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©  Volker Nies / dpa
In Hessen gibt es genügend Hausärzte und Studenten, die an Ordinationen interessiert sind.
 
Praxis 18. Jänner 2016

So hip ist die Hausarzt-Hack’n

In Österreich wandern Jungmediziner ab, in Deutschland polieren die Kassen indes ihr Langweiler-Image auf.

Die so genannte „Winter Lounge“ an drei deutschen Universitäten bietet Medizinstudenten praktische Informationen und wirbt für die Nachbesetzung von (Land-)Arztpraxen.

Das alte Lied. In Österreich wird die Nachwuchspflege vernachlässigt. 78 Prozent der Allgemeinmediziner sind älter als 50. Umgekehrt gibt es kaum noch junge Ärzte mit Kassenverträgen: Bei den Allgemeinmedizinern ist gerade einmal ein Prozent jünger als 34 Jahre, bei den Fachärzten weist die Statistik null Prozent aus. Das geht aus einer parlamentarischen Anfragebeantwortung des Gesundheitsministeriums im Jahr 2014 hervor. Großartige Änderungen seither sind nicht überliefert. Die Folge: Das Ausland, sprich: Deutschland, wird für Jungmediziner, die ihren heimischen Turnus mit Blutabnehmen und Patientendaten ins System eingeben verbringen, attraktiv.

Vielleicht liegt es aber auch daran, wie dort mit jungen Ärzten umgegangen wird. Angehende Ärzte kann man nämlich durchaus für eine Niederlassung begeistern, wie das Beispiel der KV (Kassenärztlichen Vereinigung) Hessen zeigt: Die hat eine Kampagne für die Niederlassung gestartet, sie bringen Broschüren unters junge Studentenvolk, die Titel wie „Hot Doc“ oder „Lass dich nieder!“ tragen, errichten Sitzecken und stellen Infostände vor Hörsälen auf, wo über die Feinheiten der Ordi-Gründung informiert wird. Diese Infolounges findet seit 2014 zweimal im Jahr jeweils zwei Tage lang an den Universitäten Frankfurt am Main, Marburg und Gießen statt. Damals stieß eine Info-Veranstaltung zur Niederlassung auf wenig Resonanz, sagt Christian Keul, der bei der KV Hessen für die Nachwuchskampagne zuständig ist. „Wir haben damals gemerkt, dass wir im Ansatz etwas ändern müssen.“ Seitdem wurden mehr als 30 Veranstaltungen mit 7500 Kontakten zu Medizinstudenten gezählt. Allein während der jüngsten „Winter-Lounge“ wurden in sechs Tagen an den drei Unis 1200 Kontakte gezählt. Zu Beginn hätten sich viele angehende Ärzte keine Gedanken über eine Niederlassung gemacht. „Was mit Sicherheit auch daran liegt, dass an den Universitäten das Stationäre vorgelebt wird“, erklärt Keul. „Heute sehen viele die Niederlassung als Alternative“, meint er.

Manche sind abgeschreckt

Studentin Bilge Kirkgöze steht noch am Anfang ihres Studiums. Ob sie sich einmal mit einer eigenen Praxis niederlassen möchte, weiß die 19-Jährige heute noch nicht. Aber: „Bei älteren Studenten bekomme ich diese Überlegungen schon mit“, sagt sie. Das größte Problem, sagt sie, seien mangelnde Informationen: „Manche fühlen sich schlichtweg abgeschreckt, und das Hausarzt-Dasein wirkt vermeintlich langweilig.“ Da setzt die KV Hessen an. Keul betont jedoch, dass es sich bei der laufenden Aktion um keine Landarzt-Kampagne handelt. „Wir werben explizit für die Niederlassung“, so Keul. Wohlgemerkt: In Hessen gibt es keinen Hausärztemangel. In Österreich gingen am Land seit 2004 93 Kassenstellen verloren (minus fünf Prozent), in den Großstädten waren es sieben Prozent.

Der Nachwuchs kann rechnen, hüben wie drüben: „Die Förderung ist für die Medizinstudierenden im Gespräch das wichtigste Thema“, sagt Patrick Zuber von der KV-Koordinierungsstelle Weiterbildung Allgemeinmedizin, der den Stand an der Uni Frankfurt betreut. „Viele wollen wissen, welche Möglichkeiten es gibt und was beachtet werden muss.“ Aktuell fördert die KV Hessen das Praktische Jahr in einer akkreditierten akademischen Lehrpraxis in Hessen aktuell mit insgesamt 2400 Euro pro Tertial; darüber hinaus unterstützt das hessische Sozialministerium seit dem Wintersemester 2015/2016 die Famulatur mit bis zu 600 Euro pro Monat.

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