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Praxis 5. April 2016

Topmanagerin im Homeoffice

Frauen an der Spitze sind überzeugt, dass Elternschaft die Karriere hemmt. Topleute kennen keine Auszeit.

61 Prozent der weiblichen Führungskräfte glauben, dass Kinder ein Karrierekiller sind. Unter den männlichen Topmanagern sind 28 Prozent dieser Ansicht. Problematisch sind Auszeiten.

Von einer gleichberechtigt-kinderfreundlichen Arbeitswelt ist Europa weit entfernt: Im Schnitt meinen 41 Prozent der deutschen Fach- und Führungskräfte, dass Kinder sich negativ auf den beruflichen Werdegang auswirken. Allerdings klaffen die Meinungen zwischen den Geschlechtern stark auseinander, wie eine Forsa-Umfrage unter mehr als 1.000 Fach- und Führungskräften für das Karriereportal „Xing“ im Jänner 2016 ergab.

So beurteilen die Herren im Topmanagement die Lage deutlich besser: 40 Prozent der männlichen Befragten sind sogar der Meinung, dass Kinder positive Folgen im Beruf nach sich ziehen würden. Das sehen aber nur 14 Prozent der weiblichen Führungskräfte ebenso.

Zudem verändert geschlechterübergreifend die Realität den Blick: 44 Prozent der Topkräfte mit Kindern sagen, dass Elternschaft die Karriere hemmt, gegenüber 39 Prozent der Kinderlosen. Wer tagtäglich die Kindererziehung mitsamt dem dazugehörigen Haushalt bewältigt, beurteilt die Karrierechancen offensichtlich schlechter.

Eine, die es auch mit Kindern bis nach ganz oben geschafft hat, ist Sigrid Nikutta. Die Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) erwartet im Juni 2016 ihr fünftes Kind. Eine Auszeit vom Job nimmt die dann 47-Jährige allerdings nicht. „Mit Laptop und Handy werde sie den Betrieb weiter führen – wie schon 2011, als ihr jüngster Sohn Vincent zur Welt kam“, berichtet die „Berliner Zeitung“.

Ob die BVG-Chefin jedoch als Vorbild für andere Managerinnen mit Kinderwunsch/Familie taugt, darf bezweifelt werden. Schließlich will nicht jede Mutter mit Kleinkindern gleich wieder voll einsteigen, unter anderem, weil Männer, die ihren Frauen zuhause den Rücken frei halten, nicht die Regel sind. Aber nur so und/oder mit dem nötigen Geld für flexible Betreuung und Haushaltshilfen scheint es zu funktionieren an der Spitze mit Kindern.

Die deutsche Familienministerin Manuela Schwesig, die Anfang März ihr zweites Kind bekam, ist ein weiterer Beleg dafür. Sie kann sich auf ihren Mann stützen, der bereit ist, zwölf Monate Elternzeit zu nehmen, statt wie die meisten Väter bloß zwei. Immerhin „leistet“ sich die Ministerin die klassischen Mutterschutzwochen. Und behält sich für die Zeit nach ihrer Rückkehr ins Amt vor, manches vom Homeoffice aus zu erledigen.

Wenngleich letzteres Eltern heute in zahlreichen Unternehmen offensteht, ist es damit nicht getan. Denn gerade in der „Rush Hour des Erwerbslebens“, zwischen 25 und 45 Jahren, machen die Beschäftigten die Erfahrung, dass Karriere häufig jederzeitige Verfügbarkeit heißt. „So wird gerade für interessante Tätigkeitsfelder, die mit einem hohen Entwicklungspotenzial einhergehen, eine Vollzeiterwerbstätigkeit erwartet. Das bedeutet, dass Mitarbeiter, die ihre Arbeitszeit – zum Beispiel nach der Elternzeit – reduzieren, häufig einen deutlichen Karriereknick erleben“, wie Katrin Gül und Kollegen in dem Beitrag „Lebensphasensensible Personalpolitik“ (erschienen in „Praxishandbuch lebensphasenorientiertes Personalmanagement“, DOI 10.1007/978-3-658-09198-9_13, © Springer Verlag).

Zuletzt einige Vorschläge, um Karrierechancen für Frauen zu erhöhen:

• Karrieremodelle entwickeln, die Unterbrechungen ermöglichen

• Verfügbarkeitserwartungen hinterfragen und Karriere in Teilzeit möglich machen

• „Späte Karriere“ – Talent-Management gezielt auch auf Beschäftigte über 45 Jahre orientieren

• Individuelle Mitarbeiterberatung ausbauen

springerprofessional.de, Ärzte Woche 14/2016

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