bedingungen, die dadurch bestehende hohe Mutter-Kind-Sterblichkeit, aber vor allem über die von ihr geplanten möglichen Verbesserungen.

Ende eines unsinnigen Verbotes

Bereits 1925 gründete Anna Dengel gemeinsam mit drei interessierten Frauen die „Gemeinschaft der missionsärztlichen Schwestern“ mit dem Ziel, medizinisch ausgebildete Schwestern (Ärztinnen, Hebammen, Pharmazeutinnen ...) in die Missionen zu entsenden.

Infolge des bestehenden kirchenrechtlichen Verbots wurde die neue Gemeinschaft von der Kirche nicht als Orden anerkannt. Anna Dengel knüpfte nun weltweit ein Netzwerk, dem hohe kirchliche Würdenträger ebenso wie einfache Missionare angehörten, um die Aufhebung des Verbotes zu erreichen.

Im Jahre 1936 war es so weit – unter Papst Pius XI. wurde das Verbot aufgehoben und die von Anna Dengel gegründete Gemeinschaft, deren Mitglieder nach den evangelischen Räten (Armut, Gehorsam, Ehelosigkeit) leben, konnte, nun auch kirchlich anerkannt, ihren Aufgaben nachgehen. Inzwischen gehörten bereits 100 Schwestern dieser neuen Gemeinschaft an und es gab schon Niederlassungen in Amerika, in den Niederlanden (Noviziat), aber vor allem in Indien.

Anna Dengel hatte das Amt der Generoberin bis 1967, also 42 Jahre inne. Während ihrer Amtszeit wurden Krankenhäuser, Entbindungsstationen, Mutter-Kind-Zentren und Ausbildungsstätten für Hebammen und Krankenschwestern in Asien, Afrika und Südamerika gegründet.

Bei ihrem Rücktritt zählte die Gemeinschaft mehr als 700 Mitglieder aus 22 Nationen auf fünf Kontinenten. Die Idee der Tirolerin hatte Fuß gefasst, trotz aller Schwierigkeiten, die ihr von Männern der Kirche bereitet wurden. Heute sind 600 Schwestern tätig.

Wie alle starken Menschen, die eine Idee unter schwierigen Umständen umsetzten, tat sich auch Anna Dengel mit ihrem Rücktritt und dem neuen in die Gemeinschaft eingezogenen, vom 2. Vatikanum geprägten Geist schwer.

Nach einem 1976 erlittenen Schlaganfall starb sie am 17. April 1980 in Rom und wurde auf dem Campo Santo Teutonico begraben. Mutter Teresa, die einmal bei Anna Dengel eine Ausbildung absolvierte, würdigte sie als jene Frau, welche die Medizin in die Kirche brachte.

Ingeborg Schödl

, Ärzte Woche 50/52/2016

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