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© Martin Burger
Dr. Ronny Tekal Ex-Turnusarzt in Wien
© Photoshot / picture alliance

Schick im OP: Belegschaft der Serie „Emergency Room“.

 
Leben 3. Mai 2016

Blut, Schweiß und Patiententränen

„Ärzte Woche“-Urgestein Dr. Ronny Tekal erinnert sich mit Wehmut an seine ersten Nachtdienste.

Es muss nicht immer die spektakuläre Ösophagusvarizenblutung sein. Der friedvolle Abschied von einem Krebs-Patienten, der weiß, dass er vor der Zeit gehen muss und gelassen damit umzugehen weiß, das bleibt in der Erinnerung haften.

Meine Turnuszeit liegt nun schon etwas zurück und betroffen muss ich feststellen, dass in der Zwischenzeit wohl bereits ein Dutzend Generationen neuer Ärzte geboren, promoviert, habilitiert und zum amikalen Gespräch mit der Krankenkasse beordert wurden. Mittlerweile sind Menschen Klinikvorstände, die ich in meiner Zivildienstzeit als verhaltensoriginelle Kinder betreut haben könnte und wahrscheinlich auch habe, wenn ich mir das originelle Verhalten der Vorstände so ansehe. So viel zu meiner Midlife-Crisis. Nun zu meiner Ausbildung.

Es war eine Zeit, in der „Grey’s Anatomy“ noch nicht über die Bildschirme flimmerte und wir lediglich das Anatomiebuch von Herrn Gray kannten. Eine Zeit, in der wir aufmerksam „Emergency Room“ verfolgten, wir also wussten, was Dr. George Clooney im Laufe einer Nacht so alles erleben und dabei trotzdem auch noch adrett aussehen konnte. Vor allem aber war meine Generation noch durch die fröhlichen Bilder aus der Schwarzwaldklinik sozialisiert, man eiferte Herrn Professor Brinkmann nach und übte vor dem Spiegel den ultimativen Patienten-Beruhigungs-Satz: „Sie müssen jetzt stark sein“, ohne zu lachen.

Ich könnte jetzt sagen: Wir haben damals ja nichts gehabt! Das stimmt so nicht. Obwohl so manch Jungspund heute frech behauptet, Mitte der 1990er-Jahre wäre grad einmal der Aderlass aufgekommen. Nein, wir hatten durchaus schon EKGs, Ultraschallgeräte und Gymnastikbälle. Was es damals bei uns tatsächlich noch nicht so gab, waren Fachärzte, die auch nachts anwesend sein mussten. Sie waren „auf Abruf“ im „Hintergrund“ und „jederzeit telefonisch erreichbar“, außer zwischen 16 und 18 Uhr (Tennis), sowie 19 und 23 Uhr (Oper). Nachher wäre es unhöflich gewesen, sie so spät noch zu wecken.

So war bereits der erste Dienst mit einer gewissen Verantwortung verknüpft. Das, was uns Turnusärzten untertags und unter den gestrengen Blicken einer Heerschar erfahrener Kollegen nicht einmal ansatzweise erlaubt war, nämlich eigenmächtig in der Fieberkurve rumzukritzeln, war mit Einbruch der Nacht, oder besser gesagt, mit Einbruch des Nachmittags, plötzlich ausdrücklich erwünscht.

Es war die Zeit, in der man tatsächlich etwas lernen konnte. Wenn schon nicht von anwesenden Mentoren, so doch von anwesenden Schwestern oder anwesenden Patienten, die einem unter die Arme griffen, getrieben von Mitleid und wohl auch einer gehörigen Portion Misstrauen. Dass man da auch so einiges an Lob abbekam, wie „ihre Kollegin hat das aber schneller hinbekommen!“ (Schwestern) oder „sind Sie sicher, dass Sie schon fertig studiert haben?“ (Patienten) versteht sich von selbst. Aber mit ein paar netten Gesten, einem Lächeln und einer Bonbonniere (für die Schwestern) und einem strengen Blick und ein paar Haldol (für die Patienten) gelang es, das Eis zu brechen.

Die meisten der betreuten Patienten waren nach einiger Zeit am Tropf „stabil genug“, um das Krankenhaus aus eigenen Kräften wieder verlassen zu können. Damit sie die empfohlene Behandlung beim Hausarzt fortzusetzen konnten, mussten wir ausführliche Entlassungsbriefe diktieren, die der Hausarzt dann verächtlich mit der Bemerkung „die im Spital haben ja keine Ahnung, wie es bei uns da draußen abrennt“ ins Altpapier beförderte. Die Patienten wurden wieder auf seine gute, alte Therapie eingestellt, die diese zuvor schon ins Krankenhaus gebracht hatte. So entstand ein Kreislauf, in dem allen gedient war, man konnte auf eine gewisse Stammkundschaft zählen und der Hausarzt wurde als „guter Zuweiser“ gelobt.

In meiner ersten Nacht ist auch niemand verstorben, was ich mal als gutes Omen gedeutet habe. Das ist bei den weiteren Diensten nicht immer so geblieben. Auch wenn ich meines Wissens zumindest nicht bewusst nachgeholfen habe.

In den ersten Ausbildungsjahren habe ich einige grundlegende Dinge gelernt: Zum einen, wie viel Behandlung Menschen vertragen, ohne auf der Stelle tot umzufallen. Zum anderen, dass ein gutes Gespräch einem Patienten mitunter mehr hilft, als eine gute Infusion. Natürlich auch, dass das gute Gespräch, im Gegensatz zur guten Infusion, für eine erfolgte Heilung nie verantwortlich gemacht wird.

Vor allem aber, wie viele individuellen Spielarten es gibt, mit Krankheiten umgehen zu können. Eine davon ist der Humor, auf den ich meine weitere medizinische Laufbahn aufbaute. Es muss in einem der ersten Monate gewesen sein, als mir das Schicksal eines onkologischen Patienten emotional ziemlich zusetzte. Tatsächlich verbrachte ich mehr Zeit an seinem Krankenbett, als medizinisch erforderlich. Es beeindruckte und faszinierte mich, wie er seinem sicheren Ende mit weitaus größeren Abgeklärtheit entgegensah, als die Angehörigen und wir Mediziner. Essen wollte er kaum noch, wohl da er den irdischen Dingen bereits abgeschworen hatte oder die ambitioniert lustlose Spitalskost missbilligte. Auf meine Frage, ob er nicht zumindest den Nachtisch probieren möchte, antwortete er mit verächtlichem Blick auf das Essen: „Herr Doktor, ich muss in ein paar Tagen sterben. Aber glauben Sie mir: Ich möchte nicht an dem da sterben!“ Er grinste mich an, ich lächelte verlegen zurück. Und inmitten von Schläuchen, Harnbeuteln und piepsenden Geräten entstand etwas Friedvolles, das man vielleicht als „heitere Gelassenheit“ umschreiben kann.

Es sind nicht unbedingt die spektakulären Erlebnisse, die beeindrucken. Bei all den Reanimationen, dem knöcheltiefen Waten im Blut einer Ösophagusvarizenblutung oder dem Versuch, einen mit einem Messer bewaffneten, etwas verwirrten, aber doch sehr liebenswerten Patienten zu entwaffnen, gehört diese stille Begegnung zu den nachhaltigsten Erinnerungen. Sie hat mich gelehrt, dass Humor nicht nur bis an die Grenzen gehen kann. Sondern dass er es muss.

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